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Bamberg
Cannabiskonsum

Bamberger berichtet von seiner Erkrankung: Die einzige Hilfe ist Cannabis

Durch einen Tumor und mehrere Operationen wurde ein junger Bamberger zum chronisch Kranken. Das einzige Mittel, das ihm hilft, ist Cannabis.
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Cannabisblüten können auch gemahlen und in einen Vaporisator gefüllt werden. Darin werden sie erhitzt und die Wirkstoffe können durch die Verdampfung inhaliert werden.  Foto: I. Fenn-Nebel
Cannabisblüten können auch gemahlen und in einen Vaporisator gefüllt werden. Darin werden sie erhitzt und die Wirkstoffe können durch die Verdampfung inhaliert werden. Foto: I. Fenn-Nebel

Jan Zimmermann war 22 Jahre alt, als er nach monatelangem Arztmarathon eine Diagnose bekam, die jeder fürchtet: Tumor. Die Geschwulst wuchs an seinem Rücken, an einem Nerv, der durch eine Operation entfernt werden musste. Seitdem sind die Schmerzen da. Zimmermann kämpfte sich ins Leben zurück. Aber gesund wurde er nicht.
Es folgten weitere Operationen - die Beschwerden blieben. Der junge Bamberger ist ein chronischer Schmerzpatient. Er hat alle Tiefpunkte hinter sich, die dieses Krankheitsbild mit sich bringt. Heute ist er 26 Jahre alt und weiß, dass er für immer mit der Krankheit leben muss. Zimmermann ist Frührentner wegen Erwerbsunfähigkeit. Aber er hat zumindest ein Mittel geholfen, das gegen die Schmerzen hilft: Cannabis.

Als Freizeitdroge ist das aus der Hanfpflanze (lateinisch: Cannabis) gewonnene "Gras" bekannt. Dass es auch als Heilmittel eingesetzt werden kann, wurde im März 2017 mit dem Gesetz "Cannabis als Medizin" untermauert. Das Bundesgesundheitsministerium kommentierte damals: "Schwerkranke Menschen müssen bestmöglich versorgt werden. Dazu gehört, dass die Kosten für Cannabis als Medizin für Schwerkranke von ihrer Krankenkasse übernommen werden, wenn ihnen nicht anders wirksam geholfen werden kann." An der Haltung der Bundesregierung zur Freigabe von Cannabis ändert dessen Einsatz als Heilmittel nichts. Deshalb bleibt der Eigenanbau, selbst zu medizinischen Zwecken, und die Verwendung zu Rauschzwecken verboten.


Schwierige Arztsuche

Als das Gesetz angekündigt wurde, war für Jan Zimmermann klar: "Ich möchte das probieren, auch wenn ich sonst total gegen Drogen bin und auch keinen Alkohol trinke." Ein Rezept zu bekommen, war dann aber gar nicht so einfach. "Die meisten Ärzte wollen mit Cannabis nichts zu tun haben", ist Zimmermanns Erfahrung. "Über Umwege habe ich einen gefunden, der sich mit der Cannabis-Therapie gut auskennt und mich unterstützt."
Im Gegensatz zur Verordnung von Methadon, für die ein Arzt Suchtmediziner sein muss, braucht es für das Ausstellen eines Cannabis-Rezepts keine Zusatz-Qualifikation. Jeder Arzt kann es verschreiben. Warum dann das Zögern? "Die Indikation ist schwierig und es gibt keine Leitlinien für die Therapie", sagt Heidemarie Lux, Vizepräsidentin und Suchtbeauftragte der bayerischen Landesärztekammer. Alle anderen - konventionellen - Therapien und Methoden müssten ausgereizt und der Patient ein Jahr lang damit behandelt worden sein.


"Es ist kein Wundermittel"

Lux zufolge "gibt es mehr Gründe, Cannabis nicht zu verschreiben, als es zu verschreiben." Patienten müssten sich darüber im Klaren sein, dass es hier nicht um ein Wundermittel geht, das ihren Tumor heilt. "Dennoch ist Deutschland in Europa das Land mit den meisten Cannabis-Verordnungen und Kostenübernahmen durch die Krankenkassen."
Auch Jan Zimmermann profitiert von der Zusage seiner Krankenkasse. Die Bürokratie bleibe bei jeder neuen Verordnung gleich: Zunächst wäre da der Anruf in der Apotheke, ob das benötigte Cannabis überhaupt vorrätig ist. Wenn nicht, gehe das große Telefonieren los. Cannabis muss importiert werden, außerdem legen sich die Apotheken das Mittel aus Kostengründen nicht gern auf Lager.
Kann Zimmermann sein Rezept - 100 Gramm dürfen Ärzte im Monat pro Patient verschreiben - nicht binnen einer Woche einlösen, braucht er eine neue Verordnung. Mit diesem Wunsch sei er bei einem Vertretungsarzt schon einmal gescheitert, erzählt er. Obwohl er alle notwendigen Unterlagen hatte, wollte ihm der Mediziner das Cannabis nicht verschreiben. Den Schmerzpatienten ärgert, dass es so kompliziert ist. "Das Gesetz ist eine halbe Sache. Das Konstrukt macht es Ärzten und Patienten schwer, Cannabis zu verordnen und als Medikament zu bekommen."


