In der Corona-Krise wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Dienstag über einheitliche Erleichterungen für Geimpfte beraten, die eine Auffrischungsdosis bekommen haben. Bundesminister Karl Lauterbach (SPD) hatte sich dafür ausgesprochen, dass für sie bei Zugangsregeln nach dem Modell 2G plus (geimpft, genesen, getestet) der vorgesehene zusätzliche Test entfallen kann - auch als Anreiz dafür, sich "boostern" zu lassen. Einige Länder verfahren schon so. Am Dienstag soll auch ein Expertenrat der Bundesregierung erstmals tagen, dem unter anderem Virologen und Vertreter von Intensivmedizinern und des Robert Koch-Instituts (RKI) angehören. Tausende Gegner der Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung protestierten am Montagabend erneut in mehreren Städten.

Die Regierung setzt angesichts erster Anzeichen für eine womöglich etwas schwächere Corona-Ausbreitung weiter auf hohes Tempo, um mehr Impfungen zu erreichen. Dies liegt auch an der sich ausbreitenden Corona-Variante Omikron.

Politiker mahnen zur umfassenden Vorbereitung auf Omikron-Variante

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen mahnte eine umfassende Vorbereitung auf diese Variante an. In der "Rheinischen Post" (Dienstag) forderte er drei Schritte: eine deutliche Verkürzung des Abstands zwischen zweiter und dritter Impfung - in NRW ist eine Boosterimpfung nach einem Erlass der Landesregierung vom Montag künftig bereits nach vier Wochen und nicht mehr erst nach mehreren Monaten möglich.

Dahmen forderte zudem, es müsse ein Ablaufdatum für Impfzertifikate festgelegt werden, "um den medizinischen Erkenntnissen zur Verringerung des Schutzes gegen eine Infektion Rechnung zu tragen". Drittens müsse die Einreiseverordnung so angepasst werden, dass eine Einreise aus einem Hochrisikogebiet nur mit einem maximal 24 Stunden alten PCR-Test möglich sei.

Der Leiter des neuen Krisenstabs im Kanzleramt, Generalmajor Carsten Breuer, hatte am Montag bei einem Besuch in Sachsen betont, dass Impfwillige auch zwischen Weihnachten und Neujahr offene Impfstellen finden müssten. "Impfen, Impfen, Impfen - darauf kommt es jetzt an."

Was ist ein "Booster-Bonus"?

Lauterbach hatte vor den Minister-Beratungen am Dienstag einen Vorschlag dazu angekündigt, dass Geboosterte bei Zugangsregeln nach dem Modell 2G plus vom vorgesehenen zusätzlichen Test befreit sein sollen. Geimpfte mit Auffrischimpfungen noch zum Testen zu schicken, sei medizinisch nicht sinnvoll, sagte er der ARD. Zudem könne ein Ende der Testpflicht ein Anreiz sein, sich boostern zu lassen.

Ähnlich äußerte sich auch die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus. Der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: "Man hat auch mit einer Drittimpfung natürlich keinen hundertprozentigen Schutz. Aber selbst wenn ein Impfdurchbruch kommen sollte, ist man gut vor einem schweren Verlauf geschützt."

Vor Lockerungen für Geboosterte warnte dagegen die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert. Solch ein Schritt sei verfrüht, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag). "Es wäre klüger, abzuwarten, wie sich die Pandemie in den kommenden Wochen entwickelt."

In einigen Ländern sind Geboosterte bereits von Testpflicht befreit

In mehreren Ländern sind Geboosterte bereits von der Testpflicht bei 2G plus ausgenommen - so in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Baden-Württemberg und im Saarland. In Baden-Württemberg und in Thüringen etwa gilt dies auch für Menschen, deren zweite Impfung weniger als sechs Monate zurückliegt, und für Genesene, deren Covid-19-Erkrankung nicht länger als sechs Monate her ist.

Erste Labortests zeigten, dass Antikörper von Geimpften vergleichsweise schlecht auf die stark mutierte Omikron-Variante ansprechen. Dieser verschlechtere Schutz kann durch eine Booster-Impfung wohl zumindest in Teilen ausgeglichen werden.

Sie erhöht den Antikörperspiegel im Blut. Auf Omikron zurückgehende Impfdurchbrüche sind aber auch bei bereits geboosterten Menschen dokumentiert worden. Verlässliche Daten dazu, in welchem Ausmaß Geboosterte andere Menschen anstecken, wenn sie mit Omikron infiziert sind, gibt es noch nicht.

Drosten, Streeck, Wieler und Co.: Expertenrat nimmt Arbeit auf

Wie die Gesundheitsminister will am Dienstag auch ein Expertenrat der Regierung tagen - zum ersten Mal. In der virtuellen Auftaktsitzung dürfte es zunächst auch um eine Arbeitsstruktur gehen. Ziel sei, dass das Gremium zu möglichst einhelligen Empfehlungen für die Politik komme, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Mitglieder des Rats sind die Virologen Christian Drosten, Hendrik Streeck und Melanie Brinkmann, RKI-Präsident Lothar Wieler, der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, die Physikerin Viola Priesemann und der Intensivmediziner Christian Karagiannidis.

Lauterbach sagte der "Rheinischen Post": "Der stärkere Einbezug der Wissenschaft wird meine Arbeit prägen. Der Austausch mit den früheren Kolleginnen und Kollegen wird Basis meines Krisenmanagements und der gesamten Bundesregierung sein." Gerade in dieser schwierigen Phase komme der Einschätzung des Expertenrates eine ganz zentrale Rolle zu. "Um politisch entscheidungsfähig zu sein, werden wir unter anderem darüber diskutieren, wie gefährlich die neue Omikron-Variante ist, wie stark Boostern hilft und wie wir die aktuelle Welle weiter brechen", sagte Lauterbach. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bemängelte mit Blick auf die Sitzung des Gremiums eine fehlende starke Beteiligung der Altenpflege. Noch immer ignorierten Bund und Länder, dass erst Fehler in den Pflegeheimen zur Krise in den Krankenhäusern führten, sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa.