Berlin
Gegenentwurf

Sarrazin gegen die Wissenschaft

Ein Forscherteam rund um die Politologin Naika Foroutan hat Sarrazins Zahlen geprüft - und kam zu ganz anderen Ergebnissen. Der ehemalige Finanzsenator hat sich dazu nicht geäußert. Jetzt haben die Forscher der Humboldt-Universität Berlin nachgelegt.
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Thilo Sarrazin (* 12. Februar 1945) ist ein deutscher Volkswirt und Autor. Er war Finanzsenator in Berlin und Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Seine provokanten Thesen zur Sozial- und Bevölkerungspolitik waren oft umstritten, mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", entfachte er eine Diskussion über Zuwanderung, vor allem aus muslimischen Ländern. Es ist das meistverkaufte Politik-Sachbuch eines deutschsprachigen Autors des Jahrzehnts.Naika Foroutan (* 24.12.1971) ist Politologin deutsch-iranischer Herkunft. Für ihre Forschungsarbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie lehrt an der Humboldt-Universität Berlin, wo sie auch das Forschungsprojekt "Hybride Europäisch-Muslimische Identitätsmodelle" (Heymat) leitet. Die Forschungsgruppe hat das Dossier "Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand" herausgegeben. Es steht auf der Internetseite des Projekts: www.heymat.hu-berlin.de
Thilo Sarrazin sorgte dafür, dass Naika Foroutan sich wirklich als Ausländerin fühlte. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Naika Foroutan, geboren 1971 in Boppard am Rhein, Politologin, lehrt an der Berliner Hum boldt-Uni. Als Leiterin des Forschungsteams "Hybride Europäisch-muslimische Identitäts-Modelle" (Heymat) wurde sie zu den großen Polit-Talks über Sarrazins Buch ein geladen. Auf den üblichen wissenschaftlichen Diskurs war sie gefasst. Auf die persönlichen Angriffe, die Beleidigungen und Diffamierungen nicht.

Die Wissenschaftlerin reagierte mit allem, was sie fachlich aufbieten kann: Zahlen, Daten, Statistiken.


Im Dezember wurde ein Gegenentwurf zu Sarrazins Thesen auf die Internetseite der Forschungsstelle gestellt. Foroutan wurde vorgeworfen, dass sie andere Statistiken verwende als Sarrazin, dass sie sich herauspickt, was ihr in den Kram passt. "Nun ja", sagt sie. Ihre Stimme am Telefon klingt ruhig, sie hatte in den vergangenen Monaten viele Interviews, und gerade hat ihr Team eine aktualisierte Version des Gegenentwurfs veröffentlicht. "Wir haben gesagt, dass wir einen Gegenentwurf machen. Das impliziert natürlich, dass wir breitflächig Gegenargumente recherchieren."

Gleiche Daten, andere Ergebnisse


Es seien weder besonders positive noch besonders negative Studien verwendet worden. "Es sind die zentralen Studien. Eigentlich kommt man an denen nicht vorbei." Eine Schwierigkeit ist, dass Sarrazin mal von Türken, dann von Arabern oder Muslimen spricht. In den Studien wird die Religionszugehörigkeit aber oft gar nicht erhoben. Dadurch haben die Berliner Forscher teilweise eine andere Datenbasis.

Teilweise nutzen sie die gleichen Daten - kommen aber zu anderen Ergebnissen.

"Zum Beispiel ergibt der Mikrozensus, dass 22,4 Prozent der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zwischen 20 und 25 Jahren Abitur oder Fachabitur haben", sagt Foroutan.

Das sei immer noch viel schlechter als bei der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund. "Aber in der ersten Generation der türkischen Gastarbeiter hatten nur drei Prozent Abitur. Sarrazins These, dass sich Bildungsdefizite vererben, ist grundfalsch."
Foroutan und ihr Team kennen die Integrationsprobleme. "Wir beschäftigen uns ja seit Jahren damit." Außer der Bildungsschere nennt die 39-Jährige Probleme im Arbeitsmarkt. "Das hängt ja eng zusammen."

