Berlin
Fleischatlas 2018

Der Konsum soll sich halbieren: 59 Kilo Fleisch isst jeder Deutsche pro Jahr

Am Mittwoch wurde der Fleischatlas 2018 vorgestellt. Er enthält auch konkrete Lösungsansätze für eine bessere Tierhaltung.
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Am Mittwoch wurde der Fleischatlas 2018 vorgestellt. Er enthält auch konkrete Lösungsansätze für eine  bessere Tierhaltung. Foto: Armin Weigel/dpa
Am Mittwoch wurde der Fleischatlas 2018 vorgestellt. Er enthält auch konkrete Lösungsansätze für eine bessere Tierhaltung. Foto: Armin Weigel/dpa

Die Deutschen sollten aus Sicht von Umweltschützern nur noch halb so viel Fleisch essen und die Tierbestände kräftig abbauen. Anders seien weder die Klimaziele noch mehr Tier- und Naturschutz zu erreichen.


"Weniger und dafür besser ist die Losung", sagte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, am Mittwoch bei der Vorstellung des "Fleischatlas 2018" am Mittwoch in Berlin. "Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen."

Gefordert wird eine verpflichtende Fleischkennzeichnung und eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen. Mehr als zwei Rinder oder zehn Schweine pro Hektar solle ein Betrieb nicht mehr halten. Demzufolge müssten die Schweinebestände um mehrere Millionen Tiere sinken, besonders betroffen wären das westliche Niedersachsen und Westfalen.

 


59 Kilogramm pro Kopf pro Jahr

Nach Branchenzahlen haben die Deutschen 2016 pro Kopf im Schnitt 59 Kilogramm Fleisch gegessen, etwa eineinhalb Kilogramm weniger als im Vorjahr, jedoch kaum weniger als zehn Jahre zuvor. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt höchstens die halbe Menge. Veröffentlicht wird der Fleischatlas seit 2013 von BUND, Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung "Le Monde Diplomatique".

Der Bauernverband bekräftigte, dass die Landwirtschaft die Erzeugung klimaschonender machen wolle. Dazu sollten unter anderem Düngemittel mit neuer Technik sparsamer eingesetzt und deutlich mehr Gülle in Biogasanlagen verwertet werden, wie eine am Mittwoch vorgelegte neue Klima-Strategie des Verbands vorsieht. "Wir stehen zu unserem ehrgeizigen Ziel, die Emissionen an Treibhausgasen aus der Landwirtschaft um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu senken", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied.

 

 

 


Daten, Fakten, Zahlen

Die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Le Monde Diplomatique haben am Mittwoch in Berlin den "Fleischatlas 2018 - Rezepte für eine bessere Tierhaltung" veröffentlicht. Der nunmehr vierte Fleischatlas enthält zahlreiche Daten, Fakten und Grafiken zu den drängendsten Problemen der industriellen Fleischproduktion und konkrete Lösungsansätze für eine bessere Tierhaltung.

Ein ökologischer Wandel in der Tierhaltung sei nur mit neuen politischen Strategien und einem geschärften Bewusstsein bei Verbrauchern möglich, so die Organisationen. Der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung werfen der Bundesregierung Handlungsunwilligkeit vor und fordern den dringend notwendigen Umbau der Nutztierhaltung endlich zu beginnen. Dazu gehöre auch, eine verpflichtende Kennzeichnung bei Fleisch einzuführen - vergleichbar der Eier-Kennzeichnung, die dazu geführt habe, dass Eier aus Käfighaltung ausgelistet wurden.

Ein zentrales Problem der industriellen Tierhaltung sei die exorbitante Güllebelastung der deutschen Böden und Grundwasser. Dagegen könne laut BUND und Heinrich-Böll-Stiftung nur eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse und eine konsequente Begrenzung der Tiermengen pro Hektar helfen. Der Richtwert dürfe zwei Großvieheinheiten pro Hektar nicht überschreiten, das sind zwei Rinder oder zehn ausgewachsene Schweine. Es sei deshalb unumgänglich, dass einzelne Gemeinden wie Vechta oder Cloppenburg in Niedersachsen ihre Bestände massiv abstocken.

 

 

 

 


Tierproduktion muss sich ändern


Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, sagte: "Qualvoll, umweltschädlich, ungesund und billig - das charakterisiert heute die industrielle Tierproduktion. Das muss sich dringend ändern. Zudem trägt kein anderer Sektor so massiv zum Verlust der Artenvielfalt, zur Zerstörung des Klimas, zur Überdüngung und zur Gefährdung unserer Gesundheit bei wie die industrielle Fleischproduktion.

Laut Prognosen wird die Nachfrage nach Fleisch bis zum Jahr 2050 voraussichtlich noch einmal um bis zu 85 Prozent steigen. Ohne Umsteuern, vor allem in den Industrieländern, ist dies ein Garant fürs weitere Aufheizen der Atmosphäre, für globale Ungleichheit, Hunger und Tierleid. Es ist höchste Zeit, dass politisch umgesteuert wird.

Ein Hebel dazu ist eine grundlegende Reform der EU-Agrarpolitik. Jedes Jahr gibt die EU knapp 60 Milliarden Euro für agrarpolitische Maßnahmen aus. Dieses Geld sollte zukünftig in Maßnahmen für eine ökologischere und tiergerechtere Landwirtschaft fließen, damit der Graben zwischen umweltpolitischen Notwendigkeiten und den Wünschen der Verbraucherinnen und Verbraucher und der Landwirtschaft nicht noch größer wird. Der Fleischatlas 2018 zeigt konkret für Deutschland praktikable Lösungsstrategien für eine ökologische und global nachhaltige Gestaltung der Fleischproduktion."

 

 

 

 


Nachhaltiger Umbau der Tierhaltung


Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender, sagte: "Abgesehen von Ankündigungen ist in den vergangenen Jahren wenig passiert, um die Bedingungen in der Nutztierhaltung zu verbessern. Die Bundesregierung muss noch in diesem Jahr die Weichen für einen nachhaltigen Umbau der Tierhaltung stellen. Saubere Gewässer und gesunde Böden kann es nur geben, wenn die Tierhaltung wieder an die Fläche gebunden wird. Wichtig ist dabei auch die Einführung einer verbindlichen staatlichen Haltungskennzeichnung.

Ein freiwilliges Tierwohllabel mit laschen Anforderungen, wie es Agrarminister Christian Schmidt vorschlägt, reicht für eine echte Trendwende nicht aus. Ein tiergerechter, ökologischer Wandel der Tierhaltung wird von einer Mehrheit der Menschen in Deutschland unterstützt, dem muss die neue Regierung Rechnung tragen."

Der neue "Fleischatlas 2018" von Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und Le Monde Diplomatique präsentiert auf über 50 Seiten zahlreiche Grafiken, Zahlen und Fakten rund um Fleischproduktion und -konsum in Deutschland. Er steht unter www.bund.net/fleischatlas2018 beziehungsweise www.boell.de/fleischatlas2018 kostenlos zum Download zur Verfügung.