Von 18 auf fünf Tabletten reduziert

Abgesehen davon bringen ihn die Kommentare von Fremden auf, die ihn beim Rauchen beobachten. "Warum erlaubt sich das Umfeld eine negative Denkweise, ohne Näheres zu wissen?", fragt der junge Bamberger. "Ich habe mich bis zuletzt zur Arbeit geschleppt und möchte, wenn es geht, in Zukunft auch wieder arbeiten. Ich hänge nicht als Junkie auf dem Sofa herum. Cannabis ist das einzige, was mir gegen meine Dauerschmerzen hilft. Ich muss jetzt nur noch fünf statt 18 Tabletten am Tag zusätzlich nehmen."

Er erzählt von der Zeit, als die Ärzte ihm sagten, "jetzt kann man nicht mehr operieren. Ich muss mit Tabletten zurechtkommen." Für den jungen Mann war das eine Katastrophe. "Abgesehen davon, dass ich trotzdem Schmerzen hatte, waren die Nebenwirkungen wahnsinnig", sagt Zimmermann. "Ich bin von 80 auf 55 Kilo abgemagert und war körperlich und seelisch am Ende", erinnert er sich. "Ich bin durch die Hölle gegangen."

Heute kifft er auf Rezept. Es hilft. Er raucht zum Aufstehen einen halben Joint "und dann weitere, wenn die Schmerzen kommen". Ebenso gut wirkt ein kleines Gerät, das Zimmermann auf den Tisch legt. Der "Vaporisator" sieht aus wie eine Mischung aus Flachmann und E-Zigarette und hat einen Temperaturregler. Zimmermann nimmt aus einer Plastikdose ein paar Cannabisblüten, mahlt sie in einer Kräutermühle ("Grinder") zu einem feinen Pulver und füllt sie in das von der Krankenkasse bezahlte Gerät. Bei 180 Grad kann er den Mechanismus einschalten und das Cannabis über einen Verdampfer inhalieren. Nebenwirkungen vom Konsum durch Joints oder Vaporisator habe er kaum, "ich bin es ja gewohnt." Hin und wieder könne er sich schlecht konzentrieren.


Kampf gegen Vorurteile

Einen gewissen Vorrat an Cannabisblüten hat er immer bei sich in einer Tasche. Gleich daneben liegt die Ausnahmegenehmigung - sonst bekäme er bei einer Kontrolle Probleme mit der Polizei. Wenn ihn die Schmerzen unterwegs überfallen, findet sich nicht immer eine stille Ecke zum Rauchen. Zündet er sich dann auf offener Straße einen Joint an, wird er oft "schwach angeredet". Darüber ärgert er sich furchtbar, auch wenn er weiß, dass die anderen verunsichert sind. Sie könnten ja nicht wissen, ob da jemand aus Spaß raucht oder aus medizinischen Gründen. Genau das ist es, was Jan Zimmermann antreibt: "Die Vorurteile motivieren mich, dieses Thema öffentlich zu machen."


Was ist Cannabis?


Begriff Cannabis ist der lateinische Begriff für Hanfpflanze und gehört zu den ältesten bekannten Rauschmitteln mit einer jahrtausendealten Tradition als Nutz- und Heilpflanze.

Pflanze Cannabis kann männliche und weibliche Blüten haben und ist deshalb eine zweihäusige Pflanze. Für die Gewinnung von medizinischem Cannabis werden aufgrund ihres höheren Gehalts an Cannabinoiden nur die weiblichen Pflanzen verwendet.

Rausch Ihre getrockneten harzhaltigen Blüten und blütennahen Blätter werden auch als Marihuana bezeichnet. Die Blütenstände der weiblichen Pflanzen sondern ein Harz ab, das in getrockneter und gepresster Form als Haschisch zu Rauschzwecken eingesetzt wird.

Therapie Verkehrs- und verschreibungsfähig wurden durch das neue Gesetz Marihuana sowie Pflanzen und Pflanzenteile der zur Gattung Cannabis gehörenden Pflanzen, nicht jedoch Haschisch.

Medizin Die Pflanze beinhaltet mehr als 60 Cannabinoide, so nennt man ihre spezifischen Inhaltsstoffe mit pharmakologischer Wirkung. Hauptwirkstoffe sind Tetrahydrocannabinol (THC, auch Dronabinol genannt) und Cannabidiol (CBD), deren Gehalte je nach Pflanzensorte erheblich schwanken. Darüber hinaus enthält Cannabis weitere potenziell medizinisch nützliche Stoffe wie ätherische Öle (Terpene) sowie Flavonoide.

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