Neun Monate nach dem Brexit-Referendum reicht Großbritannien am Mittwoch die Scheidungspapiere in Brüssel ein. Damit ist der Weg für die zweijährigen Verhandlungen mit der Europäischen Union frei. May habe die EU-Austrittserklärung bereits am Dienstagabend unterzeichnet, berichteten mehrere britische Medien. Am Mittwoch wollte sie dazu offiziell eine Erklärung im britischen Parlament abgeben. May werde erklären, dass Großbritannien eine stolze Vergangenheit und eine glänzende Zukunft habe, berichtete der Sender Skynews. Die Menschen müssten nun zusammenstehen. Die Briten hatten im vergangenen Juni in einem historischen Referendum mit knapper Mehrheit für den Brexit gestimmt.

Bis die Scheidung vollzogen ist, steht beiden Seiten viel Arbeit bevor. Das sind die nächsten Schritte:

EU-MANDAT: Sobald das Schreiben aus London eintrifft, zurrt die Rest-EU in drei Schritten ihre Verhandlungslinie fest: Ein Sondergipfel der 27 Staats- und Regierungschefs soll am 29. April Leitlinien bestimmen. Auf dieser Basis schlägt die EU-Kommission den Start der Verhandlungen und ein Mandat vor - also den offiziellen Auftrag für das Verhandlungsteam. Das Mandat muss dann vom Rat bestätigt werden.

VERHANDLUNGEN: EU-Chefunterhändler Michel Barnier und sein Expertenteam geben sich bis etwa Oktober 2018 für die eigentlichen Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens und über Übergangsregelungen.

RATIFIZIERUNG: Dann muss das Austrittsabkommen auf EU-Seite vom Europaparlament gebilligt und von den übrigen Mitgliedsländern angenommen werden - ohne Großbritannien. May will den Vertrag auch dem britischen Parlament vorlegen.

FRISTENDE: Das ganze Verfahren muss zwei Jahre nach dem offiziellen Austrittsgesuch abgeschlossen sein, also bis Ende März 2019. Eine Verlängerung ist möglich, wenn alle bleibenden EU-Staaten zustimmen.


Was bedeutet der Brexit für die EU?

Der Brexit ist für die Europäische Union mehr als der Austritt eines ihrer Mitgliedstaaten. Mit ihrem Votum haben die Briten die Grundsatzfrage gestellt: Lohnt sich die Mitgliedschaft im europäischen Staatenbund unter dem Strich?

Angelegt ist die EU wie ein Tauschhandel. Indem die Staaten ein Stück ihrer Souveränität abgeben, gewinnen sie durch den gemeinsamen Auftritt Gewicht auf der Weltbühne, etwa in Handelsfragen oder bei Sanktionen. Und außerdem, so die Hoffnung der Gründer, soll die Verflechtung der Länder untereinander Frieden und Stabilität bringen.

"Drittstaaten können niemals die gleichen Rechte und Vorzüge genießen, weil sie nicht den gleichen Verpflichtungen unterliegen", sagt EU-Unterhändler Michel Barnier. Der Austritt muss die Briten schmerzen, da ist sich Brüssel mit vielen Regierungen in der EU einig. Die Botschaft richtet sich auch an die Wähler in den übrigen 27 Mitgliedstaaten - etwa in Frankreich, wo die Rechtspopulistin Marine Le Pen ihren Anhängern den "Frexit", also den EU-Austritt ihres Landes, in Aussicht stellt.

Aber wie schwer wird es die EU den Briten genau machen? Gute Beziehungen liegen auch im europäischen Interesse - schließlich ist Großbritannien ein wichtiger Handelspartner und westlicher Verbündeter, selbst außerhalb der Union. Hinzu kommt: Ein allzu konfrontativer Kurs könnte bei Europaskeptikern Sympathien für die gebeutelten Briten fördern.

