Berlin
Umfrage der Woche

Hetzjagd oder legitimer Kampf - Ist die Kritik an SUVs gerechtfertigt? Das sagen unsere Leser

SUVs stehen in der Kritik - spätestens seit dem schlimmen Unfall zuletzt in Berlin. Wir haben gefragt, ob die Geländewagen aus den Städten verbannt werden sollten. Die Ergebnisse und Hintergründe gibt es hier.
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Frankfurt/Main: Demonstranten von Greenpeace stehen mit einem Transparent mit der Aufschrift «Raus aus Diesel und Benzin», dahinter fordern Demonstranten mit großen gelben Buchstaben «Stop SUV». Ist die Kritik an den SUV gerechtfertigt? Foto: Marius Becker/dpa
Frankfurt/Main: Demonstranten von Greenpeace stehen mit einem Transparent mit der Aufschrift «Raus aus Diesel und Benzin», dahinter fordern Demonstranten mit großen gelben Buchstaben «Stop SUV». Ist die Kritik an den SUV gerechtfertigt? Foto: Marius Becker/dpa

Als Fahrer eines SUV hat man es zur Zeit nicht leicht: Spätestens seit dem schweren Unfall in Berlin am 6. September, bei dem vier Menschen starben, vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo auf potenzielle Gefahren durch "Sport Utility Vehicle" hingewiesen oder ihr Spritverbrauch verteufelt wird.

Potenziert wurde diese Kritik durch die Internationale Automobilausstellung IAA in Frankfurt, die Umweltschützer als Bühne für ihre Fundamental-Kritik an der Automobilindustrie nutzten.

Hetzjagd gegen SUV-Fahrer?

Bei vielen Menschen löst dies Unverständnis aus. Fahrer von SUV sehen sich einer Hetzjagd ausgesetzt. Teilweise zu recht, wie unser Kommentator findet. Die Fronten scheinen verhärtet. Und sie ziehen sich durch die gesamte Gesellschaft: Laut Kraftfahrtbundesamt waren bereits im vergangenen Jahr 18.3 Prozent aller neu zugelassenen Pkw in Deutschland SUV. In diesem Jahr werden SUV wohl den größten Marktanteil besitzen - über 1 Millionen Neuwagen dieses Typs könnten heuer verkauft werden. Dabei sind SUV alles andere als zeitgemäß - was auch viele SUV-Fahrer wissen und genau deshalb so gereizt reagieren, meint unser Kommentator.

Gefahr durch SUV - das sagen unsere Leser

Dieses Unverständnis zeigt sich auch in unserer Umfrage der Woche: In den vergangenen Tagen haben wir unsere inFranken.de-Leser gefragt, ob SUVs aus den Städten verbannt werden sollten. 4732 Menschen haben abgestimmt (Stand 17. September 19, 12.30 Uhr) - die überwältigende Mehrheit (72%) hält SUVs auch nicht für gefährlicher, als andere Autos. Nur 20 Prozent sehen tatsächlich eine erhöhte Gefahr durch SUV.

Ein Blick in die Facebook-Kommentare unserer Nutzer zeigt, wie frustriert einige Leser ob der heftigen Kritik an SUV sind: Vor allem der Sicherheitsaspekt sorgt für Kopfschütteln: "Das Problem sind nicht die großen Autos, sondern die Fahrer, die damit nicht umgehen können", schreibt ein Nutzer unter unserem Artikel zur heftigen Kritik an einer SUV-Werbung von Mercedes. Und ein anderer fragt, "wie viele Verkehrsunfälle im Jahr durch umgebungsblinde Smartphone-User passieren".

Einige Nutzer nehmen es hingegen mit Humor: "Gott sei Dank sind es jetzt die SUV und sie lassen uns LKW-Fahrer in Ruhe".

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SUV wirklich gefährlich? Das sagen die Experten

In der Debatte um die Unfallgefahr von SUVs warnen vor allem Experten vor Pauschalurteilen. "SUV ist nicht gleich SUV", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Gerade bei schweren SUVs und hohen Geschwindigkeiten könne die Masse des Fahrzeugs zwar einen Unterschied machen. "Das ist dann fast wie bei einem Lkw, der Ihnen hinten draufknallt."

Bei schweren Fahrzeugen anderer Gattungen wäre das jedoch kaum anders - Limousinen etwa. Gleichzeitig gebe es auch kleine, kompakte SUVs. "Und grundsätzlich sind SUVs unfalltechnisch nicht besonders auffällig", sagt Bratzel.

Rambos am Steuer? Ein Kaufmotiv für SUV ist gerade die Sicherheit

Wichtig sei auch, an welcher Stelle ein Mensch auf ein Auto aufpralle. "Tödliche Verletzungen erleidet man in der Regel im Brustkorbbereich und erst recht im Kopfbereich, " sagte der Unfallforscher der Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann, gegenüber der dpa. Die härtesten Teile der Autofront seien die Kanten links und rechts sowie oberhalb der Windschutzscheibe. "Wenn man die mit dem Kopf trifft, ist das in der Regel tödlich." Bei einem Polo oder Smart könne das leichter passieren als bei einem großen Auto mit einer langen Haube.

Brockmann betonte außerdem die Bedeutung des Fahrers - und in SUV säßen nicht unbedingt "Rambos" am Steuer: Nach Umfragen schätzen viele Frauen und ältere Leute die Wagen, weil sie wegen der Höhe leichter ein- und aussteigen können und eine größere Übersicht haben. Ein Kaufmotiv sei gerade auch die Sicherheit: "Die größere Masse bietet einen Vorteil gegenüber der kleineren."

Politische Unterstützung für die Autoindustrie

"In Berlin ist ein besonders schlimmer Unfall mit einem SUV passiert - der uns alle schockiert hat", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, dem "Spiegel". "Dass mancher das Ereignis sofort instrumentalisiert, um sein eigenes politisches Süppchen zu kochen, finde ich total daneben."

Es gebe eine "Lust auf Bevormundung und am Untergang einer Schlüsselbranche", meinte auch FDP-Chef Christian Lindner. Wenn wie beim tödlichen Unfall mit einem Geländewagen SUV in Berlin von Mord und Protz zu lesen sei, könne es nur um Kulturkampf gehen.

Auch der Automobilclub ADAC hält ein Verbot von Sportgeländewagen naturgemäß weder für umsetzbar noch für sinnvoll. "Entscheidend für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern ist vielmehr das verantwortungsvolle Führen von Kraftfahrzeugen", teilte ein ADAC-Sprecher mit.

Doch der Sicherheitsaspekt ist bei SUVs nur ein Kritikpunkt: Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan sagte, mit Blick auf die Klimakrise sei es völlig unverantwortlich, SUVs herzustellen und zu fahren. "Die deutschen Hersteller müssen weg von übermotorisierten Klimakillern und viel stärker auf leichte E-Autos und Mobilitätsdienstleistungen setzen." Ebenso naturgemäß fällt die Kritik von Klima- und Naturschützern an SUV aus.

Deutsche Umwelthilfe kritisiert "Monster-SUV"

Die Deutsche Umwelthilfe hat der deutschen Autoindustrie deshalb eine verfehlte Modellpolitik vorgeworfen. Der Geschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, sagte vor der IAA, es gebe derzeit nur wenige rein elektrische Fahrzeuge auf dem Markt. Die deutschen Hersteller hätten im internationalen Vergleich einen großen Rückstand. Sie setzten statt dessen auf große und schwere Fahrzeuge mit viel Leistung - Resch sprach von "Monster-SUV".

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