Wacken
Wünschewagen

Einmal im Leben noch nach Wacken: Wunsch von schwerkrankem Franken wird wahr

Einmal im Leben noch zum Musikfestival nach Wacken: Das wünschte sich der schwerkranke Helge Langbein aus dem Landkreis Kronach. Am Donnerstag machte er sich auf den Weg. Das Protokoll einer ganz besonderen Reise.
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Wie viel Zeit ihm noch bleibt, weiß er nicht. Zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken wollte der schwerkranken Helge Langbein aber noch unbedingt. Jetzt ist sein großer Wunsch wahrgeworden.

Franke Helge Langbein: Ein Leben lang krank

Um nach Wacken zu kommen, musste Helge Langbein erst die Treppe herunterfallen und Monate lang im Krankenhaus liegen. Im Februar 2018 verwechselte der 50-Jährige in dem Haus, das er mit seiner Mutter Theresa (rechts im Bild) in Neukenroth bewohnt, links mit rechts. Er landete nicht auf dem WC, sondern ein Stockwerk tiefer am Ende einer Treppe.

 

Helge Langbein ist körperliche Schmerzen gewohnt. Er ist 50 Jahre alt. 47 davon leidet er an schwerem Zucker. Er ist blind und hat mehrere Transplantationen hinter sich. Drei Mal in der Woche muss sein Blut gewaschen werden. "Seinen Lebensmut hat er trotzdem nie verloren", sagt seine Schwester Nicole Roth. Der Sturz die Treppe hinunter aber zog ihm den Stecker. Helge Langbein suchte einen Sinn im Leben und fand ihn nicht mehr.

"Er brauchte ein neues Ziel", sagt Nicole. Weil Helge Langbein mit Haut und Haaren Heavy-Metal-Fan ist und der Sehnsuchtsort aller Metal-Fans in Wacken liegt, fasste er einen Entschluss: einmal im Leben zum Musikfestival nach Wacken. Gut 75 Kilometer nördlich von Hamburg feiern immer im August 75 000 Fans mit über 100 Bands. Dort wollte Helge hin.

Als der ASB klingelt

Wenn der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) um neue Mitglieder wirbt, ist sein Wünschewagen ein Argument, das erst die Herzen öffnet und dann die Brieftaschen.

 

Mit seinem Wünschewagen erfüllt der ASB schwerkranken und sterbenden Menschen einen letzten großen Wunsch. "Manche wollen noch einmal ans Meer, andere zum Heimspiel ihres Lieblingsvereins", sagt Silke Tannhäuser vom ASB Kronach (rechts im Bild). Als der ASB eines Tages vor der Tür von Nicole Roth in Neukenroth steht, hat sie ihren Mitgliedsantrag schon ein paar Minuten später unterschrieben. "Für den Wünschewagen würde ich aber auch einen kennen", sagt sie noch so dahin.

Einen Tag später klingelt das Telefon, Silke Tannhäuser (rechts im Bild) am Apparat: "Wir machen das für ihren Bruder. Wir organisieren das mit Wacken." "Schwerkrank", "schwerstkrank" oder "sterbenskrank": In solchen Kategorien denkt Nicole Roth über ihren Bruder nicht. Aber wenn Wacken, dann musste es jetzt sein. "Eine so lange Reise wird Helge nur noch einmal im Leben machen", sagt Nicole.

Helge und seine Band

Die Band nannte sich "Boyz Prank", den letzten ihrer drei Auftritte hatten sie in Stockheim. Am Schlagzeug saß Helge Langbein. Mit 21 Jahren erwischte ihn ein Schlaganfall. Das war es mit der Band. Der Schlagzeuger konnte nicht mehr Schlagzeug spielen.

 

Inzwischen schlägt Helge in seinem Musikzimmer wieder alle paar Tage für zwei, drei Minuten gegen die Becken. Das macht ihn glücklich. Für eine eigene Band aber reicht es nicht mehr.

"Boyz Prank" mischten Metal mit Reggae. "Ich glaube, wir waren gar nicht mal so schlecht", sagt Helge. "Eure Musik hat man sich echt nicht anhören können", sagt Nicole. Er: "Hättest du das damals schon gesagt, hätten wir sofort aufgehört." Sie: "Ne, ist klar."

Im alten Pulli des Onkels

Warum Metal? "Weil Metal laut, schnell und melodisch ist", sagt Helge. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Seine Nichte Jule sieht das genauso. Die 15-Jährige trägt auf der Reise nach Wacken den ausgewaschenen und um mehrere Nummern zu großen Megadeth-Pullover, der einmal ihrem Onkel gehört hat. "Megadeth ist meine Lieblingsband", sagt Jule.

