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Impfstoff

Astrazeneca-Chaos geht weiter: Auch Großbritannien reagiert - warum die EMA den Impfstoff weiter empfiehlt

Die Debatte um den Impfstoff von Astrazeneca reißt nicht ab. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) sieht zwar in seltenen Fällen von Blutgerinnseln eine Nebenwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs. Trotzdem empfiehlt sie das Präparat weiter uneingeschränkt. Nur kurze Zeit später änderte die britische Impfkommission ihre Empfehlung für den Impfstoff.
 
Trotz der Entscheidung der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur uneingeschränkten Anwendung von Astrazeneca wird der Corona-Impfstoff in manchen Ländern weiter nur älteren Bürgern geimpft - auch in Deutschland.
Trotz der Entscheidung der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur uneingeschränkten Anwendung von Astrazeneca wird der Corona-Impfstoff in manchen Ländern weiter nur älteren Bürgern geimpft - auch in Deutschland. Foto: Matthias Bein/ZB/dpa

 

Die Überprüfungen seltener Fälle von Blutgerinnseln nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff durch Experten in der EU und Großbritannien haben am Mittwoch (7. April 2021) überraschende Ergebnisse erbracht: Während die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zwar feststellte, dass es sich um Nebenwirkungen des Vakzins handelt, nahm sie keine Änderung an ihrer uneingeschränkten Empfehlung für den Impfstoff vor. Die britische Impfkommission passte allerdings ihre Empfehlung für Menschen unter 30 Jahren an, die nun ein anderes Vakzin verabreicht bekommen sollen. Der Impfstoff Astrazeneca wird in Zukunft übrigens unter einem anderen Namen vermarktet. Viele vermuten dahinter einen PR-Grund - doch das ist nicht der Fall.

EMA hält an Astrazeneca fest: Nutzen höher zu bewerten als die Risiken

Die Experten der EMA stellten einen Zusammenhang zwischen Impfstoff und Thrombosen fest, wenn gleichzeitig eine sehr geringe Zahl von Blutplättchen vorhanden war. Dies trete allerdings sehr selten auf. Die Behörde hält damit weiterhin an ihrer Bewertung des Präparates fest. "Der Nutzen des Wirkstoffes bei der Bekämpfung von Covid-19 ist deutlich höher zu bewerten als die Risiken", sagte EMA-Chefin Emer Cooke am Mittwoch in Amsterdam.

Auch die WHO betonte den Kosten-Nutzen-Faktor bei der Verwendung des Impfstoffs. Bei weltweit inzwischen 200 Millionen mit Astrazeneca geimpften Menschen seien die problematischen Vorfälle sehr selten. Demgegenüber seien inzwischen 2,6 Millionen Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

Geimpften riet die EMA, auf die entfernte Möglichkeit der sehr seltenen Blutgerinnsel zu achten. Bei entsprechenden Symptome sollten sie sofort medizinischen Rat einholen, hieß es weiter. Der Impfstoff mit dem Marktnamen Vaxzevria hatte Ende Januar eine bedingte Marktzulassung für die EU erhalten. Danach ist der britisch-schwedische Hersteller weiterhin verpflichtet, alle Daten zu möglichen Nebenwirkungen weiterzuleiten. Die Häufigkeit gemeldeter Zwischenfälle mit Blutgerinnseln im Gehirn gaben die EMA-Experten am Mittwoch mit ungefähr 1 je 100.000 an. Es hänge sehr davon ab, wie gut die Meldesysteme seien. So liege der Wert in Deutschland bei 1 zu 100.000, in Großbritannien jedoch deutlich niedriger.

Britische Impfkommission: Astrazeneca nur noch für über 30-Jährige

Dennoch hat die britische Impfkommission ihre Empfehlung für den Astrazeneca-Impfstoff nach einer Überprüfung geändert. Das Präparat soll künftig möglichst nur noch über 30-jährigen Erwachsenen verabreicht werden, wie die Kommission am Mittwoch mitteilte. Grund sind Berichte über seltene Fälle von Blutgerinnseln im Zusammenhang mit einer Impfung mit dem Vakzin.

In Großbritannien sind nach Angaben der Arzneimittelbehörde MHRA bislang 79 Fälle von seltenen Blutgerinnseln nach Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff aufgetreten. Dabei kam es zu 19 Todesfällen. Die meisten dieser Fälle betrafen junge Menschen.

Ein direkter Zusammenhang mit dem Impfstoff konnte laut Impfkommission zwar noch nicht nachgewiesen worden. Aber angesichts des geringeren Risikos für jüngere Menschen an Covid-19 zu sterben, habe man diese Abwägung getroffen, hieß es.

