Der Virologe Christian Drosten sieht Deutschland bei Corona in einer "echten Notfallsituation" und hält neue Kontaktbeschränkungen für denkbar. "Wir müssen jetzt sofort etwas machen", sagte der Leiter der Virologie in der Berliner Charité am Dienstag (9. November 2021) im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" zur aktuellen Corona-Lage in Deutschland.

Mittel- und langfristig sei der Ausweg aus der Pandemie klar: "Wir müssen die Impflücken schließen." Das "ideelle Ziel" müsse "eine dreifach komplett durchgeimpfte Bevölkerung" sein. Darauf könne man angesichts volllaufender Intensivstationen aber nicht warten. Kurzfristig müsse man wieder Maßnahmen diskutieren, "die wir eigentlich hofften, hinter uns zu haben", sagte Drosten.

Drosten hält "Shutdown-Maßnahmen" im Winter für notwendig

"Wir müssen also jetzt die Infektionstätigkeit durch Kontaktmaßnahmen wahrscheinlich wieder kontrollieren - nicht wahrscheinlich, sondern sicher", sagte der Virologe. Er schränkte allerdings auch ein, dass es juristisch schwer sein könnte, breite allgemeine Kontaktbeschränkungen durchzusetzen. Drosten erwartet einen sehr anstrengenden Winter "mit neuen, sagen wir ruhig: Shutdown-Maßnahmen". Maßnahmen wie 3G oder selbst 2G reichten vermutlich nicht aus, um angesichts der Delta-Variante die Zahl der Infektionen genug zu senken. Falls jetzt nicht reagiert werden, könne das laut Drosten weitere 100.000 Corona-Tote zur Folge haben - und das sei eine "konservative Schätzung".

Ist also ein weiterer Lockdown nötig? Der Münchner Infektiologe Christoph Spinner hält trotz massiv steigender Corona-Zahlen einen neuen Lockdown aktuell nicht für hilfreich. "Lockdowns sind bezogen auf die Pandemie-Kontrolle nicht nur politisch das radikalste Mittel, sondern auch wissenschaftlich ein eher schwaches - außer sie werden absolut konsequent umgesetzt und konsequent kontrolliert", sagte der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der TU München der Deutschen Presse-Agentur. "Anders als im Frühjahr steht eine wirksame Präventionsmöglichkeit zur Verfügung: die Schutzimpfung."

Die 2G-Regel könne bedeutend zur Pandemie-Kontrolle beitragen. Bei Infektionen Geimpfter oder Genesener sei die Wahrscheinlichkeit schwerer Verläufe und Klinikeinweisungen signifikant reduziert. In Österreich zeige sich zudem, dass die 2G-Regel doch noch den einen oder anderen Unentschlossenen zur Impfung bewegen konnte. Ausreichend hohe Impfquoten seien der einzige Weg zurück in die Normalität. In Ländern mit hohen Impfquoten wie Spanien oder Israel gebe es deutlich niedrigere Infektions- und Hospitalisierungszahlen.

Statt neuem Lockdown: Virologe sieht Booster-Impfung als "entscheidend" für Corona-Winter

"Entscheidend für den Winter sind aus meiner Sicht breit angelegte Booster-Impfungen bei Menschen, deren Impfung mehr als sechs Monate zurückliegt", sagte Spinner. Dadurch ließen sich Studien zufolge bis zu 95 Prozent symptomatischer Infektionen verhindern. "Aufgrund der bundesweit steigenden Infektionszahlen müssen wir hier so schnell wie möglich handeln."

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Zu der Frage, ob die Dritt-Impfung für unter 70-Jährige sinnvoll sei, sagte Spinner, es verdichteten sich die Hinweise, dass die Impfungen altersunabhängig bei allen Erwachsenen zusätzlichen effektiven Schutz böten. Vor allem Ältere seien aber besser vor Klinikaufnahmen und schweren Verläufen geschützt. Laut Bayerns Ministerpräsident Markus Söder steht bereits die Überlegung im Raum, den Impfstatus nach einer gewissen Zeit "ablaufen" zu lassen, um so die Booster-Impfungen voranzutreiben.

"Auch an Schulen sollte alles Erdenkliche unternommen werden, um die Impfquote, wo immer möglich, zu steigern", sagte Spinner weiter. Bis dahin könne die konsequente Anwendung der AHA+L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Lüften) das Risiko reduzieren. "Ohne Impfungen oder konsequente AHA+L Regeln muss mit weiter steigenden Infektionszahlen in Schulen gerechnet werden."

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