New York

Zwillinge zeichnen New York en détail

Sollte es etwas geben wie Objektivität in der Kunst, wären Ryan und Trevor Oakes zwei ihrer führenden Vertreter. Mit wissenschaftlicher Präzision zeichnen die Zwillingsbrüder ihre Umwelt ab. Bei so viel Genauigkeit kann eine Arbeit schon mal vier Jahre dauern.
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Die Oakes-Zwillinge
Die Oakes-Zwillinge Ryan (r) und Trevor arbeiten vor ihrem Atelier am Hudson River an einem Ölgemälde. Foto: Johannes Schmitt-Tegge
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Es wirkt wie ein Komplott. Zügig und völlig lautlos bewegen sich Ryan und Trevor Oakes durch den Lesesaal der New Yorker Bücherei.

Die Handgriffe der Zwillinge sind eingespielt: Staffelei heranrollen, diese hoch zur Galerie heben und dort mit Klebeband am Geländer fixieren, Zeichenmaterial bereitlegen. Nur die Lüftung surrt. Gewaltige Stille schwingt durch den Raum.

Tag um Tag - und oft bis in die Nacht - gehen die Brüder ans Werk, um mit Konzentration und Ausdauer das anzufertigen, was eines Tages die detailreichste Zeichnung des Main Reading Room sein soll. Jeder Winkel, jedes Kronleuchter-Ornament und auch der kleinste Knick in der Kassettendecke sollen am Ende auf Papier zu erkennen sein. Theoretisch benötigte Zeichen-Zeit ohne Unterbrechung: ein Jahr. Geplante Fertigstellung der Zeichnung derzeit: das Jahr 2022.

Ihrem Werk nähern sich die Zwillinge aus Boulder im US-Bundesstaat Colorado mit der Präzision von Neurochirurgen. Haupt-Zeichner Trevor wirkt bei der Arbeit, als würde er Halbleiter auf einem Computerchip löten. Ein Gespräch über ihre Kunst wird schnell zur Diskussion über die Philosophie der Optik und physikalischer Theorien. Dann fallen Sätze wie: «Die Beharrlichkeit des Raumes und die Vergänglichkeit der Zeit sind Natur und Gewebe unserer Realität.»

Wo beginnt, wo endet das Sichtfeld? Wenn an dessen Rand oder am Horizont Objekte verschwommen wirken, nimmt der Mensch sie überhaupt wahr? Die eineiigen Zwillinge, die mit Abstand von 25 Minuten geboren wurden, erlebten und erforschten die Welt gemeinsam - gewissermaßen als zwei Probanden mit identischen Voraussetzungen. «Wir sagen immer, wir sind ein Einzelkind», sagt Ryan. Der Fairness halber verschweigen ihnen die Eltern bis heute, wer die halbe Stunde älter ist.

Optik und Perspektive in der Kunst beschäftigen die Menschen mindestens seit Leonardo da Vincis «Abendmahl». Der italienische Architekt Filippo Brunelleschi soll die lineare Perspektive um 1413 entwickelt haben, die dann Jahrhunderte der Kunstgeschichte von Tizian über Rembrandt bis Vincent Van Gogh prägte. Aber um komplexe Räume sehr realitätsgetreu zu zeichnen - eine der schwierigsten Aufgaben für Zeichner überhaupt -, gingen die Oakes-Brüder noch einen Schritt weiter: Sie entwickelten ihre eigene Zeichenmethode.

Normalerweise erzeugt das Gehirn ein zusammenhängendes Bild aus den Eindrücken beider Augen. Aber die Oakes tricksen es gewissermaßen aus und zwingen es, beide Bilder getrennt wahrzunehmen: Sie fokussieren gleichzeitig einen Stift direkt vor ihrem Auge als auch ein Objekt in der Ferne, der Blick springt also nicht mehr zwischen nah und fern. Der Stift erscheint dabei als leicht transparentes, «doppeltes Geister-Bild» über der Szene, die sie sozusagen abpausen können. Die beiden wurden mitunter als «menschliche Lochkamera» bezeichnet.

Ein bisschen «wahnsinnig» mache die Technik schon, sagt Trevor. Aber nach vier Jahren Übung könne er den Reflex in seinem visuellen Cortex, der Eindrücke beider Augen gewöhnlich verknüpft, nach Belieben an- und abschalten. «Uns wurde klar: Egal wie komplex ein Raum auch sein mag, wir können ihn perfekt darstellen.» Um Verzerrungen am Rand zu vermeiden, zeichnen die Oakes auf gebogenem Papier mit einer selbst gebauten Staffelei. Eine drehbare Halterung fixiert den Kopf und hält die Position der Augen und damit den Blick des Zeichners stabil.

Das Ergebnis ist ein nahezu fotografischer Effekt. So entstanden Zeichnungen aus dem obersten Stockwerk des Chrysler Building, Ansichten aus London und Florenz und dem Naturkundemuseum in Chicago. Ihr Lieblingsmotiv war ein Feld im Staat North Dakota, wo sie ihre Staffelei drei Wochen lang bei starken Winden aufbauten und dem harten Wetter mit Spezialkleidung für Touren in die Arktis trotzten.

Dort draußen, in der Natur, stoßen selbst die Oakes an die Grenzen der Realitätstreue. «Nichts ist wie ein Foto des Wassers. Es ist immer eine Interpretation», sagt Ryan beim Besuch des Ateliers am Hudson River, den die Zwillinge parallel zum Langzeitprojekt in der Bücherei mit Öl malen. Dem Panorama am Mount Beacon, vor dem der Hudson gemächlich den Sommer ins Land trägt, wollen die beiden über die nächsten drei Jahre in - wenn alles klappt - 36 Fassungen widmen.

Morgendunst, Wolkendecken, ein gelegentlicher Schauer - es ist eine Szene, die sich immer wieder neu generiert, sagt Ryan, «eine Idee, die endlos verschiedene Gemälde erzeugt». Die 37 Jahre alten Brüder, die im Gespräch oft wortgleich, zeitgleich und in derselben Tonlage antworten, sprechen von einem «Fenster in die Möglichkeit des Raums». Pro Tag malen sie eine Schicht mit der jeweiligen Wetterlage.

Während Gemälde des britischen Perspektivkünstlers Rackstraw Downes oder Fischaugenobjektive Verzerrungen betonen, haben sich die Oakes der «objektiven Wahrheit» verschrieben. Das Wetter sei dabei eine Art Spiegel des menschlichen Gemüts. Menschen seien in der Weite am Hudson nicht zu sehen, sagt Trevor. «Und trotzdem malt man in gewisser Weise auch die innere Landschaft der menschlichen Psyche.»