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Lauffen

Wo Hölderlin die Treppe hinunterrutschte

Das Geschenk für Hölderlin bleibt auch über seinen 250. Geburtstag hinaus noch ein bisschen verpackt. Spätestens im Juni soll das neue Museum im früheren Wohnhaus des Lyrikers in Lauffen am Neckar eröffnet werden. Es wartet mit einem ungewöhnlichen Konzept auf.
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Hölderlinhaus Lauffen
Eva Ehrenfeld, Leiterin des Hölderlinhauses Lauffen. Foto: Marijan Murat/dpa
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Noch stapft der Besucher durch die Reste vom Bauschutt und vorbei an Arbeitern, die mit Pinsel oder Steinschneider ausgestattet Stück für Stück des Geburtstagsgeschenks für Friedrich Hölderlin fertigstellen.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich: Zum 250. Geburtstag des Lyrikers am Freitag (20. März) kann sein früheres Wohnhaus in Lauffen am Neckar noch nicht eröffnet werden, das dürfte noch einige Zeit dauern. Klaus-Peter Waldenberger ist das allerdings auch nicht wichtig: «Wegen der Coronakrise mussten wir die geplante Eröffnung absagen, nun haben wir bis etwa Juni Zeit», sagt der Bürgermeister der kleinen Stadt am Neckar.

Zeit, die genutzt werden soll für ein allerletztes Feintuning am Konzept und vor allem dafür, das 1750 erbaute Gebäude am Klosterhof der Stadt auf Hochglanz zu bringen. Das Haus in Lauffen gehört zu einer Art Hölderlin-Gedenk-Quartett. Zu ihm gesellen sich im Württembergischen auch ein späteres Wohnhaus in Nürtingen, das Kloster Maulbronn und sozusagen als Trumpf der zuletzt nach langer Renovierung wiedereröffnete Turm in Tübingen.

In Lauffen verkrabbelte Hölderlin (1770-1843) sozusagen seine ersten Kinderjahre. «Ich stelle mir immer vor, wie er hier auf dem Hosenboden herunterrutschte», erzählt Museumsleiterin Eva Ehrenfeld, während sie die geschwungene Holztreppe beschreibt, die im Hölderlinhaus vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock führt. Als Sohn des Klostergutverwalters Heinrich Friedrich Hölderlin wurde der spätere Literat am 20. März 1770 in Lauffen geboren.

Tatsächlich im Haus, das heute seinen Namen trägt? Das weiß man nicht so genau. «Hölderlins Eltern wohnten eigentlich nicht in dem Haus, aber dort lebten seine beiden Tanten», erklärt Ehrenfeld. «Und da Männer damals nicht anwesend sein durften bei Geburten, könnte seine Mutter auch bei den Tanten in der Nachbarschaft entbunden haben.»

Gesichert ist, dass Hölderlins Mutter als junge Witwe zwei Jahre später aus dem Amtshaus des Klosters ausziehen musste und mit ihren drei Kindern im heutigen Hölderlinhaus Quartier fand. Zwei weitere Jahre später übersiedelte die Familie mit dem zweiten Mann der Mutter ins württembergische Nürtingen. Nach Kindheit und Jugend vor allem in Nürtingen musste Hölderlin wegen einer vermeintlichen psychischen Erkrankung behandelt werden, anschließend verbrachte er seine zweite Lebenshälfte in einem Turmzimmer in Tübingen. Dort wurde er von seinem Vermieter gepflegt.

Lauffen will sich seinem berühmtesten Sohn nicht wie ein ganz normales Museum nähern, mit Ausstellungsstücken, alten Dokumenten und Fotos. «Wir fordern den Besucher zum Perspektivwechsel auf», beschreibt Bürgermeister Waldenberger, der das Thema «Hölderlin» nach seinem Amtsantritt 1999 erst auf die Lauffener Landkarte gesetzt hatte. «Bei uns im Haus soll man nicht auf Hölderlin schauen, sondern aus ihm heraus.»

Deshalb sind die Ausstellungsräume mit mobilen Aufstellern ausgestattet. Auf ihnen sollen Zitate aus Hölderlins Briefwechseln mit der Mutter, seinen Liebschaften und Freunden sowie Verse aus Gedichten dazu einladen, sich in den Lyriker hineinzuversetzen. Hölderlin könne ohnehin nicht in einer einzigen Ausstellung komplett dargestellt werden, sagt Ehrenfeld. Sie hofft, dass Neugierige künftig ihren Hölderlin-Trip in Lauffen beginnen und über Nürtingen nach Maulbronn und Tübingen weiterziehen.

«Zeitfenster» in fast jedem Raum sollen die Geschichte und Nutzung des Hauses nachvollziehbar machen. Zu sehen sind Fachwerk und Originalverglasung ebenso wie die verschnörkelte 1960er-Jahre-Tapete. Aufgeteilt in vier Räume lädt die kleine Ausstellung ein, Hölderlin und seine Familie ebenso kennenzulernen wie Hölderlin als Freund und Liebhaber, als «der Ehrgeizige, der Eigenwillige, der Erfinder, der Geniale» und schließlich als «der Religiöse, der Politische, der Utopist, der Nachdenkliche».

Nach langem Ringen mit dem früheren Privateigentümer wird das Haus am Fuß der Weinberge seit fünf Jahren geplant und für bislang festgesetzte 5,5 Millionen Euro restauriert. Im «lieben Geburtsort», wie Hölderlin die Kommune nennt, soll es künftig nicht nur als Gedenkstätte taugen, sondern auch als Begegnungsort. Neben der Ausstellung in den früheren Wohnräumen ist ein Veranstaltungsraum im modernen Anbau vorgesehen. Die Kosten tragen Land, Stadt, Bund und private Förderer.