Erndtebrück
Mordversuch

Gullydeckel mit Seilen an Brücke befestigt - Anschlag auf Zug in Deutschland - Lokführer unter Verdacht

In Nordrhein-Westfalen haben Unbekannte Gullydeckel an eine Brücke gehängt. Der durchfahrende Zugführer der hessischen Landesbahn konnte sich noch rechtzeitig schützen und wurde daher nur leicht verletzt. Die Polizei spricht von einem "Mordversuch".
Artikel drucken Artikel einbetten
An dieser Eisenbahnbrücke in Nordrhein-Westfalen befestigten Unbekannte Seile, an deren anderem Ende Gullydeckel hingen. Foto: Markus Klümper/dpa
An dieser Eisenbahnbrücke in Nordrhein-Westfalen befestigten Unbekannte Seile, an deren anderem Ende Gullydeckel hingen. Foto: Markus Klümper/dpa

Nach einer als Mordversuch eingestuften Attacke auf einen Zug der Hessischen Landesbahn suchen die Behörden mit Hochdruck nach Hinweisen auf Täter. Das erklärte ein Polizeisprecher am Sonntag(14.04.2019).

Update vom 25.04.2019: Zugführer unter Verdacht

 

 

Nachdem ein Zug bei Bad Berleburg gegen massive Gullydeckel geprallt ist, steht jetzt ausgerechnet der Lokführer selbst unter Verdacht. Laut Staatsanwaltschaft fand man entsprechende Spuren am Tatort. Der Lokführer bestreitet den Vorwurf. Das vermeldet die deutsche Presseagentur (dpa).

Überraschende Wende im Fall der Gullydeckel-Attacke auf eine Regionalbahn bei Bad Berleburg: Der am Steuer des Zuges sitzende Lokführer steht jetzt selbst unter dem Verdacht, die gefährliche Konstruktion an einer Brücke angebracht zu haben. Das teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit.

Zug fuhr gegen Gullydeckel, die von einer Brücke herabhingen

Vor knapp zwei Wochen war ein Zug der Hessischen Landesbahn früh morgens auf der Strecke im Wittgensteiner Land gegen zwei Gullydeckel gefahren, die an Seilen von einer Brücke über den Schienen hingen. Der Lokführer hatte auf dieser Strecke den ersten Zug des Tages gesteuert - als unbesetzte Leerfahrt auf dem Weg vom nächtlichen Abstellplatz in Erndtebrück zum Startbahnhof Bad Berleburg.

Die Spurenlage deute darauf hin, dass der Mann die beiden massiven Gullydeckel an Seilen und Ketten befestigt und Richtung Gleise hinabgelassen haben könnte, sagte Rainer Hoppmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen, am Donnerstag. Mindestens einer davon durchschlug die Windschutzscheibe. "Am Tatort haben wir DNA-Spuren gefunden", sagte Hoppmann weiter.

Zugführer vorläufig festgenommen

Am Mittwoch war der 49-Jährige aus Lünen bei Dortmund vorläufig festgenommen worden. Am Donnerstag sei er wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil keine Haftgründe wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vorlagen, sagte der Staatsanwalt. Ermittler hatten am Mittwoch die Wohnungen des Lokführers in Erndtebrück und Lünen durchsucht. Zu möglichen Funden wollte der Staatsanwalt zunächst keine Angaben machen. Das mögliche Motiv liege bislang im Dunkeln. "Die Ermittlungen dauern an", betonte er.

Auch zur Frage, ob der Lokführer die Gullydeckel selbst im mehr als 20 Kilometer entfernten Hilchenbach entwendet hatte, gebe es noch keine Klarheit, sagte der Staatsanwalt. Insgesamt vier gusseiserne Abdeckungen von Wasserabflüssen am Straßenrand waren mehr als 24 Stunden vorher an einer Straße gestohlen worden. Zwei baumelten nach Ermittlerangaben später von der Brücke, ein weiterer wurde im Gleisbett gefunden. Den vierten stellte die Polizei in Tatortnähe sicher.

Der mutmaßliche Anschlag hatte für Entsetzen gesorgt. Die auf Höhe des Fahrerhauses angebrachten Gullydeckel hatten ein großes Loch in die Windschutzscheibe geschlagen. Fotos vom Zug nach dem Vorfall zeigen eine vor Zersplitterungen erblindete Scheibe und jede Menge Glas auf dem Steuerpult. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst wegen versuchten Mordes die Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen.

Hessische Landesbahn nicht für eine Stellungnahme zu erreichen

Die Hessische Landesbahn (HLB), der Arbeitgeber des inzwischen Tatverdächtigen, hatte nach dem Vorfall von einem "ungeheuerlichen Anschlag" gesprochen, bei dem bewusst der Tod eines Menschen in Kauf genommen worden sei. Nach damaligen Angaben hatte der Lokführer einen "mittelschweren Schock" erlitten. Auch hatten Hessische Landesbahn und Ermittler früh das "instinktiv richtige Handeln" des Lokführers hervorgehoben, wonach er sich nach eingeleiteter Notbremsung weggeduckt habe. "Wir sind heilfroh, dass durch seine geistesgegenwärtige Reaktion nichts Schlimmeres passiert ist", sagte eine Sprecherin damals.

Dass der Lokführer nicht mit voller Geschwindigkeit, sondern mit mäßigem Tempo von unter 50 Stundenkilometern auf der Strecke unterwegs war, begründete eine Sprecherin damals damit, dass er sich auf dem Weg zum Startbahnhof und noch nicht im vollen Einsatz befunden habe. Im Licht der neuen Erkenntnisse sind all diese Angaben nun in Frage gestellt. Die Hessische Landesbahn war nach Bekanntwerden des Tatverdachts am Donnerstag zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Update am 15.04.2019: Keine Hinweise auf Terroranschlag

Im Fall der Gullydeckel-Attacke haben die Ermittler keine Hinweise auf einen Terroranschlag. "Für einen Terroranschlag gibt es nach aktuellem Stand der Ermittlungen keine Hinweise", sagte ein Sprecher der Polizei am Montag.

Die Gullydeckel hatten am Samstag die Frontscheibe des Zuges durchschlagen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Mitteilung erklärten. Der 49-jährige Zugführer habe "instinktiv richtig" gehandelt, hieß es. Deshalb sei er nur leicht verletzt worden. Polizei und Staatsanwaltschaft sprachen von einem "Mordversuch". Wegen einer geplanten Leerfahrt waren keine Fahrgäste an Bord.

Die Gullydeckel waren laut Polizei auf Höhe der Fahrerkabine an Seilen an einer Brücke auf der Strecke zwischen Bad Berleburg und Erndtebrück (Nordrhein-Westfalen) festgebunden. Die Zugstrecke führt von Bad Berleburg über Siegen nach Altenkirchen in Rheinland-Pfalz.

In der Nacht zum Freitag waren den Angaben zufolge in der Stadt Hilchenbach westlich vom Tatort vier Gullydeckel gestohlen worden. Die Ermittler suchten nach Zeugen des Diebstahls.

Lesen sie auch: IS-Sympathisant (42) gesteht Anschlag auf ICE in Franken - Mann bestreitet terroristischen Hintergrund