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Terrorismus

Deutscher Herbst vor 40 Jahren: Die blutige Spur des RAF-Terrorismus in Deutschland

Die "Rote-Armee-Fraktion" tötet zwischen 1970 und den 90er-Jahren 34 Menschen. 1977 erreicht der Linksterrorismus seinen blutigen Höhepunkt.
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Bundeskanzler Helmut Schmidt gibt am 20. Oktober 1977 vor dem Bundestag eine Regierungserklärung zur Entführung einer Lufthansa-Maschine. Foto: Heinrich Sanden / dpa
Bundeskanzler Helmut Schmidt gibt am 20. Oktober 1977 vor dem Bundestag eine Regierungserklärung zur Entführung einer Lufthansa-Maschine. Foto: Heinrich Sanden / dpa
Der 5. September 1977 ist ein Montag. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist um 17.30 Uhr auf dem Weg vom Büro zu seiner Kölner Wohnung. Plötzlich steht ein blauer Kinderwagen auf der Straße. Aus einer Einfahrt setzt ein gelber Mercedes zurück. Schleyers Fahrer steigt hart auf die Bremse, das Begleitfahrzeug mit den drei Personenschützern fährt auf Schleyers Wagen auf. Im selben Moment eröffnen vier RAF-Terroristen das Feuer. Der Fahrer und die drei Polizisten werden erschossen, der Arbeitgeberpräsident aus dem Wagen gezerrt und verschleppt.

Die Entführung und die dramatischen Wochen, die darauf folgen, werden als "Deutscher Herbst" in die Geschichtsbücher eingehen. Es sind 44 Tage, die die Bundesrepublik verändern.


Staat lässt sich nicht erpressen

Noch am Abend bittet Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) seine wichtigsten Minister und Berater ins Kanzleramt. Um 21.30 Uhr tritt er vor die Fernsehkameras. In einer kurzen Ansprache macht er klar, dass der Staat nun "mit aller notwendigen Härte" antworten müsse: "Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."

Die Entführer, das RAF-"Kommando Siegfried Hausner", fordern die Freilassung von elf RAF-Terroristen, unter ihnen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller. Am 6. September, kurz vor Mitternacht, tritt erstmals der "Große Krisenstab" mit den Spitzen der Sicherheitsorgane und aller Parteien des Bundestags zusammen. Sie alle sind sich einig: Der Staat wird sich nicht erpressen lassen.

Was folgt, ist ein wochenlanger Nervenkrieg, mit schweren Fahndungspannen und einer beispiellosen Aufrüstung des Staates.


GSG9 beendet Flugzeug-Drama

Am 13. Oktober entführen vier palästinensische Luftpiraten die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen. Bei einem Zwischenstopp in Aden (Jemen) wird Flugkapitän Jürgen Schumann mit einem Kopfschuss ermordet. Der Irrflug endet in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, wird die Maschine von einem Einsatzkommando der GSG 9 gestürmt. Drei der Entführer werden getötet, die 86 Geiseln befreit.

Nach der erfolgreichen Aktion ist die Erleichterung in Bonn zunächst groß. Der Kanzler und der Krisenstab setzen darauf, dass die Schleyer-Entführer nun aufgeben werden. Doch das Gegenteil passiert.
Im Nachtprogramm des Rundfunks wird die Nachricht von der Befreiungsaktion in Nordafrika verbreitet. Trotz "Kontaktsperre" erfahren die Stammheimer Häftlinge davon. Schon bei Verhören haben sie angedroht, dass sie auf einen Selbstmord als "Entscheidung über uns" vorbereitet sind. Mit Hilfe einiger ihrer Anwälte haben sie Waffen und Sprengstoff in den Hochsicherheitstrakt geschmuggelt.


Anruf in der Redaktion

Als am frühen Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 08.00 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet werden, sind Baader und Ensslin tot, Raspe liegt im Sterben. Irmgard Möller überlebt als einzige mit Stichwunden in der Brust die Todesnacht im siebten Stock des Gefängnisses.

Ein Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutet das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur. Eine weibliche Stimme beginnt zu diktieren: "Hier RAF (...) Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt (...) kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen." Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung habe, antwortet sie knapp: "Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben."

