Chemnitz
Proteste und Kundgebungen

Demonstrationen in Chemnitz: Neun Verletzte, 25 Straftaten, Vermummte greifen 20-Jährigen an

In Chemnitz sind am Samstag erneut fast 10.000 Menschen auf die Straße gegangen. Laut Polizeibilanz gab es neun Verletzte und zahlreiche Straftaten. Etwas abseits der Demonstrationen wurde ein junger Afghane von Vermummten angegriffen. Alle Infos im Newsticker.
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Chemnitz: Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida, der sich auch die Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz angeschlossen haben, ziehen durch die Stadt. Foto: ---/dpa-Zentralbild/dpa
Chemnitz: Teilnehmer der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida, der sich auch die Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz angeschlossen haben, ziehen durch die Stadt. Foto: ---/dpa-Zentralbild/dpa

Update vom 02.09.2018 11.10 Uhr: Nächste Massenveranstaltung steht an

Nach den Kundgebungen mit mehr als 8500 Teilnehmern blickt Chemnitz nach einer kurzen Verschnaufpause schon auf die nächste Großveranstaltung. Unter dem Motto "#wir sind mehr" steigt am Montag ein Gratis-Konzert gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in Sachsens drittgrößter Stadt. Mit dabei sind unter anderem Kraftklub, die Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet.

Update vom 02.09.2018 10 Uhr: Weitere Kundgebungen am Sonntag

Für Sonntag sind weitere Kundgebungen in Chemnitz angekündigt. So ist für 15 Uhr auf dem Chemnitzer Neumarkt eine Versammlung unter dem Motto "Chemnitzer Bürger setzen ein demokratisches Zeichen gegen Gewalt und Fremdenhass" geplant. Angemeldet sind dazu laut Versammlungsbehörde 500 Teilnehmer.

Außerdem lädt die evangelische Kirche ab 16 Uhr zu einer Kundgebung auf den Neumarkt ein.

Update vom 02.09.18, 8.50 Uhr: Neun Verletzte und mindestens 25 Straftaten in Chemnitz

Bei den Demonstrationen in Chemnitz sind nach einer ersten Bilanz der Polizei neun Menschen verletzt worden. Zudem wurden mindestens 25 Straftaten verzeichnet, wie die Polizei am späten Samstagabend mitteilte. Details zu den Verletzten nannte die Polizei nicht. Bei den Straftaten handelte es sich den Angaben zufolge um Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Insgesamt waren 1800 Beamte im Einsatz. Die sächsischen Beamten wurden von Kollegen aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und der Bundespolizei unterstützt. An den verschiedenen Kundgebungen beteiligten sich den Angaben zufolge rund 9500 Menschen.

Rangeleien mit der Polizei lieferten sich auch Teilnehmer aus einer Gruppe von 300 Personen, die versucht hatten, zu einer Versammlung der AfD vorzudringen, wie die Polizei weiter mitteilte. Die Beamten sicherten wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs die Personalien der Betroffenen.

Abseits der Demonstrationen wurde ein 20-jähriger Afghane von vier vermummten Menschen angegriffen und geschlagen. Der Mann erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei prüft, ob es sich bei den Tätern möglicherweise um ehemalige Versammlungsteilnehmer handeln könnte.

Update vom 01.09.18, 19.40 Uhr: Rechter Demonstrationszug beendet

Die Veranstalter des rechten Demonstrationszugs in Chemnitz haben das vorzeitige Ende der Kundgebung angekündigt. Nachdem der Zug zunächst nur stockend vorankam und dann auf Höhe des Denkmals mit dem Karl-Marx-Kopf stoppen musste, erklärten die Organisatoren unter lautstarkem Protest den Zug für beendet. Allerdings verharrten die meisten Demonstranten auf der Stelle und zogen nicht ab. Die Polizei hatte zuvor davon berichtet, dass Gegendemonstranten versucht hätten, auf die Strecke zu gelangen.

Update vom 01.09. 15.30 Uhr: Polizei hat Demonstrationen unterschätzt- Panne am Montag?

Die Bundespolizei und das Innenministerium in Sachsen haben einen Bericht über eine "schwere Panne" als Grund für die Unterbesetzung der Polizei bei den Ausschreitungen am vergangenen Montag in Chemnitz zurückgewiesen.

