• Bekannte Film- und Fernsehschauspieler aus Deutschland haben sich zu einer gemeinsamen Protestaktion gegen die Corona-Politik der Bundesregierung verabredet
  • "Tatort-Stars" wie Jan Josef Liefers oder Ulrike Folkerts dabei
  • Videos auf YouTube und Instagram unter dem Hashtag #allesdichtmachen gehen viral
  • Es hagelt viel Kritik, aber auch einige Zustimmungen 

Rund 50 prominente Film- und Fernsehschauspieler sorgen mit einer großangelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen für Aufsehen. Man kennt sie aus dem "Tatort" oder der Erfolgs-Serie "Babylon Berlin":  Schauspieler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Heike Makatsch, Jan Josef Liefers und viele weitere verbreiteten am Donnerstag (22.04.) bei Instagram und auf der Videoplattform YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Corona-Politik der Bundesregierung. Andere prominente Schauspielkollegen reagierten entsetzt

Der #allesdichtmachen gehörte binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten auf Twitter 

Wie die Aktion koordiniert wurde, war zunächst nicht bekannt. Der Investigativjournalist Daniel Laufer schrieb auf Twitter, dass hinter der Aktion vermutlich Bernd W. stecke, der im Impressum der Website www.allesdichtmachen.de aufgeführt sei und die Pandemie schon im Mai 2020 verharmlost und mit einer Grippe gleichgesetzt habe. Laufer zufolge hat Bernd W. es auch nicht eingesehen, einen Mundschutz zu tragen. Zudem war dieser sauer, weil Karl Lauterbach im Fernsehen über mögliche Virusinfektionen in Kinos sprach. "Aber ihr habt wahrscheinlich nicht gewusst, mit wem ihr euch einlasst, stimmt's?", schreibt Daniel Laufer auf Twitter. Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer wurden am Abend binnen kurzer Zeit zu den am meisten verwendeten bei Twitter in Deutschland

"Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz", fordert etwa Ulrich Turkur die Bundesregierung auf. "Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte." Und er fügt hinzu: "Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage." In den Videos thematisieren die Schauspieler verschiedene Aspekte des Kampfs gegen die Pandemie:  Liefers bedankt sich in seinem Clip mit ironischem Unterton "bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben." Richy Müller atmet in seinem Clip abwechselnd in zwei Tüten und kommentiert ironisch: "Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh jetzt mal Luft holen." 

In den sozialen Medien stieß die Aktion teilweise auf begeisterte Zustimmung, aber vor allem bei Prominenten auch auf sehr heftige Ablehnung. "Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben", twitterte Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist. Schauspieler Marcus Mittermeier kommentierte: "Niemand hat mich gefragt, ob ich bei #allesdichtmachen mitmachen will. Gott sei Dank!" Der Pianist Igor Levit twitterte: Die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei "schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus ist, der niemanden hilft. Nur spaltet." Medienjournalist Stefan Niggemeier vom Onlinemagazin "uebermedien.de" schreib von "ekliger Ironie" und einem "Dammbruch", der zugleich der "größte Erfolg der Querdenkerszene bisher" sei. Der Grünen-EU-Abgeordnete Erik Marquardt kritisierte, er finde die Aktion schlecht und "sehe sie als Ausdruck einer zunehmenden Resignation von eigentlich Vernünftigen". 

Viele prominente Schauspieler kritisieren die Aktion #allesdichtmachen 

Weitere prominente Schauspieler mischten sich via Instagram in die Diskussion ein. Elyas M'Barek schrieb: "Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Jeder wollte zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich. Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: "das kann doch nicht Dein Ernst sein." Christian Ulmen fühlte sich sogar an den rechten Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen erinnert: Dieser "hätte es nicht schöner sagen können." Nora Tschirner warf den Machern der Clips Handeln aus Langeweile und Zynismus vor. Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, "wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat", sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit dem Titel "Station 43 - Sterben". Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht und einen weinenden Smiley. 

Beifall gab es dagegen vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter "großartig" nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem "Meisterwerk", das "uns sehr nachdenklich machen" sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: "Das ist intelligenter Protest." Sie feierte Jan Josef Liefers. 

Heike Makatsch hat sich bereits nach zahlreicher Kritik an der Aktion #allesdichtmachen entschuldigt. "Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich dadurch verletzen. Sollte das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung", teilte sie auf Instagram mit. 

Der Bundesverband Schauspiel hat sich kritisch zu der #allesdichtmachen-Kampagne geäußert 

Auch der Bundesverband Schauspiel (BFFS) hat sich zu der #allesdichtmachen-Kampagne geäußert und unter anderem an die Menschen erinnert, die derzeit in Krankenhäusern arbeiten. "Manche unser Kolleg*innen haben sich an dieser Aktion beteiligt, manch andere verurteilen sie aufs Schärfste", teilte der Vorstand mit. "Den meisten von uns geht es wie vielen in unserem Land: Wir sehnen uns verzweifelt nach einem Ende der Pandemie", heißt es im Statement des Bundesverbands Schauspiel mit Sitz in Berlin. "Unsere Kinder leiden, unsere Angehörigen und Nachbarn leiden. In unserem Umfeld erkranken Menschen, manche sterben." Sie hätten wie viele andere im Land Existenzängste. "Wir haben Angst, selbst schwer zu erkranken, andere zu infizieren. Hinzu kommt die Angst, unsere Jobs zu verlieren, bei uns die Angst, nicht mehr besetzt zu werden, nie mehr fürs Publikum spielen zu dürfen, unsere Altersvorsorge, unsere Lebensgrundlage und unsere Hoffnung zu verlieren." 

Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) haben viele der Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Dem verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspieler von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Schauspieler. 

"Wir sind allen Menschen zutiefst dankbar, die in Krankenhäusern, Pflegestationen, Altenheimen, Schulen und Kitas sich der Seuche in aufopfernder Weise entgegenstellen", heißt weiter es in dem Statement des Bundesverbands Schauspiel. "Auch sie werden Ängste haben und dennoch sind sie Tag für Tag, Überstunde um Überstunde für uns da - trotz schlechter Bezahlung -, auch wenn die Müdigkeit sie übermannt." 

"Wir leben zum Glück in einer Demokratie und müssen um den besten Weg aus dieser weltweiten Pandemie ringen und streiten", hieß es in der Stellungnahme. In diesen demokratischen Prozess werde sich der Verband mit seinen tausenden Mitgliedern zusammen mit anderen Gewerkschaften "konstruktiv und leidenschaftlich" einbringen.