Deutschlands Kassenärzte haben davor gewarnt, dass Praxen sich wegen Impfstoffmangels aus der Corona-Impfkampagne ausklinken. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, rief die impfwilligen Bürgerinnen und Bürger zu Verständnis dafür auf, dass Termine nur kurzfristig vergeben werden könnten und auch öfters umgebucht werden müssten. "Die Praxen tun alles, was möglich ist", sagte Gassen.

Zu einzelnen Berichten über aus der Impfkampagne ausgestiegenen Ärzten sagte KBV-Vize Stephan Hofmeister, dies seien Einzelfälle. Nötig seien aber mehr Impfstoff und möglichst wenig Bürokratie in den Praxen, sonst drohe der Ausstieg von Ärztinnen und Ärzten vermehrt. Dies könne dramatische Folgen für die Impfkampagne haben.

Massive Probleme und Frust bei Arztpraxen

"Wir haben uns darauf eingelassen, nur eine Woche vorher zu bestellen", erläuterte Hofmeister bezüglich des Impfstoffs. Wenn eine Praxis dann erst kurz vor den bereits ausgemachten Terminen erfahre, dass weniger oder anderer Impfstoff komme, "dann geht das wilde Telefonieren los, dann müssen Termine abgesagt, umgebucht werden", sagte Hofmeister. "Das führt zu Wut bei den Patienten, das führt zu erheblichen Auseinandersetzungen, das kostet Zeit und Nerven." Auch in Bamberger Arztpraxen ist das Problem bekannt: Die Telefone würden nicht mehr stillstehen, durch den mangelnden Impfstoff sei die Lage teilweise katastrophal

Hofmeister sagte: "Ich will nicht ausschließen, dass der eine oder andere deshalb sagt: Das mache ich nicht mehr länger mit." Ein Massenphänomen sei das nicht. "Es ist immer noch viel zu wenig Impfstoff da, und es ist vor allem unsicher, ob dann dieser Impfstoff in Sorte und Menge so ankommt, wie bestellt."

Gassen erläuterte, so werde der Impfstoff von Johnson & Johnson verspätet, nämlich erst am 25. Mai geliefert. Das Hin und Her zum Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs habe die Arbeit in den Praxen auch nicht gerade erleichtert, sagte er mit Blick auf die wechselnden Empfehlungen für das Vakzin. In Teilen Deutschlands habe es gar keinen Astrazeneca-Impfstoff in dieser Woche gegeben, teilte Gassen ferner mit. Da bereits die ersten Praxen die nötigen Zweitimpfungen verabreichen müssten, müsse knapper Impfstoff zudem hierfür eingesetzt werden. "Aber das Problem ist bald gelöst hoffentlich", sagte Gassen. Im Juni gebe es mehr Impfstoffe.

Nicht schneller, sondern nur mehr Konkurrenz?

Das in dieser angespannten Lage die Impfpriorisierung aufgelöst werden soll, stößt bei vielen Akteuren auf Unverständnis. So erklärte Verena Di Pasquale, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, anlässlich der Pläne der Bayerischen Staatsregierung, die Impfpriorisierung bei den niedergelassenen Ärzten bereits ab Donnerstag, dem 20. Mai, komplett aufzuheben: „Wir unterstützen das Ziel, möglichst bald allen Impfwilligen ein Impfangebot zu machen, um die Pandemie rasch einzudämmen. Solange jedoch nicht ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, sollte an der auf Basis wissenschaftlicher Empfehlungen festgelegten Priorisierung von Risikogruppen festgehalten werden. Es ist in unser aller Interesse, dass diejenigen vorrangig geschützt werden, die aufgrund ihrer persönlichen Situation, ihres Alters, ihres Berufs oder aus gesundheitlichen Gründen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind.“

Di Pasquale zufolge würden nach wie vor viele Menschen aus Priorisierungsgruppe 3 auf ein Impfangebot warten. „Sowohl die Kommunen wie auch die Vertreter*innen der Ärzteschaft beklagen seit Wochen, dass Impfstoff an allen Ecken und Enden fehlt. Entsprechend der Vorgaben der Bayerischen Staatsregierung werden die bayerischen Impfzentren in den kommenden Wochen kaum noch Erstimpfungen durchführen können, damit ausreichend Impfstoff für die anstehenden Zweitimpfungen zur Verfügung steht. Dass die Staatsregierung dennoch die Priorisierung für alle Impfstoffe bereits ab morgen aufheben will, ist ein falsches Signal, das an vielen Stellen zu Enttäuschungen führen wird.“

Bei Impfstoffknappheit führe eine Aufhebung der Priorisierung laut Di Pasquale nicht dazu, dass rasch mehr Menschen geimpft werden können. Vielmehr sei eine noch stärkere Konkurrenz um die vorhandenen Impftermine die Folge, was soziale Konflikte und Ungleichheit noch verschärfen würde. „Nach fast eineinhalb Jahren ist klar: Wir können die Pandemie nur zusammen überwinden. Daher gilt es jetzt auch beim Thema Impfungen solidarisch zu bleiben, bis ausreichend Impfstoff für alle Impfwilligen vorhanden ist“, so Di Pasquale abschließend.

rowa/mit dpa