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Münster
Missbrauch

Weitere Opfer und Täter in bundesweitem Kinder-Missbrauchsfall ermittelt

Selbst die erfahrenen Ermittler sind schockiert: Mehrere Fälle von Kindesmissbrauch wurden Anfang Juni in Münster aufgedeckt. Die ermittelten Taten machen fassungslos und noch immer kommen neue Opfer hinzu - doch auch die Zahl der Täter steigt.
 

Ein neuer Kinder-Missbrauchsfall in Deutschland: Wie ein Paukenschlag schlug diese Nachricht am Samstag (6. Juni 2020) ein. In Münster und in anderen Orten in Deutschland wurden elf Verdächtige festgenommen. Sie sollen Kinder missbraucht haben.

Drei Opfer wurden auch bereits identifiziert: Sie sind laut Polizei zwischen fünf und 12 Jahre jung sein. Als Beweismaterial haben die Ermittler rund 500 Terabyte Daten sichergestellt. Die Ermittlungen laufen aber weiter. Mit Hilfe der Daten konnten die Beamten nun weiter Opfer und Täter ausfindig machen. Die aktuellen Entwicklungen im Ticker:

Update vom 17.06.2020: Weiter Opfer und Täter identifiziert

Im Kindesmissbrauchsfall Münster hat sich die Zahl der Opfer und der Tatverdächtigen erhöht. Inzwischen gebe es 18 Tatverdächtige und sechs identifizierte Opfer im Kindesalter, teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch im Innenausschuss des Landtags mit. Sieben Verdächtige säßen nach wie vor in Untersuchungshaft.

Zunächst waren drei Opfer im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren ermittelt worden. Hinzu kamen nach Angaben der Polizei zwei Kinder, deren Väter Anzeige erstattet hätten. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27 Jahre alten Hauptverdächtigen, der bereits zweimal wegen des Besitzes von Kinderpornografie vorbestraft ist. Im Fall des sechsten Opfers werde noch ermittelt, sagte ein Sprecher der Polizei.

Die Zahl der Tatverdächtigen in dem Anfang Juni öffentlich gewordenen Fall stieg inzwischen um sieben auf 18. Unter ihnen können nach dpa-Informationen auch beteiligte Personen sein, denen man zunächst keinen konkreten Missbrauch nachweisen kann. Die Verdächtigen kommen aus mehreren Bundesländern.

Update vom 07.06.2020:  Eine Beschuldigte ist Erzieherin in Kita

Der Missbrauchsfall von Münster zieht weitere Kreise. Am Sonntag wurde bekannt, dass eine der elf festgenommenen Verdächtigen bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin gearbeitet haben soll. Dabei handelt es sich um die Mutter des Hauptbeschuldigten, ein 27-jähriger IT-Experte aus Münster. Die Mutter soll sogar bis zuletzt in einem Kindergarten gearbeitet haben. Ihre Gartenlaube in Münster gilt als Haupttatort.

"Die Leitung der Kita wurde von uns informiert", sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hatte zuvor über den Arbeitsplatz der Frau berichtet.

Update vom 07.06.2020: Suche nach weiteren Opfern und Täter hält an

Einen Tag nach Bekanntwerden eines großen neuen Falls von schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern in Münster gibt es keine Veränderung beim Ermittlungsstand. «Wir haben keine weiteren Opfer und keine weiteren Täter», sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Sonntag der Deutsche-Presse-Agentur.

Die Polizei hat drei Kinder als Opfer identifiziert. Sie sind fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Elf Tatverdächtige wurden festgenommen, sieben Beschuldigte, darunter eine Frau, befinden sich in Untersuchungshaft. Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Experte aus Münster. Bei den weiteren Beschuldigten handelt es sich um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Schorfheide, Kassel und Köln.

Meldung vom 06.06.2020: Neuer Missbrauchsfall - Ermittler ringt um Fassung

Es ist wohl erst die Spitze des Eisbergs, betonen die Ermittler - doch Dimension und erste Details des nun in Münster bekanntgewordenen Falls von Kindesmissbrauch sind schon jetzt schwer erträglich: Binnen dreieinhalb Wochen nahm die Polizei elf Beschuldigte aus mehreren Bundesländern fest - darunter auch aus Hessen. Sieben sitzen in U-Haft. Drei Jungen im Alter fünf, zehn und zwölf Jahren sind als Opfer identifiziert. Bisher, wie die Behörden betonen.

Nach Durchsuchungen an zwölf Orten stellten die Behörden Festplatten und Datenträger mit mehr als 500 Terabyte hochprofessionell verschlüsselten Materials sicher. "Das gibt nur völlig unzureichend die Dimension dessen wieder, was wirklich geschehen ist - mitten unter uns in unserer Gesellschaft", sagt Münsters Polizeipräsident, als er am Samstag die bisherigen Erkenntnisse seiner Behörde vorstellt.

