Fast auf den Tag genau zwei Monate nach der geplanten großen Feier stehen im Marbacher Literaturmuseum endlich alle Zeichen auf Hölderlin: Unter dem Titel «Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie» und mit begleitenden aufgezeichneten Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will das Deutsche Literaturarchiv am Samstag (23. Mai) seine Ausstellung über die Gedichte Hölderlins, über die Entstehung seiner Verse, die Machart und ihre Wirkung präsentieren. Stiller als geplant zwar, aber dennoch umfassend.

Ziel der Ausstellung ist es, das Werk Friedrich Hölderlins mit allen Sinnen zu erfassen, es soll geatmet und zerlegt werden, gesprochen und gehört, auch getastet. «Hölderlins Gedichte sind auch ein Materialitätsereignis, ein Bilderlebnis, ein grafisches und eben tatsächlich auch räumliches, plastisches, körperhaftes Phänomen», sagt die Marbacher Museumsleiterin und Kuratorin Heike Gfrereis vorab.

Der schwäbische Dichter Hölderlin (1770-1843) gilt als ein Begründer der modernen Lyrik. In Lauffen am Neckar geboren, studierte er in Tübingen Theologie. Nach schwierigen Jahren als Hauslehrer und nach einer tragischen Liebesgeschichte kam es zu einem psychischen Zusammenbruch. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte der Dichter in einem Turmzimmer in Tübingen.

Als Zeitgenosse Schillers und Goethes lässt sich Hölderlin heute keiner literarischen Strömung eindeutig zuordnen. Deshalb nähert sich die Marbacher Ausstellung dem Titelträger auch aus mehreren Richtungen oder in Kapiteln und mit Hilfe von mehr als 150 Objekten. Unter anderem werden unter dem Titel «Verstehen. Hölderlin in der Handschrift lesen» Gedichte aus den Beständen des Deutschen Literaturarchivs gezeigt, von den frühen Stammbuchversen über die Hymnen bis zu den späten Werken, von der säuberlichen Handschrift auf kleinem Papier bis zu den großen, zusammengebundenen Blättern mit geschichteten Texten.

Unter dem Titel «Zitieren. Hölderlin mit anderen lesen» geht die Ausstellung auf Spurensuche in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Fündig wird das Team um Gfrereis unter anderem bei Eduard Mörike, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse, bei Hannah Arendt, Nelly Sachs und Ingeborg Bachmann.

«Im Sonderfall des Gedichts scheint uns eine Ausstellung der ideale Ort für solche Fragen nach der Wirkung von Literatur», schreiben Gfrereis und die Direktorin des Literaturarchivs, Sandra Richter, im Vorwort des Ausstellungskatalogs. «Gedichte sind anders als die beiden anderen großen literarischen Gattungen - Drama und Roman - aufgrund ihrer relativen Kürze im öffentlichen Raum als Ganzes zeigbar.» Ganz einfach macht es Hölderlin dem Leser dabei nicht immer, denn seine Gedichte sind zum großen Teil zu lang, um auf eine Seite zu passen. Das längste hat 82 Strophen und 674 Verse. Im Durchschnitt ist ein Hölderlin-Gedicht nach Marbacher Angaben 6 Strophen und 36 Verse lang.

Und nicht alles in seinen Werken gilt es zu verstehen, vieles müsse erkundet und erfahren werden, sagt Gfrereis. «Hölderlins Gedichte irritieren, und sie bezaubern unter anderem auch durch diesen Mangel an Auflösungen, durch ihre Labilität, ihren prekären Sound und letztendlich auch durch einen Rest Unverständlichkeit», sagt die Kuratorin, die in der Ausstellung auch viele Mitmach-Elemente für die Besucher eingebaut hat - soweit die strengen Corona-Auflagen dies gestatten.

Das Deutsche Literaturarchiv verwahrt nach dem Hölderlin-Archiv in der Württembergischen Landesbibliothek die bedeutendste Sammlung zum Dichter. Zum Bestand gehören das «Maulbronner Quartheft» mit Jugendgedichten sowie eine Reihe von Gedichtautographen und Einzelblätter aus dem «Hyperion»-Manuskript.

Hölderlin ist aber nicht der einzige Jubilar der Ausstellung: «Auf dem Hölderlin-Leser Paul Celan liegt ein besonderer Schwerpunkt», sagt Richter zum Konzept der Ausstellung. «Er wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden und zugleich jährt sich sein Todestag zum 50. Mal.» Celans Nachlass wird zu großen Teilen in Marbach aufbewahrt, Teile seiner Werke werden mit Hölderlins Schriften in einen Kontext gebracht.