Macho-Strukturen


Kriminalität ist ein weiteres Problem. Die Ursachen liegen allerdings nicht - wie Sarrazin unterstellt - in der Religion, sondern häufig in Gewalterfahrungen in Kindheit, einem delinquenten Freundeskreis und Macho-Strukturen einiger Migrantengruppen. "Es gibt noch kein richtiges Konzept, um Bildungsdefizite bei Frauen speziell zu fördern." Doch wie in allen Bereichen habe es auch hier Fortschritte gegeben; Foroutan nennt als Beispiel die Kindergarten-Kurse "Mama lernt Deutsch".

Das Projekt Heymat erhebt keine eigenen Daten, archiviert und analysiert aber alle Studien, die sich mit Muslimen in Deutschland befassen.

Und in einem Punkt kommen alle Studien zum gleichen Ergebnis:


Seit Integration auf der politischen Agenda steht, hat sich vieles verbessert. "Wenn ein Land über Jahrzehnte hinweg von Kurzzeit-Zuwanderung ausgeht, ist Integration kein Thema", sagt Foroutan.
Sie erinnert an den Beginn der Integrationsdebatte 2006 und die Diskussionen über Parallelgesellschaften und Ehrenmorde, die damals geführt wurden. "Man fragte sich, wie es sein kann, dass so viele Erstklässler nicht richtig Deutsch können. Jetzt gibt es einen Sprachtest im Kindergarten. Das hätte man auch vor 20 Jahren machen können, aber damals war Integration nicht eingeplant." Islamkonferenz, Einbürgerungskurse, Sprachkurse - in den vergangenen fünf Jahren sei mehr passiert als in den 40 Jahren zuvor.

Das deutsche Identitätsproblem


Das größte Problem sehen die Berliner Forscher in der Identifikation. "Junge Menschen haben in Einwanderungs-Gesellschaften verschiedene Wurzeln. Sie sehen sich zum Teil als türkisch, zum Teil als deutsch - das ist für sie normal." Damit kommt auch eine gesellschaftliche Frage auf. Eine Frage, die lange nicht gestellt wurde: Was ist das eigentlich: deutsch? "Die deutsche Identität wird jetzt vielfach definiert durch die Grenzen", sagt Foroutan. "Durch das, was für Einige auf keinen Fall deutsch ist. Muslimischsein wird als Antithese zum Deutschsein stilisiert."


Zum Thema Bildung schreibt Sarrazin:
"Besorgniserregend ist, dass die (...) Probleme der muslimischen Migranten auch bei der zweiten und dritten Generation auftreten, sich also quasi vererben, wie der Vergleich der Bildungsabschlüsse (...) zeigt. (...) Von den in Deutschland lebenden Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund haben 30 Prozent überhaupt keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent Abitur. (...) Rätsel gibt auch auf, warum die Fortschritte in der zweiten und dritten Generation, soweit sie überhaupt auftreten, bei muslimischen Migranten deutlich geringer sind als bei anderen Gruppen mit Migrationshintergrund." ("Deutschland schafft sich ab", S. 284, S. 286, S. 287)
Foroutan entgegnet:
Von den Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund erreichen 28,5 Prozent die (Fach-) Hochschulreife, 30,6 Prozent absolvieren die Realschule, 27,4 Prozent schließen erfolgreich die Hauptschule ab und 13,5 Prozent verlassen die Schule ohne einen Abschluss. Von den jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (20 bis 25 Jährige, die in Deutschland zur Schule gegangen sind) haben 22,4 Prozent Abitur oder Fachabitur - bei der ersten Generation der Gastarbeiter haben nur drei Prozent einen höheren Bildungsabschluss. Von den in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürgern haben 42,4 Prozent einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Quellen: Mikrozensus-Bevölkerungsstatistik des Statistischen Bundesamtes, Studie "Fortschritte der Integration" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Studie "Muslimisches Leben in Deutschland"des BAMF

