Der mutmaßliche Schütze aus Idar-Oberstein wollte Bier kaufen und wurde zum Mörder. Der Grund: Der Täter sollte eine Maske tragen. Aus Wut über die Corona-Maßnahmen schoss der Mann einen 20-jährigen Kassierer nieder.

Nun prüft die Polizei das Twitterprofil des Täters: "Es gibt Hinweise auf das Twitterprofil des Tatverdächtigen. Wir gehen diesen Hinweisen nach." Von vielen Nutzer*innen sei die Polizei auf Twitter-Aktivitäten des Täters hingewiesen worden. Wie Recherchen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und des Thinktanks CeMAS ergaben, fiel der mutmaßliche Täter vor zwei Jahren auf seinem Twitter-Profil mit Gewaltfantasien auf.

Malu Dreyer (SPD) kündigt erhöhte Polizeipräsenz an

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hat vermehrte Polizeipräsenz angekündigt und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt aufgerufen. Dies ließ sie bei einem Pressestatement verlauten. Vor allem zur Bundestagswahl sollten verstärkt Polizeikräfte im Einsatz seien. Derzeit werde außerdem ermittelt, wie der mutmaßliche Täter an die Waffe kommen konnte. Dem Verfassungsschutz sei der Täter bislang nicht bekannt gewesen. 

Dreyer kritisierte außerdem, dass der Angriff im Internet von Corona-Leugner*innen und Querdenker*innen instrumentalisiert werde, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Wer einen Mord rechtfertigt oder begrüßt, bereitet den Nährboden für Gewalt", so Dreyer. 

„Wir löschen nicht nur, wir verfolgen auch. Wir sind sehr konsequent“

„Das Internet ist kein rechtsfreier Raum“, bekräftigte Dreyer und fügte hinzu: „Wir löschen nicht nur, wir verfolgen auch. Wir sind sehr konsequent“. Die Äußerungen des Täters nannte sie "unfassbar zynisch."

Ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin sprach am Mittwoch von einem Einzelfall: "Nach allen Erkenntnissen, die wir bisher haben, handelt es sich um einen Einzelfall" - auch wenn man von einem extremen Einzelfall sprechen müsse. Daraus könne man keine "generalisierenden Rückschlüsse" ziehen. Auf weitere Beteiligte "im strafrechtlichen Sinne" gebe es derzeit keine Hinweise.

Auch der Innenminister von NRW, Herbert Reul (CDU), äußerte sich zu der Tat: "Solche Leute dürfen sich in den unzähligen Verästelungen des Netzes nicht sicher fühlen. Deshalb werden wir das Netz noch intensiver durchleuchten, um das Identitätspuzzle zusammenzusetzen und die Hetzer aus der Anonymität herausholen."

Idar-Oberstein trauert, rechte Gruppierungen feiern die Tat

Die 31.000-Einwohner*innen-Stadt Idar-Oberstein trauert um den 20-jährigen Kassierer. Währenddessen freuen sich andere auf Telegram über die Tat. Sie sehen den Widerstand als einen lang gehegten Befreiungsschlag gegen die Corona-Regeln.

Am Samstagabend betrat der 49-Jährige die Tankstelle, um einen Sechserpack Bier zu kaufen. Als er aufgefordert wurde, eine Maske zu tragen, verließ er mit einer Drohung die Tankstelle. Später kehrte er zurück, kaufte erneut Bier, diesmal mit Maske. Als er vor der Kasse stand, zog er die Maske ab und schoss dem 20-Jährigen direkt in den Kopf.

Während Idar-Oberstein Trauerbeflaggung anordnet und Bürger*innen Kerzen und Blumen vor der Tankstelle niederlegen, freuen sich rechte Gruppen über die Tat auf Telegram. Wie der Tagesspiegel schreibt, sind vor allem im Chat-Kanal des rechtsextremen Verschwörungsideologen Sven Liebich Hassbotschaften besonders schnell entflammt.

Hass schlägt um in Gewalt: "Wenn's die richtigen trifft, hab ich nichts dagegen"

Dort sei zu lesen gewesen, dass es "Kein Mitleid" mit Leuten gebe, die einen "immer mit dem Maskenscheiß nerven". Denn "da dreht irgendwann mal einer durch. Gut so". Außerdem sei es laut der Chat-Kommentare nachvollziehbar, wenn jemand "die Schnauze voll" habe: "Wenn's die richtigen trifft, hab ich nichts dagegen".

Doch es sind nicht nur einzelne Kommentare, die erschüttern. Die Gewalttat in Rheinland-Pfalz wird als Notwehr und lang ersehnter Befreiungskampf gezeichnet, ein Freischlag gegen die "Merkel-Diktatur", wie der Tagesspiegel schreibt. 

"Es ist grausam, welche Auswirkungen der Hass hat"

Während Verschwörungstheoretiker*innen und rechte Anhänger*innen auf Chat-Kanälen ungestört hetzen, bekunden Politiker*innen Anteilnahme und verurteilen die Tat auf Twitter.

So schreibt die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt: "Der furchtbare Mord an einem jungen Mann in Idar-Oberstein erschüttert mich zutiefst. Mein Mitgefühl & Beileid gilt seiner Familie & Freunden. Es ist grausam, welche Auswirkungen der Hass hat".

Auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak äußert sich auf Twitter: "Eine unfassbare Tat, ein unfassbarer Anschlag. Ein junger Mensch wird nahezu hingerichtet, weil er auf die Maskenpflicht hinweist. Ein unfassbares Maß an Radikalisierung!".

Der 49-jährige Deutsche, der am Sonntag, 19. September, in der Nähe der Polizeiwache festgenommen worden ist, wurde am Montag, 20. September, dem Haftrichter vorgestellt. Er hat die Tat inzwischen gestanden

Hier kannst du nachlesen, wie die Kriminalpsychologin Lydia Beneke das Verhalten des mutmaßlichen Täters beurteilt: "Für eine solche Tat kann es sehr unterschiedliche Hintergründe geben."