Ein Stück weit hat Großbritanniens Premierministerin Theresa May die Verhandlungen schon vor ihrem Beginn erleichtert: Sie steuert auf einen "harten Brexit" hin, also die Trennung nicht nur von der EU, sondern auch vom Europäischen Binnenmarkt. Indem sie die Flucht nach vorn antritt, verzichtet sie von vornherein auf jene engen Bindungen, die die EU ohnehin nur Mitgliedern gewähren will.


Chronologie: Was seit dem Brexit-Votum geschah - die wichtigsten Etappen

Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union. Was seitdem geschah:

24. Juni 2016: In den Morgenstunden wird klar: Großbritannien kehrt Europa den Rücken. In Europa und Asien brechen die Aktienmärkte ein.
25. Juni: Aus Enttäuschung über das Votum nimmt der britische EU-Finanzkommissar Jonathan Hill seinen Hut.
4. Juli: Brexit-Befürworter Nigel Farage tritt vom Vorsitz der rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip zurück.
13. Juli: Premierminister David Cameron tritt zurück. Die konservative Politikerin Theresa May wird seine Nachfolgerin. Der Brexit-Wortführer Boris Johnson wird neuer britischer Außenminister.
15. Juli: Brexit-Minister David Davis kündigt an, erst zum Jahreswechsel offizielle Gespräche mit Brüssel über einen EU-Austritt aufnehmen zu wollen. Die EU dringt auf baldige Verhandlungen.
20. Juli: May trifft auf ihrer ersten Auslandsreise als Premierministerin in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel.
25. Juli: Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon bringt erneut eine Unabhängigkeit ihres Landes ins Spiel. Die Mehrheit der Schotten hatte sich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen.
5. September: Brexit-Minister Davis hält einen Verbleib im europäischen Binnenmarkt nach einem EU-Austritt für unwahrscheinlich.
2. Oktober: May gibt bekannt, dass sie bis Ende März 2017 offiziell den Austritt aus der EU einleiten wird.
3. November: Der Londoner High Court entscheidet, dass die Regierung für die Austrittsverhandlungen mit Brüssel die Zustimmung des Parlaments einholen muss. Die Regierung geht in Berufung.
3. Januar 2017: Der britische EU-Botschafter Ivan Rogers tritt zurück. Ihm zufolge mangelt es der Regierung an Verhandlungsgeschick.
14. Januar: Der Brexit-Ausschuss des Parlaments fordert von May bis Mitte Februar einen klaren Plan für die Verhandlungen mit der EU.
15. Januar: Der designierte US-Präsident Donald Trump sagt der Europäischen Union schwere Zeiten nach dem Brexit voraus.
18. Januar: May kündigt in einer Rede einen "harten Brexit" an. Großbritannien wird auch den europäischen Binnenmarkt verlassen.
24. Januar: Das höchste britische Gericht entscheidet: Das Parlament in London muss über die Austrittserklärung abstimmen.
2. Februar: Die Regierung veröffentlicht Teile ihrer Brexit-Strategie. Das sogenannte Weißbuch enthält kaum Neues.
7. Februar: Brüssel kündigt London eine Rechnung in Milliardenhöhe nach dem Brexit für gemeinsam eingegangene EU-Verpflichtungen an.
8. Februar: Das Unterhaus des Parlaments stimmt dem Brexit-Gesetz zu.
1. März: Das Oberhaus ergänzt den Gesetzentwurf der Regierung, um Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien zu garantieren.
7. März: Das Oberhaus stimmt für einen weiteren Zusatz zum Gesetz. Es fordert ein Vetorecht des Parlaments zum Abschluss des Brexit-Deals.
13. März: Das Oberhaus lenkt ein; das Parlament verabschiedet das Brexit-Gesetz. Schottlands Regierung kündigt an, dass sie in einem Referendum über die Trennung vom Königreich abstimmen lassen will.
22. März: Die Abstimmung über das Unabhängigkeitsreferendum in Schottland wird wegen einer Terrorattacke in London verschoben.
28. März: Das schottische Parlament votiert für die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit von Großbritannien. Sie soll nach dem Willen Sturgeons vor dem Brexit stattfinden, was May kategorisch ablehnt.