Das aktuellste Ausstellungsstück hängt etwas versteckt in einer Nische, zwischen einem Plakat des «Evangelischen Jugendabends» 1983 und einer Kassette der Band Die fanatischen Frisöre.

Dort, in einem der hinteren Räume des Hauses der Geschichte in Bonn, ist eine Musik-Single zu sehen. Das Cover ziert ein Virus. «Es gibt nur zwei Exemplare», erklärt Kuratorin Tuya Roth mit leiser Zufriedenheit in der Stimme. «Eines hat Drosten, eines haben wir.» Der Begleittext trägt die Überschrift «Punk und Pandemie».

Der Virologe Christian Drosten ist in der Corona-Krise zu einer Art Star-Wissenschaftler aufgestiegen. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis sich Musiker mit ihm beschäftigen - in diesem Fall die Berliner Punk-Band ZSK mit dem Titel «Ich habe Besseres zu tun». Sie zeigt, wie Musik gesellschaftliche Themen spiegelt. Genau das will die neue Ausstellung «Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte» im Bonner Haus der Geschichte verdeutlichen. Von Mittwoch (17. März) an kann man sie sehen - wegen der Pandemie ist eine Voranmeldung nötig.

Zugegebenermaßen wird die Platte der kleinen Punk-Band aus der Hauptstadt noch etwas erschlagen von der Prominenz, die an anderen der rund 500 Objekte haftet, weil Menschen auf ihnen klimperten oder zupften, die Geschichte schrieben. Zu sehen ist etwa die weiße Gitarre von Grand-Prix-Gewinnerin Nicole und das Harmonium, auf dem Liedermacher Wolf Biermann am 13. November 1976 in Köln spielte, bevor er aus der DDR ausgebürgert wurde. Auf einer Gitarre hinter Glas ist die Zeile «Gitarren statt Knarren» geschrieben. Udo Lindenberg überreichte sie 1987 Erich Honecker bei einem Besuch des Staatsratsvorsitzenden der DDR in Wuppertal.

Die Ausstellung soll zeigen, wie bestimmte Lieder in ihrer Zeit zu Hits wurden, aber auch, wie sich über sie Protest und politische Stimmungen transportierten. Zu hören und zu sehen ist daher ein Ritt durch die Jahrzehnte, in denen Heintje ebenso auftaucht wie die Loveparade und Helene Fischers Schlager «Atemlos». Damit verbunden wird die Frage, was sie über ihre jeweilige Zeit aussagen.

Heintje etwa bediente mit seinem schwülstigen Lied «Mama» in Zeiten der Studentenbewegung manche Sehnsucht nach traditionellen Beziehungsstrukturen. Vor allem für jüngere Generationen sind die Erkenntnisse mitunter skurril. Drafi Deutschers «Marmor, Stein und Eisen bricht» - später auf jeder Playlist für einen gemütlichen 60. Geburtstag zu finden - etwa galt als Beispiel für den neuen «härteren Sound» des Schlagers.

Einen großen Teil macht die deutsch-deutsche Musikgeschichte und dabei vor allem auch das knifflige Verhältnis der DDR-Führung zu westlicher Rockmusik aus - und jenes der Deutschen zu ihren Hymnen und zu Militärmusik. Dem Hymnen-Thema ist ein ganzer Abschnitt gewidmet. Besonders interessant sind allerdings auch hier die Details, etwa ein Vergleich der Lieder, die sich Mächtige zu ihrem Abschied beim sogenannten Zapfenstreich wünschten. Helmut Kohl wählte «Nun danket alle Gott», Christian Wulff «Over the Rainbow». Johannes Rau mochte es prächtig mit «Pomp and Circumstances».

Die Wirkung der Corona-Pandemie auf Kultur und Gesellschaft wird indes nicht nur über die Drosten-Single abgebildet. Dafür reicht schon ein Blick auf die Geschichte der Ausstellung selbst. Eigentlich sollte sie schon zweimal eröffnen: im Mai und im November 2020. Beides war nicht möglich.

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