Das Lagezentrum habe darauf verzichtet, beim Bundespolizeipräsidium in Potsdam nach Verstärkung zu fragen, sagte ein Ministeriumssprecher in Dresden am Samstag auf Anfrage. Die zusätzlichen Kräfte und Hubschrauber wären erst kurz vor Mitternacht vor Ort gewesen, erklärte er. Die "Welt am Sonntag" (Sonntag) schrieb von einer "schweren Panne" und "fehlerhaftem Verhalten".

Während des Einsatzes am Abend hatte es laut "Welt am Sonntag" einen Hilferuf der Polizeidirektion Chemnitz an das Lagezentrum des Innenministeriums gegeben. Dieses habe "unverständlicherweise" nicht den üblichen Meldeweg beschritten.

Zuständig für derartige Anforderungen wäre laut Zeitung das Bundespolizeipräsidium in Potsdam und nicht die untergeordnete Dienststelle in Pirna gewesen. Von dort hätten mehrere Hundertschaften nach Chemnitz beordert werden können.

Der Sprecher der Bundespolizei, Ivo Priebe, bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Bitte des sächsischen Innenministeriums um Unterstützung an die Bundespolizeiinspektion Pirna ging. Deren Kräfte seien aber bereits gebunden gewesen, etwa am Chemnitzer Bahnhof mit 60 Beamten. In Pirna habe man darauf hingewiesen, dass weitere Kräfte beim Bundespolizeipräsidium in Potsdam nachgefragt werden müssten. Wegen der Entfernung und der Zeit, die zu Vorbereitung und Anreise nötig gewesen wäre, habe man davon Abstand genommen.

Es gebe keine generelle Regel, sagte der Bundespolizeisprecher zu der Frage, wo das Innenministerium die Unterstützung hätte anfordern müssen. In adhoc-Situationen, wo schnell verfügbare Kräfte nötig seien, werde die nächstliegende Dienststelle angerufen. In diesem Fall sei das Pirna als zuständige Direktion für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Am vergangenen Montagabend waren 6000 Demonstranten aus dem eher rechten Spektrum, darunter gewaltbereite Neonazis und Hooligans, etwa 1500 Gegendemonstranten gegenübergestanden - dazwischen knapp 600 Polizisten. Es gab mindestens 20 Verletzte, unter ihnen auch zwei Polizeibeamte. Auslöser dafür war der gewaltsame Tod eines 35 Jahre alten Deutschen am Vorabend durch Messerstiche. Ein Syrer und ein Iraker sind als Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Die von den Behörden eingeräumte Unterbesetzung hatte für Kritik gesorgt.

Update vom 01.09. 8.00 Uhr: Ruhige Nacht vor Demonstrationen in Chemnitz

Vor den für Samstag angekündigten Demonstrationen in Chemnitz ist es in der Nacht ruhig in der sächsischen Stadt geblieben. Das teilte das Lagezentrum der Polizei am Morgen mit. Tausende Menschen werden in Chemnitz erwartet. Ein breites Bündnis aus rund 70 Vereinen, Organisationen und Parteien hat ab dem Vormittag zu Demonstrationen unter dem Motto "Herz statt Hetze" aufgerufen. Am Nachmittag sind Kundgebungen der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz sowie der AfD und des fremden- und islamfeindlichen Bündnisses Pegida geplant.

Nach einer tödlichen Messerattacke auf einen 35-jährigen Deutschen war es in Chemnitz an mehreren Tagen zu Ausschreitungen mit Verletzten gekommen. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft.

Update vom 01.09. 05.30 Uhr: Tausende Teilnehmer zu Demonstrationen in Chemnitz erwartet

In Chemnitz wappnet sich die Polizei für mögliche neue Auseinandersetzungen. An diesem Samstag werden Tausende Menschen zu Demonstrationen erwartet. Die Polizei geht von einer Teilnehmerzahl im unteren fünfstelligen Bereich aus. Ein breites Bündnis aus rund 70 Vereinen, Organisationen und Parteien hat ab dem Vormittag zu Demonstrationen unter dem Motto "Herz statt Hetze" aufgerufen. Mehrere prominente Politiker wie die Parteichefin der Grünen, Annalena Baerbock, haben sich angesagt.

Am Nachmittag sind Kundgebungen der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz sowie der AfD und des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida geplant. Dazu wird auch der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke erwartet.

