Der erneute Start der Corona-Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca in Deutschland lässt Forderungen nach einer Ausweitung der Impfkampagne auf die Hausärzte lauter werden.

Die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder wollen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute in einer Telefonkonferenz darüber beraten. Zuvor stellen sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lars Schaade, den Fragen der Öffentlichkeit. Ab heute starten in den Bundesländern die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin wieder, so dass in der Folge allmählich überall auch wieder neue Impftermine vergeben werden können.

Dem war am Donnerstag ein Votum der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) vorangegangen. Die EMA erneuerte darin ihre Haltung, dass der Nutzen des Impfstoffs die Risiken übersteigt. Daraufhin kündigte Spahn noch am Abend an, dass in die Informationen zu dem Impfstoff ein Warnhinweis aufgenommen werde. Er sei für eine rasche Fortsetzung der Impfungen. Spahn hatte nach dem Auftreten mehrerer Fälle von Blutgerinnseln in Venen, die Impfungen mit dem Präparat am Montag vorübergehend gestoppt. Kritiker hatten bemängelt, Spahn untergrabe damit das Vertrauen in die Impfungen.

VORGEHEN DER LÄNDER:

Zum Beispiel Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nehmen die Impfungen mit Astrazeneca an diesem Freitag wieder auf, wie ihre Landesregierungen mitteilten. Im Südwesten sollen verfügbare Termine zunächst weiter Menschen über 80 sowie den über 65-Jährigen aus besonders gefährdeten Berufsgruppen angeboten werden. In Nordrhein-Westfalen soll Astrazeneca Berufsgruppen wie etwa Lehrerinnen und Lehrern an Grund- und Förderschulen zur Verfügung gestellt werden. Im Saarland sollen Impfungen in einem Modellprojekt der Hausarztpraxen sowie in Krankenhäusern fortgesetzt werden. In Hamburg soll das Astrazeneca-Mittel etwa in Schwerpunktpraxen Menschen mit besonderen Erkrankungen verabreicht werden.

KRITIK AN DEN LÄNDERN:

Dass etwa Lehrkräfte wie in NRW vorrangig geimpft werden, ruft seit Tagen Kritik hervor. Zunächst müssten Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren bis tödlichen Verlauf geimpft werden, hatten etwa die Beauftragten von Bund und Ländern für die Belange der Menschen mit Behinderung gefordert. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, hatte den Länder vorgeworfen, etwa Erzieher, Lehrkräfte oder Polizisten zu impfen. Die Schwächsten und Gefährdetsten für schwere Covid-19-Verläufe dürften nicht benachteiligt würden. In NRW tobt zugleich ein Streit darüber, ob Kitas und Schulen wegen steigender Corona-Infektionszahlen wieder geschlossen werden sollen.

FORDERUNGEN NACH IMPFUNGEN IN PRAXEN:

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte der Deutschen Presse-Agenur in München: «Die Einbindung der Ärzteschaft in die Regelversorgung wäre ein starkes Signal.» Er hoffe sehr, dass sich Merkel und die Ministerpräsidenten darauf einigen könnten. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte Bund und Länder auf, frühzeitig mit den Corona-Impfungen in den Praxen zu beginnen. Bestimmte Kontingente sollten bald über die Apotheken an die Hausärzte gehen, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte der dpa, rund 400.000 schwerstkranke und pflegebedürftige Menschen daheim hätten keine Chance, eines der über 400 Impfzentren aufzusuchen. «Ohne Einbindung der Arztpraxen kann das nicht gelingen.»

EMPFEHLUNG DER LÄNDER:

Bereits am 10. März hatten sich die Landesgesundheitsminister auf eine Empfehlung für das Spitzentreffen von Bund und Ländern geeinigt. Spätestens in der Woche vom 19. April sollen demnach die Impfungen in den bis zu 70.000 Haus- und Facharztpraxen flächendeckend beginnen. Die Länder wollen ferner, «dass für die Startphase im April bundesweit eine Grundmenge von 2,25 Millionen Impfdosen pro Woche für die Impfzentren zur Verfügung steht». Bis zu diesem Freitag wollen die Länder dem Bund mitteilen, «wie ihr Anteil auf die verschiedenen Hersteller im April pro Woche aufgeteilt werden soll».

ZWEIFEL AN SCHNELLEM IMPFSTART IN DEN PRAXEN:

In der Woche vor dem Impf-Stopp von Astrazeneca haben die Länder knapp 1,8 Millionen Impfdosen gespritzt, also weniger als sie für sich künftig reserviert sehen wollen. Spahn hatte vor einer Woche gesagt, wenn 50.000 Praxen mitmachten und sich auf die geringe Menge von je 20 Impfungen pro Woche beschränkten, bräuchten sie schon eine Million Dosen. Da die Länder aber auf 2,25 Millionen Dosen für die Praxen bestanden hätten, sei es eine einfache Rechnung, dass zunächst mehr Impfstoff da sein müsse. Die Liefermengen sollen allerdings auch deutlich steigen. Im zweiten Quartal sollen 46,6 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna und 16,9 Millionen Astrazeneca-Dosen geliefert werden. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) forderte Klarheit über die im April zu erwartenden Impfstoff-Lieferungen. «Wir müssen insbesondere mit den Prioritätsgruppen 1 und 2 schnell vorankommen», mahnte Schwesig.

WEITERE FORDERUNGEN:

Der CDU-Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel (CDU) sagte der «Passauer Neuen Presse»: «In den Arztpraxen darf die Priorisierung keine Rolle spielen. Menschen, die prioritär geimpft werden sollen, können über die Impfzentren einen Termin erhalten.» Der Virologe Alexander Kekulé forderte in der «Neuen Osnabrücker Zeitung», die Impfunterbrechung aufzuholen, indem alle Älteren zunächst nur einmal geimpft werden. Der AfD-Gesundheitspolitiker Detlev Spangenberg forderte, «dass die Bürger in ihrer Entscheidung, ob und womit sie sich impfen lassen wollen, frei bleiben».

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