Herr Özdemir, seit Uli Hoeneß als Steuersünder entlarvt ist, boomt das Thema. Wird nicht auch hinterzogen, weil die Steuern zu hoch sind?
Özdemir: Deutschland ist doch kein Hochsteuerland. Gerade auch was die Unternehmenssteuern angeht, gibt es keinen Grund zur Klage, unter Rot-Grün wurden sie spürbar gesenkt. Wir müssen klar sehen: Wer Steuern hinterzieht, entzieht Geld nicht einem anonymen Staat, sondern seinen Mitbürgern. Das macht sich dann zum Beispiel an fehlenden Kita-Plätzen bemerkbar oder an Schlaglöchern, die nicht behoben werden. Deshalb war es gut, dass das Deutsch-Schweizer Amnestieabkommen gescheitert ist und der Staat sich nicht zum Komplizen von Steuerhinterziehern macht.

Ihre Partei will aber wieder Steuern erhöhen.
Haben Sie als Schwabe denn gar keine Angst um die Wirtschaft, wenn eine Vermögensabgabe kommt?

Erst mal wollen wir über 90 Prozent der Einkommensteuerzahler entlasten. Und was die Vermögensabgabe betrifft: Es wird keine Substanzbesteuerung geben. Die Vermögensabgabe wird auf maximal 35 Prozent des Gewinns erhoben, sie ist auf zehn Jahre begrenzt, jeder Euro geht in den Abbau der Staatsschulden und damit auch der Verringerung der Zinslast.

Hat der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann das nicht kapiert? Mit seinem SPD-Vize Nils Schmid hat er Ihnen einen Brief geschrieben und vor einer Substanzbesteuerung von Unternehmenskapital gewarnt.
Es war kein Zufall, dass der Brief am Tag vor dem SPD-Bundesparteitag kam. Der Adressat war vor allem die SPD und ihr Konzept einer Vermögenssteuer. Natürlich gibt es auch Adressaten bei den Grünen, die beispielsweise beim Spitzensteuersatz auf 53 Prozent gehen wollen. Das halte ich für zu hoch. Wir müssen die Balance halten.

Aber vor der Substanzbesteuerung haben trotzdem viele Angst...
...und die ist unbegründet. Wenn der SPD-Spitzenkandidat und der Grünen-Parteivorsitzende sagen, mit uns gibt es keine Substanzbesteuerung, dann gilt das. Wir sind verlässlich. Haben wir Atomlaufzeiten verlängert und danach verkürzt? Haben wir die Gebäudesanierung vertagt und dann wieder aufgelegt? Sind wir für und gegen die Frauenquote in der Wirtschaft? Um nur wenige Beispiele zu nennen für das Chaos der Merkel-Koalition. Nein, bei uns weiß man, wo man dran ist. Unsere Botschaft ist: 90 Prozent der Steuerzahler werden von unserem Programm entlastet - und die Vermögensabgabe trifft weniger als ein Prozent. Und wir sagen klar, was wir mit den Mehreinnahmen machen. Wir haben 100 Milliarden Euro Investitionsstau allein auf kommunaler Ebene laut Kreditanstalt für Wiederaufbau. Uns geht es um die Infrastruktur, auf die alle, auch die Unternehmen, angewiesen sind.

Was halten die Unternehmer denn davon, dass Sie die Minijobs einschränken wollen?
Auch da mache ich die Erfahrung, dass alle die Probleme von Minijobs kennen. Es geht hier nicht um Studierende oder Rentner, die etwas dazu verdienen wollen. Es geht darum, dass sozialversicherungspflichtige Jobs ersetzt werden. Vor allem Frauen brauchen eine soziale Absicherung und eine Altersrente, von der man menschenwürdig leben kann. Ich kann mir eine Art Progressivlohnmodell vorstellen, durch das untere Einkommen bei den Lohnnebenkosten entlastet werden, so dass Jobs auch in diesen Bereich entstehen - aber bitte von Anfang an sozialversichert. Sonst schaffen wir uns die Probleme von morgen.

Wenn Sie, genau wegen solcher Ideen, als Robin-Hood-Partei bezeichnet werden, ist das dann ein Kompliment?
Ich fand Robin Hood immer sehr attraktiv. Wenn Frau Merkel lieber den Sheriff von Nottingham gibt, muss sie das mit sich ausmachen. Ich will lieber auf der Seite der Gerechtigkeit sein.

Sie galten immer als jemand, der auch mit der CDU regieren könnte. Sind Sie weiter dafür offen?
Wir kämpfen für die Ablösung der CDU und eine rot-grüne Koalition. Wir sind eine eigenständige Partei, und inhaltlich haben wir die größte Schnittmenge mit der SPD. Und Inhalte sind entscheidend.

Aber es gibt potenzielle Grün-Wähler, die sagen: Ich habe überhaupt keine Lust, mir am Ende Frau Merkel einzufangen...
Diese Sorge besteht wohl eher bei der SPD. Die hat doch mit der Union zusammen in der großen Koalition das unsinnige Kooperationsverbot in die Verfassung geschrieben oder das Betreuungsgeld beschlossen. Wer für einen Politikwechsel ist und Frau Merkel als Kanzlerin des Stillstands verhindern will, der muss die Grünen wählen.

Sigmar Gabriel hat mal gesagt, die Grünen wüssten nicht, wie eine Krankenschwester lebt und denkt. Planen Sie eine Arbeitsteilung: die SPD für die kleinen Leute, Sie für die Bionade-Bourgousie?
Bionade und Bioprodukte gibt es doch auch im Supermarkt. Und was die Krankenschwester angeht, muss man mich nicht belehren. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, ich weiß noch, wenn meine Mutter mit aufgeschnittenen Armen aus der Papierfabrik kam und mein Vater ewig geduscht hat, um das Öl von der Haut zu kriegen, das bei der Metallverarbeitung in die Poren dringt. Eigentlich habe ich eine sozialdemokratische Vita - weil es der SPD aber nicht um Ökologie geht, bin ich zu den Grünen.

Wenn Sie den Verlauf des bayerischen Vorwahlkampfs betrachten: Haben Sie da noch Hoffnung auf einen Machtwechsel?
Die bayerischen Grünen stehen exzellent da mit 15 bis 16 Prozent. Aber ich gebe zu, wenn wir SPD, Grüne und die Freien Wähler zusammenzählen, fehlt noch etwas.

Die Freien Wähler rechnen Sie mit?
Wir brauchen einen dritten Partner. Die Freien Wähler sind sperrig und, was Europa angeht, auch nicht unserer Meinung. Aber nach Baden-Württemberg wäre auch in Bayern ein Regierungswechsel gut, weil die CSU in der Gefahr ist, die Demut zu verlieren. Unser Angebot sind starke Grüne, aber man kann in Bayern auch jenseits der Landesregierung gute Politik machen.

Wie eng sind Ihre Kontakt zum sperrigen Herrn Aiwanger?
Ich persönlich habe keinen Kontakt, aber die bayerischen Kollegen. Das ist nicht immer einfach - aber man kann sich seine Partner nicht basteln.