Wegen der von der Regierung verfügten "Nachrichtensperre" wird es noch Stunden dauern, bis die Öffentlichkeit vom blutigen Ende des Geiseldramas erfährt. Der Fundort im Elsass wird weiträumig abgesperrt. Schließlich wird der Kofferraum des Audi geöffnet. Darin: Hanns Martin Schleyer, aus nächster Nähe mit Kopfschüssen ermordet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat später einmal als politische Folge der Schleyer-Entführung zwei Punkte genannt: Der Staat dürfe nicht erpressbar sein. Und: In vergleichbaren Situationen müssten Regierung und Opposition zusammenhalten. Das gilt bis heute. Auch im laufenden Wahlkampf haben sich Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz darauf verständigt, die Terrorbekämpfung herauszuhalten, um die gesellschaftliche Geschlossenheit in dieser Frage nicht zu gefährden.

Als der "Deutsche Herbst" endete, war die Fahndungsbilanz zunächst mager. Gerade einmal neun der später 22 ermittelten Tatverdächtigten waren identifiziert. Dennoch zieht RAF-Experte Butz Peters in seinem neuen Standardwerk ("1977 - RAF gegen Bundesrepublik") eine insgesamt positive Bilanz: "Führt man auf Staatsseite die Sichtweisen gegen Jahresende 1977 auf einen kurzen Nenner zusammen, lautet das Fazit: Der Blutzoll war hoch. Aber nur so ließ sich künftiges Unheil vermeiden. Der Staat hat die Herausforderung bestanden."


Hintergründe zur Gruppe

Wie fing es an?

Die RAF wurde zunächst als Baader-Meinhof-Gruppe bekannt. Nach dem Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg im Juni 1967 und dem Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke im April 1968 hatten sich Teile der Außerparlamentarischen Opposition radikalisiert. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und zwei Komplizen verübten 1968 aus Protest gegen den Vietnamkrieg in Frankfurt am Main Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser. Die Journalistin Ulrike Meinhof kam während des Prozesses mit ihnen in Kontakt. 1970 wurde Baader gewaltsam aus der Haft befreit. Diese Aktion gilt als Geburtsstunde der RAF. Die Gruppe ging in den Untergrund.

Was wollte die RAF?

Die RAF sah sich als "revolutionäre Avantgarde" des Klassenkampfes und Teil eines weltweiten Aufstands gegen Imperialismus und Kapitalismus. Ihr Name bezog sich auf die Armee der kommunistischen Sowjetunion. In ihrem "Konzept Stadtguerilla" bekannte sie sich zum "bewaffneten Kampf" und verglich sich mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt.

Hatten die RAF-Gründer Nachfolger?

Ja. Der Terror der RAF lässt sich nach Tätern und Tatzielen in mehrere Phasen aufteilen. Die erste Generation um Baader, Ensslin und Meinhof verübte neben Banküberfällen Bombenanschläge unter anderem auf US-Militäreinrichtungen. Als sie nach dem massivem Ausbau des Fahndungsapparats 1972 hinter Gittern saßen und mit Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen protestierten, setzten die zweite und später die dritte Generation die Terrorserie fort.

Was war die "Offensive 77"?

Hauptanliegen der zweiten RAF-Generation ab 1975 war die Befreiung der Gründungsgruppe aus der Haft. Erste spektakuläre Aktion war der Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm 1975. In einer "Offensive 77" verübte die RAF um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar Mordanschläge unter anderem auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto. Als sich der Staat auch nicht mit der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer und einer Lufthansa-Maschine erpressen ließ, nahmen sich Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim das Leben. Ulrike Meinhof hatte sich bereits 1976 in ihrer Zelle erhängt. Schleyer wurde von seinen Entführern ermordet.

Wann endete der RAF-Terror?


In den 1980er Jahren führte die dritte RAF-Generation mit einer namentlich kaum bekannten "Kommando-Ebene" den Terror weiter. Auf ihr Konto sollen mehrere Morde gehen, so an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989) und zuletzt Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991). Die letzte RAF-Aktion war 1993 ein Sprengstoffanschlag auf den Neubau der Vollzugsanstalt Weiterstadt (Hessen). Bis heute sind viele Verbrechen der dritten RAF-Generation nicht aufgeklärt.

Was wurde aus der RAF und ihren Mitgliedern?

Etliche von ihnen wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, zwei Dutzend wurden getötet oder nahmen sich selbst das Leben. Während weltweit nach RAF-Terroristen gefahndet wurde, ermöglichte die Stasi zehn von ihnen ein bürgerliches Leben mit falschen Identitäten in der DDR. Zu den erst nach der Wende 1990 Enttarnten gehörten Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und Inge Viett. Fast 28 Jahre nach ihrer Gründung erklärte die RAF 1998 in einem letzten Schreiben ihre Auflösung. Nach den Ex-Mitgliedern Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg wird bis heute gefahndet - wegen Raubüberfällen.
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