Hoch über dem Ruhrgebiet hat er sich eine Leinwand geschaffen, die längst ein größeres Publikum haben dürfte als alle seine Filme zusammengenommen: Adolf Winkelmann wird heute 75.

Er ist nicht nur einer der bekanntesten Filmemacher des Ruhrgebiets, er ist auch Schöpfer der «Fliegenden Bilder» am Dortmunder Wahrzeichen U-Turm, einst Brauerei, heute Kunstzentrum.

Abertausende Pendler, Besucher und Bewohner der größten Ruhrgebietsstadt sehen an der Fassade der Dachkrone jeden Tag einen anderen der inzwischen mehr als 150 Mini-Filme aus selbstleuchtenden LEDs: Mal schwappt Bier, mal dümpeln Goldfische. Jede volle Stunde erscheinen gigantische Tauben, sonntags sind sie weiß - zur Zeit halten sie sogar Corona-Abstand.

In dem vor mehr als zehn Jahren erschaffenen Projekt zeigt sich, wie Winkelmann seine Beschäftigung mit bewegten Bildern immer verstanden hat: «Wenn ich Filme gemacht habe, habe ich immer forschend versucht, das Medium besser zu verstehen, weiterzuentwickeln», sagte er der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem Geburtstag. Dabei habe sich vieles verändert in 50 Jahren Filmkunst.

Als er mit der Filmkunst damals anfing, hatten die Bilder eine klare Zuordnung: «Sie gehörten ins Kino oder ins TV. Inzwischen kommen wir nirgendwo mehr ohne bewegte Bilder aus. Sie sind überall, schon durch die Digitalisierung», sagt er. Warum also nicht auf einem Gebäude? 

«Ich bin zwar immer hier im kleinen Dortmund geblieben, aber was die Arbeit betrifft, habe ich mich überall rumgetrieben», sagt er. «Ich habe es vor allem nie fertig gebracht, irgendetwas zweimal zu machen. Sobald ich etwas kann, wird es langweilig.» Und so hat er vieles gemacht: Experimentalfilme gedreht, im Jahr 2000 den deutschen Pavillon für die Expo in Hannover mit einem Bildpanorama bespielt, Filme der verschiedensten Genres von Krimi bis zum Familiendrama, vom TV-Mehrteiler zum Kino-Epos gedreht, er hat ein Film-Tonstudio aufgebaut. 40 Jahre lang hat er zudem als Professor für Film am Fachbereich Design an der Fachhochschule Dortmund gelehrt.

Die Pandemie nun habe ihn herausgerissen aus seinem «ständigen Arbeitsdrang», erzählt er. Er fing an, zurückzuschauen statt nach vorn. Herausgekommen ist das gerade erschienene Buch «Die Bilder, der Boschmann und ich». In Zwiegesprächen mit seinem Verleger lernt der Leser einen unprätentiösen Filmemacher und Filmdozenten kennen, der Lust am Erinnern hat: An 50 Jahre Filmschaffen, aber auch an eine schöne Kindheit im Pott, in der es genug zu essen, aber einen ungestillten Hunger auf Kultur und Bildung gab. Als erster in seiner Familie habe er dann das Abi und später ein Kunststudium in Kassel geschafft.

Ende der 1970er gelang Winkelmann der Durchbruch mit dem zum Kult gewordenen Spielfilm «Die Abfahrer» - der erste in einer Reihe von kitschfreien Ruhrgebietsfilmen (zuletzt 2016: «Junges Licht»), die deutschlandweit mit seinem Schaffen verknüpft sind. Ein Millionen-Fernsehpublikum sah Winkelmanns Zweiteiler «Contergan», in dem er den Skandal um das Medikament fiktional aufarbeitet. Mit einem eineinhalbjährigen Rechtsstreit hatte das Pharmaunternehmen Grünenthal vergeblich versucht, die Ausstrahlung zu stoppen.

Ausdauer ist es nun auch, die er als selbst ernannter «Glöckner des U-Turms» an den Tag legt: Er habe nicht geahnt, welche identitätsstiftende Wirkung die Bilderuhr für die Stadt und das Ruhrgebiet haben würde - und dass er nun weitermachen müsse. Was immer in der Stadt geschieht, der Turm höre zu: Wenn Neonazis aufmarschieren, läuft der Spruch «Ich, der Turm, fand Nazis schon damals voll uncool». Spielt der BVB, lässt Winkelmann schwarz-gelbe Kickerfiguren tanzen. «Ich muss immer aufpassen, welche Stimmung in der Stadt ist, und darauf reagieren», sagt er.

Was er als nächstes vorhat? Winkelmann lacht. «Ich bin sehr glücklich. Habe angefangen, wieder mehr zu kochen. Und warte, was kommt. Es wird schon irgendwas kommen», ist er sicher. Grund zur Gelassenheit gebe ihm die Bestandsaufnahme von nun 75 Jahren: «Das ist schon alles ziemlich rund.»

© dpa-infocom, dpa:210408-99-125185/3