 

Wenn sie Helge besucht, hören sie gemeinsam Musik. Sein Geschmack färbt auf sie ab. In ihrer Klasse höre so gut wie keiner mehr Metal, nicht einmal die Jungs. Angesagt sei eher der Düsterpop von Billie Eilish. "Die ist auch ganz gut", sagt Jule. Aber halt nicht so gut wie Megadeth.

"Hedda" und "Nici"

Im Wünschwagen hat es sich Helge unter einer Decke bequem gemacht. Am Fenster zieht bei Tempo 130 Deutschland vorbei. Vorne sitzen Silke Tannhäuser und Ingo Holzmann, neben ihm Jule und Nicole (rechts im Bild). Sie nennt ihn "Hedda", er sie "Nici". Als sie fünf Jahre nach ihm auf die Welt kam, war Helge schon krank: "Ich habe ihn immer beschützen wollen." Er ließ sie dafür Filme mitschauen, für die sie eigentlich zu jung war. "Nightmare on Elm Street" zum Beispiel. "Ich liebe meinen Bruder über alles", sagt sie. "Nici ist die beste Schwester, die man sich vorstellen kann", sagt er.

 

Ein paar Schlucke Bier

Zwischen Neukenroth und Wacken liegen für Helge 624 Kilometer, mehrere die Nerven strapazierenden Großbaustellen auf der A 7 und nach einem Käse-Schinken-Croissant sowie ein paar Schlucken alkoholfreies Bier auf der Raststätte Osterfeld eine Nacht in einem Hamburger Hotel.

Am Freitag, kurz vor elf Uhr ist Helge endlich am Ziel seiner großen Reise. Der Wünschewagen des ASB biegt auf das Festivalgelände ein: "Mein Traum wird wahr. Das ist verrückt." Sein Outfit hat Helge mit Bedacht gewählt, es entspricht den ästhetischen Codes seiner Umgebung. Die Hose ziert den Schriftzug der Band "Volbeat", das T-Shirt den von "Avantasia", auf dem Kapuzenpulli steht "Schandmaul", auf seiner Baseballmütze "Metallica". Mehr Metal geht nicht. An Buden mit Bratwürsten, pakistanischem Essen und Käsespätzle vorbei macht sich Helge Langbein auf den Weg zu den Bühnen. "Wacken riecht nach Essen, Bier und ganz viel Spaß", sagt er.

 

Seinen Rollstuhl schieben abwechselnd Silke Tannhäuser und Ingo Holzmann. Den Mitarbeiter vom ASB tippt später ein Festivalbesucher an die Schulter. Ob der letzte große Wunsch des Mannes dort im Rollstuhl wirklich der Besuch von Wacken gewesen sei? Holzmann bejaht. Dem Festivalbesucher schießen die Tränen in die Augen.

"Wacken. So geil."

ur weil er im Rollstuhl sitzt, beäugt kein Metal-Fan Helge, als sei er ein exotisches Tier. In einer Welt der akkuraten Frisuren und glattrasierten Wangen sind sie mit ihren wilden Bärten, langen Haaren und schwarzen T-Shirts ja selbst so etwas wie exotische Tiere.

 

Man sollte sich von ihrem Äußeren nicht auf die falsche Fährte locken lassen. "Metal-Fans sind lustige Leute", sagt Helge. Wie recht er damit hat, bezeugen wenig später Andreas, Roger und Markus. Die Kumpels aus Mannheim stemmen Helges Rollstuhl in die Höhe. Weil sie es können und weil es das ist, was man in Wacken unter Spaß versteht. Oben in der Luft ist Helge der König von Wacken. Um kurz vor zwölf stehen endlich "Queensryche" auf der Bühne. Vier Männer mit einem Faible für Kinnbärte und großflächige Tattoos. "Queensryche" spielen melodischen Metal, so wie Helge ihn mag.

Im Rollstuhl wirft er seinen Oberkörper nach rechts und nach links, seinen Kopf vor und wieder zurück. Vor ihm Tausende Metal-Fans, hinter ihm auch. Und Helge mittendrin. Ein, zwei Mal laufen Tränen über sein Gesicht: "Ich bin in Wacken. Das ist doch Wahnsinn." Am nächsten Morgen muss er zur Blutwäsche, Samstag ist Dialyse-Tag. Aber die Schmerzen und die zerstochenen Arme, das alles ist jetzt ganz weit weg. Wer in Wacken ist, lebt im Augenblick. "Wacken. So geil". Sagt Jule. Sagt Nicole. Sagt sowieso Helge.

 

Der Wünschewagen

Idee: Menschen in ihrer letzten Lebensphase Glück und Freude schenken - dieses Ziel verfolgt der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) mit seinem Wünschewagen. Seit 2014 erfüllt das rein ehrenamtlich getragene und ausschließlich aus Spenden finanzierte Projekt schwerstkranken Menschen einen besonderen Herzenswunsch und fährt sie gemeinsam mit ihren Familien und Freunden noch einmal an ihren Lieblingsort.

Kontakt www.wuenschewagen.de