Das Trio Elaiza aus Berlin ist die musikalische Überraschung des Jahres. Vor Kurzen noch gänzlich unbekannt, werden Elžbieta "Ela" Steinmetz (21), Natalie Plöger (28) und Yvonne Grünwald (29) beim Eurovision Song Contest am 10. Mai in Kopenhagen für Deutschland antreten. Mit dem Song "Is It Right" liefert die Girl-Group eine erfrischende Mixtur aus moderner Popmusik und Neo-Folklore, dargeboten mit Akkordeon, Kontrabass und Klavier. Olaf Neumann fühlte den jungen Frauen auf den Zahn

Wie fühlt es sich an, Deutschland als musikalischen Botschafter in der Welt zu vertreten?

Elžbieta "Ela" Steinmetz: Das müssen wir erst noch verarbeiten, auf jeden Fall ist es voll abgefahren. Letzte Woche haben wir uns noch darüber gefreut, dass wir bei Facebook endlich auf 2.000 Likes gekommen sind. Und zum Zeitpunkt dieses Interviews sind es bereits 18.000!

Sie durften als Quereinsteiger am Vorentscheid zum ESC in Köln teilnehmen. Welche Chancen hatten Sie sich ausgerechnet?
Yvonne Grünwald: Wir hatten uns überhaupt keine Chancen ausgerechnet, unser Ziel war es, in die zweite Runde zu kommen. Einfach damit wir auch unseren zweiten Titel einmal präsentieren können, weil wir ja nicht nur einen haben. Und als wir das geschafft hatten, war die ganze Anspannung von uns abgefallen. Wir haben uns einfach nur gefreut, weiter zu sein. Mit dem Finale hatten wir überhaupt nicht gerechnet.

Wie ist der Song "Is It Right" entstanden?
Steinmetz: Nach dem Abitur habe ich mir die Frage gestellt, welchen Weg ich am besten gehen soll. Dieses Thema fand ich so spannend, dass ich darüber einen Song geschrieben habe. Das war "Is It Right". In der zweiten Strophe geht es um Trennung und darum, Entscheidungen zu treffen. Dieses Thema ist in allen Bereichen präsent, gerade in der Politik ist es gerade sehr aktuell. Wir freuen uns riesig darüber, dass wir beim ESC einen Abend mit 36 anderen Ländern teilen dürfen. Das ist eine große Ehre.

Angeblich haben Sie sich bei einer Kräuterschnapsverkostung kennengelernt. Hat es zwischen Ihnen sofort gefunkt?
Grünwald: Ich habe mit 16 angefangen, als Singer/Songwriter in den Valicon-Studios zu arbeiten. Irgendwann war Ela mal da, weil sie eine Akkordeonistin brauchte. Dann haben wir eine Zeitlang ihre Songs zu zwei umgesetzt, bis wir feststellten, dass wir unbedingt noch einen Bass brauchen. Aber Kontrabassistinnen gibt es nicht wie Sand am Meer. Eines Tages war ich bei einem Freund eingeladen, der ist Tonmeister und hat einen eigenen Schnaps entwickelt, einen Luxuslikör. Auf dieser Verkostung habe ich Natalie auf einem Foto an der Pinnwand mit einem Kontrabass gesehen. Sie sah so sympathisch aus, deshalb haben wir sie kontaktiert. Im Dezember 2013 fand schließlich unsere erste Probe statt. "Is It Right" war der erste Song, der zwischen uns dreien super funktioniert hat. Deshalb haben wir ihn für die ESC-Bewerbung ausgewählt.

Wo hat Ihr erster Auftritt stattgefunden?
Steinmetz: Im Sally Bowles, einem kleinen Café in Berlin-Schöneberg. Es waren circa 20 Leute da, zumeist Freunde von uns. Der Flügel war zwar total verstimmt, aber wir konnten uns dort ausprobieren. Ziemlich krass, wenn man bedenkt, dass wir im Mai vor einem riesigen Publikum auftreten sollen. Bei Konzerten in kleinen Locations präsentieren wir uns oft als Trio; in Clubs haben wir meist einen Schlagzeuger dabei, der die Musik mehr nach vorne schiebt.