Wohl keine Auswirkungen für Deutschland

In Deutschland hat die EMA-Empfehlung voraussichtlich keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Entscheidung der ständigen Impfkommission (Stiko), die den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt für Menschen ab 60 Jahren empfohlen hatte. Was die EMA gemacht habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte Stiko-Mitglied Christian Bogdan am Mittwoch. "Aber das, was die Stiko gemacht hat, kann man sicherlich genauso rechtfertigen."

Die Stiko hatte empfohlen, dass Menschen unter 60 Jahren, die bereits eine erste Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca erhalten haben, bei der zweiten Impfung auf ein anderes Mittel umsteigen sollen. Grund sind mehrere Verdachtsfälle auf eine Hirnvenenthrombose. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko jüngere Menschen betrifft. Die Stiko empfahl, als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen. In Deutschland sind die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen. 

Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, sagte der Rheinischen Post vom Donnerstag zu der Empfehlung zur Zweitimpfung: "Der Schutz gegen Covid-19 nimmt bei einmaliger Astrazeneca-Impfung nach gewisser Zeit ab." Mertens meinte, dass es bei einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff sogar zu einer besseren Schutzwirkung kommen könne.

Streeck wundert sich über Astrazeneca-Empfehlung: "Klinische Studien noch nicht gelaufen"

Diese Auffassung teilt der Virologe Hendrik Streeck nicht. Er hat sich überrascht über die Empfehlung gezeigt, Menschen nach einer Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech- oder Moderna-Wirkstoffen anzubieten.

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"Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten, ob die Studien erfolgreich sind", sagte Streeck der Fuldaer Zeitung (Donnerstag).

Er halte es aber für eine "nachvollziehbare" Entscheidung, das Astrazeneca-Vakzin nicht mehr an Menschen unter 60 Jahren zu verabreichen - auch wenn der Impfstoff an sich gut und sicher sei.

Stiko-Chef sieht keine Widersprüche unter Experten

Am Donnerstag (8. April 2021) hat Thomas Mertens noch einmal nachgelegt. Der Vorsitzende der deutschen Ständigen Impfkommission widersprach der Wahrnehmung, es gebe Meinungsverschiedenheiten unter Experten. Es gebe keinen Widerspruch zwischen den Einschätzungen der EU-Arzneimittelbehörde EMA, dem Paul-Ehrlich-Institut und der Stiko, sagte der Virologe Thomas Mertens am Donnerstag im RBB-Inforadio. Dass der Astrazeneca-Impfstoff in seltenen Fällen zu schweren und auch lebensgefährlichen Nebenwirkungen (bestimmten Arten von Blutgerinnseln) führen könne, bestreite niemand.

Mertens betonte vielmehr die unterschiedlichen Aufgaben und Blickwinkel der Institutionen: Die EMA sei für die grundsätzliche Zulassung zuständig, machte er deutlich. Bei der Stiko gehe es vielmehr darum, den Impfstoffeinsatz zum besten Nutzen der Bevölkerung in Deutschland zu regeln.

Wenn man ganz Europa betrachte, habe die EMA mit ihrer positiven Bewertung der Impfung sicher recht, betonte Mertens: "Denn es gibt viele Länder in Europa, die auch in ihrer Impfkampagne fast völlig von Astrazeneca abhängen." In Deutschland sei das anders, auch andere Präparate stünden zur Verfügung: "Wir haben die Möglichkeit, Impfstoffe in den Altersgruppen zu verschieben und dadurch das Risiko einer schweren Nebenwirkung zu reduzieren oder ganz auszuschließen."

Lauterbach mit Astrazeneca geimpft

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat sich unterdessen mit dem Präparat von Astrazeneca gegen Corona impfen lassen. Das gab der 58-Jährige am Mittwochabend via Twitter bekannt. "Astrazeneca Impfstoff ist heute leider erneut in Schlagzeilen. Wahr ist: es ist ein hochwirksamer Impfstoff, schwere Nebenwirkungen sind sehr rar", schrieb Lauterbach. Der Leiter des Impfzentrums in Leverkusen und er hätten am Dienstag zahlreiche Dosen des Mittels verabreicht. "Selbstverständlich habe ich ihn auch genommen." Dazu postete Lauterbach zwei Fotos, auf einem davon ist er bei seiner eigenen Impfung zu sehen.

Bereits am Dienstag schrieb Lauterbach bei Twitter, dass er den ganzen Tag im Impfzentrum Leverkusen gearbeitet habe. Eine solche Hilfsaktion hatte Lauterbach Mitte Februar kurzfristig abgesagt - aus Sorge vor Protesten. "Polizei und Sicherheitsbehörden sahen Gefährdung", twitterte Lauterbach damals. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der SPD-Politiker angekündigt, sich das Astrazeneca-Präparat spritzen lassen zu wollen.

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