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) hält Ausschreitungen wie in Chemnitz auch in anderen Städten für möglich. "Ich warne davor, dass man glaubt, das könnte nur in Chemnitz passieren", sagte sie. Zu den Ausschreitungen seien Rechtsextreme aus ganz Deutschland angereist. Die Rechten seien extrem gut vernetzt. Solche Proteste seien in jeder Stadt denkbar, in der es ähnlich brutale Vorfälle gebe.

Update vom 31.08. Wegen Chemnitz: Zweitligaspiel Dresden - HSV abgesagt

Das Zweitliga-Spiel zwischen Dynamo Dresden und dem Hamburger SV am Samstag (13.00 Uhr) ist wegen des Polizei-Großeinsatzes in Chemnitz abgesagt worden. Das teilten beide Clubs am Freitag mit. Hintergrund sind die für Samstag in Chemnitz angemeldeten Demonstrationen und Versammlungen.

Um diese personell stemmen zu können, hatte die sächsische Polizei um eine Spielverlegung gebeten. Das Spiel in der Dresdner DDV-Arena ist mit mehr als 30.000 Zuschauern ausverkauft. Eine Absicherung angesichts der Lage in Chemnitz sei somit nicht zu gewährleisten. Ein neuer Spieltermin steht noch nicht fest.

"Wir hatten auf diese Entscheidung keinerlei Einfluss und bedauern die Spielabsage sehr, weil wir uns wie über 30.000 Fans auf ein Fußballfest gefreut hatten", sagte Dynamos kaufmännischer Geschäftsführer Michael Born. Grundlage für die Entscheidung sei eine Verfügung des Sächsischen Staatsministerium des Innern (SMI) gewesen.

Demos am Samstag in Chemnitz: Tausende Teilnehmer erwartet

Auch der HSV bedauerte die Spielabsage. "Natürlich hätten wir gerne morgen in Dresden gespielt und sind sportlich vorbereitet gewesen, entsprechend enttäuscht sind wir von dieser Absage. Aber wir müssen wie unser Gegner der Anordnung des sächsischen Innenministeriums folgen", sagte Vorstandschef Bernd Hoffmann. Nach zuletzt drei Siegen in Serie wollte der HSV seinen Aufwärtstrend in Dresden bestätigen. Die Hanseaten waren am Freitagabend mit der Bahn angereist.

Die sächsische Polizei geht bei den für Samstag in Chemnitz angemeldeten Demonstrationen und Versammlungen von einer Teilnehmerzahl "im unteren fünfstelligen Bereich" aus, wie Landespolizeipräsident Jürgen Georgie am Freitag in Dresden mitteilte. Der Freistaat habe Unterstützung aus anderen Bundesländern angefordert und alle verfügbaren Kräfte bekommen. Auch Wasserwerfer und Reiter stünden bereit.

Die AfD und das ausländerfeindliche Bündnis Pegida haben zu einem Schweigemarsch aufgerufen, das rechtspopulistische Bündnis Pro Chemnitz hat ebenfalls eine Kundgebung angemeldet. Zudem soll es eine Gegendemonstration eines breiten Bündnisses unter dem Motto "Herz statt Hetze" geben. In Chemnitz war es nach dem Tod eines Deutschen und der Festnahme zweier Ausländer in den vergangenen Tagen zu Ausschreitungen mit Attacken gegen Ausländer gekommen.

HSV tritt 500 Kilometer lange Heimreise an

Nach der Absage des Punktspiels bei Dynamo Dresden hat Fußball-Zweitligist Hamburger SV noch am Freitagabend die 500 Kilometer lange Rückreise angetreten. Das Team von Trainer Christian Titz war mit der Bahn angereist. Nach der Ankunft und der Verschiebung der Partie auf einen noch nicht bestimmten Termin aßen Spieler und Verantwortliche im Hotel und fuhren dann mit dem Mannschaftsbus zurück in den Norden. Gegen Samstagmittag sollte nach Angaben des Vereins eine Trainingseinheit stattfinden.

"Es tut mit unglaublich leid für euch", sagte Titz in einer Botschaft an die Fans. Viele von ihnen waren bereits nach Dresden gekommen und haben einige Kosten auf sich genommen. "Wir hoffen, dass wir das Spiel zeitnah nachholen können", meinte der Trainer. Die Tickets behalten ihre Gültigkeit.