• Sieben-Tage-Inzidenz wird als Indikator für die Einschätzung der Lage zunehmend infrage gestellt
  • Eigenschaften der aktuell dominanten Virus-Varianten sollten miteinbezogen werden.
  • Hospitalisierung als zusätzlicher Leitindikator
  • Kliniken sollen mehr Details zu Covid-19-Fällen melden. 

Wenn es darum geht, die aktuelle Corona-Lage einzuschätzen, war sie bisher der ausschlaggebende Parameter: die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche. Doch mit zunehmendem Impfschutz in der Bevölkerung finden viele die Inzidenz nicht mehr aussagekräftig.

Hospitalisierung als neuer entscheidender Leitindikator?

So hat unter anderem der FDP-Generalsekretär und FDP-Landeschef in Rheinland-Pfalz Volker Wissing in der Debatte über Corona-Kennziffern den Stellenwert der Sieben-Tage-Inzidenz infrage gestellt. "Die Inzidenzen sind natürlich ein Hinweis darauf, wie sich die Pandemie entwickelt, aber allein auf die Inzidenz zu schauen, das ist sicher nicht richtig", sagte Wissing am Montag im "Frühstart" von RTL/ntv.

Es reiche auch nicht, zusätzlich die Intensivbetten-Belegung zu berücksichtigen. "Wir müssen auch darauf achten, wie viele Menschen überhaupt hospitalisiert werden müssen", so der FDP-Politiker. Zudem sollten laut Wissing die Eigenschaften der aktuell dominanten Virus-Varianten einbezogen werden. "Die Ansteckungsgefahr durch die Delta-Variante ist wohl höher. Aber gegenwärtig, sagen die Fachleute, steigen die schweren Fälle nicht." Das müsse einfach beachtet werden.

Wie die "Bild" berichtet ist auch das Robert-Koch-Institut einer ähnlichen Meinung. Denn in einem internen Dokument stellt die Behörde der Politik die "Hospitalisierung als zusätzlichen Leitindikator" vor, also die Anzahl der im Krankenhaus behandelten Corona-Patienten. Das RKI rechnet ebenfalls durch die steigende Zahl der Geimpften mit einer "Abnahme des Anteils schwerer Fälle". Dementsprechend ist das Virus selbst bei höheren Infektionszahlen für das Gesundheitssystem weniger gefährlich. Daher sind laut dem Bericht "weitgehende nicht-pharmakologische Interventionen für ALLE fachlich schwer begründbar (außer bei drohender systematischer Überlastung)".

Freie Wähler drängen auf politischen Strategiewechsel

In der Politik sind es vor allem die Freien Wähler (FW), die schon seit Monaten auf einen politischen Strategiewechsel drängen. Das Ziel müsse sein, den Corona-Inzidenzwert überflüssig zu machen, so Fabian Mehring, parlamentarischer Geschäftsführer der FW-Fraktion, gegenüber dem BR. Er betonte: "Corona ist dann besiegt, wenn die Inzidenz von Corona für das öffentliche Leben in Bayern genauso wichtig ist wie die Inzidenz von Fußpilz."

Entgegen dessen setzt sich das Bundesgesundheitsministerium in der Debatte dafür ein die Sieben-Tage-Inzidenz auch weiterhin zu berücksichtigen. "Die Inzidenz war nie einziger Parameter, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen.

Bundesgesundheitsministerium setzt auf Altbewährtes

Aber sie ist und bleibt ein wichtiger Parameter", teilte ein Sprecher am Montag (12.06.2021) mit. Richtig sei aber auch, dass die Inzidenz bei steigender Impfquote an Aussagekraft verliere, fügte der Sprecher hinzu. Zumal dann, wenn die besonders vulnerablen Gruppen bereits geimpft seien. So hatte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits mehrfach geäußert, zuletzt am Wochenende.

Deshalb sollen künftig weitere Daten stärker berücksichtigt werden. Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Wochenende bekannt gegeben, dass die Kliniken mehr Details zu Covid-19-Fällen melden sollen. Neben der Belegung von Intensivstationen müssen alle Krankenhauseinweisungen wegen Corona übermittelt werden, zuzüglich Alter, Art der Behandlung und Impfstatus der Patienten. Die entsprechende Verordnung dazu solle zügig auf den Weg gebracht werden, hieß es am Sonntag aus dem Ministerium.