Der zunehmende Ausfall von Klinikpersonal durch die Corona-Sommerwelle lässt bei Krankenhäusern und Medizinern die Besorgnis wachsen. "Aus allen Bundesländern erreichen uns Meldungen, dass einzelne Stationen und Abteilungen auch wegen Personalmangel abgemeldet werden müssen", sagte der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag). Zeitweise würden auch Notaufnahmen bei den Rettungsleitstellen abgemeldet. "Diese Situation besorgt uns erheblich mit Blick auf den bevorstehenden Herbst."

Gleichzeitig stieg auch die Zahl der durch Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten. Insgesamt 1062 von ihnen wurden am Montag auf Intensivstationen in Deutschland behandelt - das ist die höchste Zahl seit Mitte Mai. Dies teilte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) am Montag in ihrem Tagesbericht mit. 

Hohe Dunkelziffer - Viele Infizierte werden nicht erfasst

Insgesamt sind die Infektionszahlen in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Das Robert Koch-Institut gab am Dienstag die offizielle Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen mit 687,7 an. Am Vortag hatte der Wert bei 650,7 gelegen (Vorwoche: 635,8; Vormonat: 257,6). Experten schätzen die tatsächliche Zahl etwa doppelt so hoch, weil viele Infizierte keinen PCR-Test mehr machen und damit nicht erfasst werden. 

Der wissenschaftliche Leiter des Intensivbettenregisters, Christian Karagiannidis, sagte der "Rheinischen Post" (Dienstag): "Die Intensivbelegung steigt zwar nur moderat, allerdings ist die Belegung für einen Sommer relativ hoch, und die zur Verfügung stehenden Betten werden aufgrund des Personalmangels immer weniger." Daher sei jetzt die Zeit zu nutzen, um Kapazitäten optimal zu verteilen. "Hierzu gehören regionale Netzwerke zur bestmöglichen Patientenverteilung nach Versorgungsstufe. Kooperation, aber auch Entlastung des Personals wird in diesem Herbst und Winter das Gebot der Stunde", sagte Karagiannidis, der auch im Expertenrat der Bundesregierung sitzt. Sorgen bereitet Karagiannidis laut Spiegel Online zudem die höhere Zahl von Lungenentzündungen in einigen Kliniken. Die neuen Subtypen des Coronavirus, BA.4 und BA.5, greifen etwas stärker die tieferen Atemwege an.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen rief angesichts gestiegener Infektionszahlen dazu auf, in Innenräumen Masken zu tragen. Dass dies vielfach nicht der Fall sei, mache es dem Virus "superleicht", sagte Dahmen im ARD-"Morgenmagazin" am Dienstag. Der Grünen-Politiker betonte, jeder kenne in seinem Umfeld aktuell Menschen, die erkrankt seien. Man sehe, dass viel Personal in Krankenhäusern fehle. Auch sei mancher Sommerurlaub in Gefahr, weil etwa Beschäftigte bei Fluggesellschaften ausfielen.

Wer sollte eine vierte Impfung bekommen?

Dahmen forderte ferner eine Kampagne im Sommer für zweite Auffrischimpfungen. Diese sollten nicht nur bei über 70-Jährigen, sondern auch flächendeckend bei Menschen über 60 Jahren und mit Vorerkrankungen vorgenommen werden. Auch sollte geprüft werden, ob nicht alle Erwachsenen diese vierte Impfung erhalten sollten, um mit "frischem Impfschutz" besser im Herbst geschützt zu sein als in den vergangenen Jahren.

Die Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Maike Finnern, forderte Rechtsgrundlagen für Masken- und Testpflichten, um Schulschließungen im Herbst zu vermeiden. "Dazu gehört die Möglichkeit einer Maskenpflicht, wenn die Infektionszahlen weiter stark steigen. Dazu gehört aber auch die Möglichkeit, bei hohen 7-Tage-Inzidenzen wieder regelmäßige Tests in den Bildungseinrichtungen einzuführen", sagte sie dem RND. Man müsse alles dafür tun, erneute Schul- und Kitaschließungen zu verhindern.

Der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, erwartet bei hohem Infektionsgeschehen wieder Schließungen einzelner Lerngruppen oder Schulen, wie er dem RND sagte. Beckmann forderte daher, dass alle Schulen digital so ausgestattet sind, dass Schülerinnen und Schüler auch bei notwendigem Distanzunterricht digital erreichbar sind.

Im Streit über die Abrechnung der sogenannten Bürgertests haben sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) geeinigt. Das teilten beide am Montagabend nach Gesprächen mit. An den neuen Regeln zu den Bürgertests ändere sich nichts. Die Bürgertests sind seit vergangenem Donnerstag nur noch für bestimmte Risikogruppen und Anlässe kostenlos. In vielen anderen Fällen wird eine Zuzahlung von drei Euro fällig. rowa/mit dpa