Videobilder dokumentieren abscheuliche Taten: Vier Männer misshandeln Buben stundenlang

Die Videobilder, zu denen die Ermittler bislang Zugriff haben, dokumentieren demnach abscheulichste Taten. Der Leiter der Ermittlungen, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, ringt um Fassung, als er etwa das mutmaßliche Geschehen in einer Gartenlaube in Münster in einer Nacht Ende April schildert: "Vier erwachsene Männer vergehen sich an zwei kleinen Jungs. Wechselseitig und aufs Schlimmste." Über Stunden hätten sich die Missbrauchstaten hingezogen. Die Ermittler hätten "unfassbare" Bilder sehen müssen, sagte Poll. Mit den Worten "nun beginnt das Schockierende" begann der Leiter der Ermittlungen am Samstag seine Schilderung des Missbrauchs zweier zehn und fünf Jahre alten Jungen. "Sie können es sich nicht vorstellen", sagte Poll. Das Häuschen ist innen ausgestattet mit videoüberwachten Doppelstockbetten. Und auch außen hängen Kameras. In einer gut getarnten Zwischendecke sind hochprofessionelle Aufzeichnungstechnik und Computer versteckt. Der 27-Jährige Hauptverdächtige in dem Fall ist ein IT-Techniker.

In der Laube mit ihrem sorgsam gejäteten Vorgarten soll er den 10-jährigen Sohn seiner Lebensgefährtin den anderen Männern für die Gewalttaten zur Verfügung gestellt haben. "Er ist verkauft worden von demjenigen, der ihn eigentlich behüten sollte", sagt Poll. Das zweite Opfer ist der fünfjährige Sohn eines weiteren mutmaßlichen Peinigers aus Staufenberg bei Gießen.

Erschüttert zeigt sich Poll auch über das planvolle, konspirative und versierte Vorgehen, was die Verschlüsselung, die Speicherung und die Verbreitung der Missbrauchsbilder auf Plattformen im Darknet betrifft. Einen Kellerraum in Münster hatte der 27-Jährige zu einem hochprofessionellen Serverraum umgebaut. "Vollgestopft" mit IT- und Speichertechnik, klimatisiert zudem, "weil sonst einfach die Rechner zu heiß laufen würden", wie Poll schildert. Die Expertise des 27-Jährigen ist es wohl auch, die es möglich machte, dass er überhaupt noch auf freiem Fuß war, obwohl er bereits vor einem Jahr wegen des Besitzes von Kinderpornografie ins Visier der Ermittler geraten war. Nicht das erste Mal, was zwei einschlägige Verurteilungen zu Bewährungsstrafen belegen. Doch es dauerte ein Jahr, bis es den Experten der Polizei gelang, bei ihm bereits im April 2019 sichergestelltes Material zu entschlüsseln.

Nicht nur ein Einzeltäter, sondern ein ganzes Netz der sexuellen Gewalt gegen Kinder

Als den Ermittlern beim Sichten der Videos klar wurde, dass er nicht bloß Filme von sexueller Gewalt an Kindern verbreitet, sondern auch selbst Missbrauch begangen und anderen ermöglicht haben soll, kam er am 14. Mai in Haft. Die immensen Datenfunde bei Durchsuchungen, die Befragungen und weiteren Ermittlungen ließen dann bald erkennen, dass es hier nicht um einen Einzeltäter geht, sondern ein ganzes Netz der sexuellen Gewalt gegen Kinder - mit mehr Tätern, mehr Tatorten, mehr Querverbindungen und schlimmstenfalls auch mehr jungen Opfern.

"Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus", sagt Rainer Furth, Polizeipräsident von Münster. Nun wird es ihre belastende Aufgabe sein, Datei um Datei "von diesem abscheulichen Dreck", wie Furth es ausdrückt, zu entschlüsseln, zu sichten, um den Fall Schicht um Schicht aufzuklären.

Welche Kreise solche Ermittlungen ziehen können, zeigt der nicht minder erschütternde bundesweite Missbrauchskomplex, der im nordrhein-westfälischen Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm. Dort hatten Ermittler im vergangenen Oktober die Wohnung eines 42-Jährigen durchsucht und dabei riesige Mengen kinderpornografischen Materials gefunden. Spezialisten sind bis heute mit der Auswertung beschäftigt.
Die Ermittler entdeckten Chat-Gruppen, in denen sich nach früheren Angaben bis zu 1800 Pädophile austauschten. Opfer waren demnach oft die eigenen Kinder, darunter auch Babys. Polizei und Staatsanwaltschaft haben in dem Komplex bundesweit bisher mehr als 70 Tatverdächtige identifiziert, fast die Hälfte davon aus Nordrhein-Westfalen. Zudem gebe es 44 bekannte Opfer.