Berlin
Organspende-Debatte

Freiwilligkeit oder Pflicht? So geht es beim Thema Organspende weiter

Tausende Menschen in Deutschland sterben jedes Jahr, weil sie vergeblich auf ein Spenderorgan warten. Darf man deswegen Menschen zur Spende drängen?
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Eine Gruppe von Abgeordneten um Gesundheitsminister Spahn und den SPD-Politiker Lauterbach stellte in Berlin einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchslösung beim Thema Organspende vor. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa
Eine Gruppe von Abgeordneten um Gesundheitsminister Spahn und den SPD-Politiker Lauterbach stellte in Berlin einen Gesetzentwurf für eine Widerspruchslösung beim Thema Organspende vor. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa

In der Debatte um neue Regeln für mehr Organspenden hat eine Gruppe von Abgeordneten eindringlich für die doppelte Widerspruchslösung geworben. Die bisherige Entscheidungslösung, nach der sich potenzielle Organspender aktiv dafür entscheiden müssen, habe nicht ausreichend gefruchtet, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag in Berlin.

Jeder könne zu einem Patienten werden, der auf ein Organ warte. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagte: "Es sterben jedes Jahr um 2000 Menschen auf der Warteliste."

Entscheidung im Alter von 16 Jahren

Der von der Gruppe vorgelegte Gesetzentwurf sieht vor, dass sich grundsätzlich jeder ab 16 Jahren entscheiden soll, ob er zur Organspende im Fall des eigenen Hirntods bereit ist. Eine umfassende Informationskampagne soll der Entscheidung vorausgehen. Diese soll jederzeit revidiert werden können. Widerspricht man nicht oder trifft keine Entscheidung, soll man als Spender registriert werden. Vor einer Organentnahme soll der Arzt zusätzlich den nächsten Angehörigen fragen müssen, ob diesem ein schriftlicher Widerspruch oder ein der Entnahme entgegenstehender Wille bekannt ist.

"Es wird niemand zu irgendetwas gezwungen", sagte der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein. Die Linke-Abgeordnete Petra Sitte sprach von einem "solidarischen Akt" gegenüber den Mitmenschen. Vollzogen werde dieser erst in der Sterbephase - "während des Ablebens". In 20 von 28 EU-Staaten gelte bereits eine Widerspruchslösung, betonte Spahn.

Der Bundestag soll ohne Fraktionszwang über eine Reform entscheiden. Eine Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock will, dass die Bürger Erklärungen zur Organspende beim Abholen eines Ausweises abgeben können.

Stiftung Patientenschutz: Organspende muss freiwillig bleiben

Im Ringen um eine Neuregelung für die Organspende hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz vor einer Aufgabe des Prinzips der Freiwilligkeit gewarnt. Bei der sogenannten Widerspruchsregelung könne von Spende keine Rede mehr sein, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Brysch mahnte: "Jede Organspende ist eine freiwillige Entscheidung." Die Widerspruchslösung setze aber darauf, dass die meisten sich nicht mit der Frage beschäftigen und schweigen. "Schweigen heißt aber nicht Zustimmung", sagte Brysch. Es sei ethisch besonders wertvoll, einem anderen Menschen sein Organ zu schenken. "Doch dieses Geschenk ist nicht mit der Brechstange zu erzwingen."

Alternative: Regelmäßige Befragung

Eine andere parteiübergreifende Gruppe von Abgeordneten wirbt für verbindliche regelmäßige Befragungen der Bürger und ein bundesweites Online-Register. Diese Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock betonte am Sonntag in einer Stellungnahme: "Wir wollen die Organspende nach dem Tod als eine bewusste und freiwillige Entscheidung beibehalten und stärken, die nicht durch den Staat erzwungen werden darf." Die Widerspruchslösung wecke Ängste und senke das Vertrauen in die Organspende.

Brysch forderte, der Gesetzgeber müsse mehr Verantwortung in dem Bereich übernehmen. "Das Transplantationssystem muss in staatliche Hände gelegt werden." Das gelte sowohl für die Regeln und Verteilungskriterien als auch für die Organisation und die Kontrolle des Systems. Heute trägt unter anderem die Deutsche Stiftung Organtransplantation zentrale Verantwortung.