Ihre Musik ist eine Mischung aus osteuropäischem Folk und modernem Pop. Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?
Steinmetz: Meine Wurzeln spielen dabei eine Rolle. Ich bin mit heiterer bis melancholischer Folklore groß geworden und besuchte regelmäßig die orthodoxe Kirche, wo Frauenchöre dramatische Lieder sangen. Wichtig auch die Mädels mit ihren Instrumenten, Kontrabass und Akkordeon. Das ist schon die halbe Miete. Dazu kommen noch Yvonnes und Natalies Inspirationsquellen: Klassik, Musette, Jazz. Zudem hören wir alle viel Popmusik. Unsere Musik wird gerne als Neofolk definiert, aber wir finden, sie ist mehr.

Ihr aktuelles Album nahmen Sie mit dem Produzenten von Silbermond, Silly und Lena Meyer-Landrut auf. Bleiben Sie darauf Ihrem Stil treu?
Steinmetz: Da ist jedenfalls nichts drauf, was wir doof finden. Jeder Song hat eine eigene Message. Unser Album heißt "Gallery", weil die Songs wie Bilder sind. Der Walzer "Circle Of Life" zum Beispiel erklärt das Leben in drei Minuten. Auf dem Album hört man auch Instrumente wie Tuba und Balalaika, viele Chöre und Perkussion.

Ela, sehen Sie sich beim ESC auch als Vertreterin Ihrer Heimat, der Ukraine?
Steinmetz: Eigentlich singe ich sogar für drei Länder: Deutschland, die Ukraine und Polen. Wir fühlen uns als europäische Band. Als ich sieben war, ist in der Ukraine mein leiblicher Vater verstorben, wir sind dann mit meiner Mama nach Polen gegangen, wo sie meinen Stiefvater kennen gelernt hat. Ein Jahr später siedelten wir nach Deutschland über. Meine Kindheit in der Ukraine war sehr prägend. Das Land ist ganz anders als Deutschland, wir sind jeden zweiten Tag auf den Markt gegangen, weil es damals diese riesigen Einkaufszentren noch nicht gab.

Beim Finale des Eurovision Song Contest in Kopenhagen werden rund 100 Millionen TV-Zuschauer aus ganz Europa dabei sein. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Grünwald: Wir geben einfach unser Bestes und versuchen, uns nicht verrückt zu machen. Dadurch wird es ja nicht besser. Nervös sind wir natürlich schon, aber wir werden an dem Tag so sein, wie wir immer sind. Wie unsere Show genau aussehen wird, können wir eigentlich erst vor Ort entscheiden. Wir waren da ja noch nie. Erst einmal müssen wir hier alles bewältigen. Vor Kopenhagen spielen wir ja noch auf der Echo-Verleihung.

Gucken Sie sich zur Vorbereitung die anderen ESC-Teilnehmer genauer an?
Natalie Plöger: Gestern im Zug habe ich mir noch mal den Auftritt von Nicole angeguckt, der deutschen Siegerin von 1982. Das war noch ein ganz anderes Kaliber, auch musikalisch. Aber jeder ESC passt sich den musikalischen Strömungen seiner Zeit an. Früher war es ein reiner Schlagerwettbewerb, heute geht es viel ernster zu. Diesmal sind richtig coole Leute dabei, zum Beispiel Emma Marone aus Italien. Eigentlich sind alle Teilnehmer interessant.

Konnten Sie bislang von der Musik leben?
Plöger: Ja. Natürlich machen wir auch Mucken, um Geld zu verdienen, aber auch das macht Spaß. Es ist ein extremer Luxus, dass wir mit etwas, dass uns total glücklich mach, unser Leben bestreiten können.
Steinmetz: Immer, wenn ich daheim im Saarland bin, jobbe ich nebenbei bei Peek & Cloppenburg. Man versucht halt, sich irgendwie über Wasser zu halten. Bei uns gibt es keinen Plan B. Solche Nebenjobs nimmt man in Kauf, wenn man für die Musik lebt.

Man kann davon ausgehen, dass Ihre Gagen jetzt steigen werden. Was werden Sie sich als nächstes anschaffen?

Grünwald: Ich möchte einen neuen Akkordeon-Rucksack haben, der ist nicht besonders billig.
Plöger: Ich möchte mir ein Fahrrad kaufen, damit ich meinen Kontrabass von A nach B transportieren kann.
Steinmetz: Ich wünsche mir ein Piano von der Firma Nord. Ich habe nämlich nur eins von Yamaha.

Das Gespräch führte Olaf Neumann.

Das Album "Gallery" von Elaiza erschien bei dem Label The Heart Of Berlin.