Zu den Sozialtransfers schreibt Sarrazin:
"Bei den muslimischen Migranten entfallen auf 100 Menschen, die ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Erwerbstätigkeit bestreiten, 43,6 Menschen, die überwiegend von Arbeitslosengeld und Hartz IV leben (...)."
("Deutschland schafft sich ab, S. 282)
Foroutan entgegenet:
Sarrazins verklausulierte Formulierung ist zwar zutreffend, wenn aber - wie allgemein üblich - die Zahlen in Relation zur gesamten Bevölkerung mit türkischem Migrationshintergrund und nicht nur zu den Erwerbspersonen gemessen werden, ergibt sich mit 9,5 Prozent ein viel geringerer Anteil derer, die ihren überwiegenden Lebensunterhalt durch Hartz-IV bestreiten. Bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sind es 3,5 Prozent. Quelle: Mikrozensus-Bevölkerungsstatistik

Zu den Sprachkenntnissen von Migranten schreibt Sarrazin:
"Sprechen türkische Migranten auch in der dritten Generation noch nicht richtig deutsch, so wird eine Integrationsfeindlichkeit des Umfeldes ausgemacht." ("Deutschland schafft sich ab,, S. 10)
Foroutan entgegnet:
Von den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund haben 70 Prozent gute bis sehr gute Kenntnisse der deutschen Sprache. Quellen: Erhebung des Allensbach-Instituts zur den Sprachkenntnissen der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (2010), Studie "Zuwanderer in Deutschland" der Bertelsmann Stiftung (2009). Die Erhebung beruht nicht auf Selbsteinschätzung sondern auf Sprachtests.

Über das Kopftuch schreibt Sarrazin:
"Sichtbares Zeichen für die muslimischen Parallelgesellschaften ist das Kopftuch. Seine zunehmende Verbreitung zeigt das Wachsen der Parallelgesellschaft an."
"Gleichzeitig bedeutet das Kopftuch die Anerkennung der Unterordnung der Frau unter den Mann und der Beschränkung ihrer Freiheitsrechte." ("Deutschland schafft sich ab, S. 299, 314)
Sarrazin bezieht sich auf den Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung. Auf eine Anfrage bei der Bertelsmann Stiftung mit der Bitte um Verifizierung der von Thilo Sarrazin verwendeten Zahlen erhielt das Berliner Forscherteam folgende Antwort: "Der Religionsmonitor der Bertelsmann Studie trifft keine Aussagen dazu, wie häufig muslimische Frauen in Deutschland ein Kopftuch tragen. Es wird nur die Wichtigkeit der Bekleidungsvorschriften und die Meinung, ob eine muslimische Frau ein Kopftuch tragen soll [abgefragt].‘."
Foroutan entgegnet außerdem:
Von den Musliminnen ab 16 Jahren geben in der ersten Generation 69 Prozent an, nie ein Kopftuch zu tragen. In der zweiten Generation geben dies 71 Prozent an. 23 Prozent geben an, immer ein Kopftuch zu tragen. Quelle: 5) Studie "Muslimisches Leben in Deutschland"des BAMF

Über die Kriminalität schreibt Sarrazin: "In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen..." ("Deutschland schafft sich ab,S. 297)
Foroutan entgegnet: Auf eine Anfrage beim Büro des Berliner Polizeipräsidenten erhielten die Forscher folgende Antwort: "Diese zitierte Aussage von Hr. Sarrazin ist weder bei enger Auslegung der Nationalitäten noch bei weiterer Auslegung der Staatszugehörigkeit mit Zahlen der offiziellen PKS oder den geschäftsstatistischen Erhebungen zu Personen in Täterorientierten Ermittlungsprogrammen zu belegen."


Die komplette Studie steht auf der Internetseite www.heymat.hu-berlin.de .