Sachsen ist Vorreiter. Als erstes Flächenland nutzt der Freistaat seit Wochenbeginn umfassend 2G gegen die rasant steigenden Corona-Zahlen. Nur Geimpfte und Genesene dürfen nun in Restaurants, Kneipen oder Diskotheken, ein negativer Test nützt nichts. Darüber wird heftig gemurrt, vor allem von Gastwirten. Doch wird Sachsen nicht alleine bleiben. Millionen Menschen in Deutschland müssen sich darauf einstellen, bald im Alltag den Impfpass vorzulegen - oder vor der Tür zu stehen.

Auf der Tagesordnung stehen 2G-Regeln unter anderem in Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern. Seitdem in Bayern die Corona-Ampel auf "Rot" steht, gilt 2G in vielen Bereichen. Die Partner der anvisierten Ampel-Koalition im Bund planen zwar vorerst keine flächendeckende Einführung. Aber möglich ist 2G überall, wo Infektionszahlen in die Höhe schnellen und Kliniken voll laufen. Und wie alles in dieser schier endlosen Pandemie ist auch dieses Rezept hoch umstritten.

Beschränkungen für Ungeimpfte als letzte Notbremse?

Befürworter wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sehen die Beschränkungen für Ungeimpfte als eine Art letzte Notbremse, um Schlimmeres abzuwenden: den Lockdown für Geschäfte und Lokale. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder fordert einheitlich 2G, der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ebenfalls.

Unterstützung bekommen sie zum Beispiel vom Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr. "Wir haben ehrlich gesagt nicht viel Zeit zuzuschauen, wie wir auf die Klippe zurasen", sagte der Experte für Corona-Prognosen der Deutschen Presse-Agentur. 2G-Regeln könnten Risikokontakte vermeiden und die Impfbereitschaft von Unentschlossenen erhöhen.

Aber bei der Einschätzung gehen längst nicht alle Experten und Politiker mit. 2G gebe eine "Scheinsicherheit", kritisierte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit am Wochenende im Deutschlandfunk. Auch Geimpfte könnten sich infizieren und das Virus übertragen - wenn auch seltener als Ungeimpfte. Wirkliche Sicherheit gäben nur Tests bei allen, ob geimpft, ungeimpft oder genesen. Er nannte das 1G. Im Gespräch ist nun mancherorts auch 2G+: Eintritt nur für Geimpfte und Genesene, die zusätzlich getestet sind.

Wer soll Zugangsbeschränkungen kontrollieren?

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow - der in seinem Bundesland ähnlich dramatische Corona-Zahlen hat wie Sachsen - ist auf Distanz zu 2G. Sein Argument: Wer soll das alles kontrollieren? Und was nützen Regeln, die niemand überwacht? Wer kürzlich im Café oder Restaurant war, weiß: Ob jemand geimpft, genesen oder frisch getestet ist, danach fragt oft niemand. Sachsen und andere Länder wollen nun die Kontrollen ausweiten, um den Regeln Zähne zu verleihen.

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Spürbar ist in der Politik aber auch ein Unbehagen, Ungeimpfte unter Druck zu setzen - vielleicht auch die Furcht vor dem Zorn der Impfskeptiker. Die AfD etwa klagt in mehreren Bundesländern gegen 3G- und 2G-Regeln. Parteichef Tino Chrupalla nannte den Schwenk zu 2G katastrophal. Dies werde zur sozialen Spaltung führen, sagte er dem Sender Phoenix.

Die Debatte wurde schon zu Beginn der Impfkampagne geführt und nie wirklich aufgelöst. "Keine Sonderbehandlung für Geimpfte! Eine Unterscheidung zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften kommt einer Impfpflicht gleich", warnte Ende 2020 Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in der Bild am Sonntag. Dagegen hielt damals Außenminister Heiko Maas (SPD), der Geimpften früher als anderen wieder den Besuch in Restaurants oder Kinos erlauben wollte. Das Dilemma bleibt bis heute: Darf man Menschen benachteiligen, die sich gegen das Impfen entscheiden? Treibt das den Keil noch tiefer zwischen die Mehrheit der Geimpften und die Minderheit der Skeptiker?

Auch Ethikrat ist sich uneins

Für den Vizechef des Deutschen Ethikrats, Julian Nida-Rümelin, ist das ein "unnötiger Stresstest", wie er dem RND sagte: "Jetzt durch Ausschluss aus sozialen, kulturellen oder ökonomischen Aktivitäten die Nichtimpfwilligen zu zwingen, sich impfen zu lassen, führt zu einem Antiimpfheroismus, bei dem die Menschen stolz darauf sind, dass sie Widerstand leisten."

Auch der Ethikrat ist aber uneins. Die Vorsitzende Alena Buyx schloss im Sommer Vorrechte für Geimpfte und Genesene nicht grundsätzlich aus. "Ich hoffe sehr, dass die Situation nicht so schlecht wird, dass man 2G überhaupt flächendeckend einsetzen muss", sagte Buyx im ZDF. Für ein Gespräch hatte Buyx jetzt kurzfristig keine Zeit. Ihr Büro bestätigte, dass der Ethikrat keine abgestimmte Position zu 2G habe.

Der Streit tobt, doch eine Begleiterscheinung ist bereits zu beobachten: Die Impfzahlen gehen hoch - selbst in Sachsen, das bisher die niedrigsten Impfquote Deutschlands vorweist. In Baden-Württemberg steigt die Nachfrage, in Berlin, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Dort sah sich der Impfstützpunkt Greifswald "tageweise völlig überrannt", wie der Landkreis mitteilte.

Die extrem steigenden Corona-Fallzahlen tragen sicher dazu bei, aber auch 2G erhöht den Druck. "In einzelnen Rückmeldungen wird die zunehmende Anwendung von 2G als Grund für die Impfentscheidung angeführt", berichtete der Sprecher von Nordwestmecklenburg, Christoph Wohlleben. Für den Saarbrücker Experten Lehr ist genau das auch Zweck von 2G: "Ich glaube, dass wir fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung noch einmal zum Impfen bewegen können."

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