Palm Springs

Udo Kier ist auch mit 75 nicht zu bremsen

Stechender Blick aus grünen Augen, das ist sein Markenzeichen. Der gebürtige Kölner Udo Kier hat es vor langer Zeit nach Hollywood geschafft. Auch mit 75 Jahren kommen Rollenangebote namhafter Regisseure.
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Udo Kier
Der Schauspieler Udo Kier wird 75. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Vor seinem 75. Geburtstag zieht Udo Kier Bilanz: «Ich bin ein Lucky Man.» Begeistert erzählt er von seinen vielen Filmen in diesem Jahr. Beim Filmfest in Cannes feierte er im Mai die Premiere der Gesellschaftssatire «Bacurau», die er mit Sonia Braga in Brasilien gedreht hat.

Im August lief er bei den Festspielen in Venedig für «The Painted Bird» über den roten Teppich. Gerade hat er mit «Denver-Clan»-Star Linda Evans «Swan Song» abgedreht, und nun laufen Gespräche mit Oscar-Preisträger Guillermo del Toro («Shape of Water»), der ihn an der Seite von Bradley Cooper vor die Kamera holen könnte. 

Das alles sprudelt morgens um sieben Uhr aus dem gebürtigen Kölner, wohnhaft im kalifornischen Wüstenstädtchen Palm Springs, im Telefoninterview mit der Deutschen Presse-Agentur heraus. Kier ist Frühaufsteher. «Ich lebe in einer ehemaligen Bücherei gegenüber von einem Park und habe einen Hund, der jeden Morgen ausgeführt werden möchte», erzählt der Schauspieler. Auf seinem «wunderschönen Grundstück mit einem Pool und sehr viel Platz» lebt auch noch seine Riesenschildkröte.

Dort will Kier am Montag (14. Oktober) seinen 75. Geburtstag feiern. Er habe zwanzig Freunde nach Hause eingeladen, darunter auch Maler. Kunst ist seine Leidenschaft. An den Wänden hängen Werke von Andy WarholDavid Hockney, Sigmar Polke und Rosemarie Trockel, erzählt der Schauspieler und Sammler.

Warhol hatte den jungen Kölner schon in den frühen 1970er Jahren in die Kunstszene eingeführt. Der Pop-Art-Künstler holte den Deutschen mit den ungewöhnlich grünen, stechenden Augen in New York für gemeinsame Persiflagen auf die Horrorfilme «Dracula» und «Frankenstein» vor die Kamera.

Die zählen heute noch zu seinen Lieblingsrollen, sagt Kier - «Filme, die etwas verändert haben». Es folgt eine lange Liste: «Die Geschichte der O», seine vielen Projekte mit dem dänischen Regisseur Lars von Trier, darunter «Breaking the Waves» und «Melancholia», Filme von Christoph Schlingensief, und natürlich seine Arbeit mit Rainer Werner Fassbinder in Filmen wie «Lili Marleen» oder «Bolwieser».

«Ich habe mehr als 200 Filme gemacht, 100 davon sind schlecht, 50 genießt man mit einem Glas Wein, und die anderen 50 sind richtig gut», sagt Kier. Zu den letzteren zählt er auch seine Filme mit dem amerikanischen Regisseur Gus van Sant, der ihn 1991 als Freier in «My Own Private Idaho» nach Hollywood holte.

Seitdem ist Kalifornien die Wahlheimat des Kölners, der seine Geburtsstadt bei Reisen nach Deutschland aber gerne besucht. «Da gehe ich erst einmal in den Dom und stelle zwei Kerzen auf, eine für die lebenden Freunde, die andere für die toten Freunde», erzählt Kier. Er schaue sich auch Köln-Mülheim an, wo der am 14. Oktober 1944 geborene Udo Kierspe in ärmlichen Verhältnissen von seiner alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde. «Die Leute können heute gar nicht verstehen, dass wir kein warmes Wasser zuhause hatten. Einmal in der Woche wurde ich in einer Zinkbadewanne gebadet», blickt er zurück.

Umso mehr schätze er jetzt die Dinge, die er sich hart erarbeitet habe. In seinem Umgang mit Filmemachern hält sich Kier dabei fest an eine Devise: Er drängt sich nicht auf. «Ich habe noch nie einem Regisseur gesagt, dass ich mit ihm arbeiten möchte», erklärt Kier. Eine Abfuhr wäre doch peinlich. «Bei Treffen sage ich nur, ich mag deine Filme, aber weiter gehe ich nicht.» Doch damit fährt der Deutsche in Hollywood offenbar gut. So habe sich etwa Regisseur Alexander Payne mit ihm zum Mittagessen in Palm Springs verabredet - und eine Woche später hatte er den Vertrag für «Downsizing» (2017) mit Matt Damon und Christoph Waltz in der Tasche, erzählt Kier.

Kier gilt als Spezialist für Schurkenrollen und schräge Charaktere. So spielte er 2012 in dem Trash-Spektakel «Iron Sky - Wir kommen in Frieden!» den Herrscher einer Nazi-Gemeinde, die auf der dunklen Seite des Mondes lebt. Im vergangenen Frühjahr kehrte er in «Iron Sky: The Coming Race» als Adolf Hitler, auf einem dressierten Dinosaurier reitend, zurück. Im Satireformat mache das Spaß. «Ich denke dabei an Charlie Chaplin in 'Der große Diktator', aber ich habe noch nie ernsthaft einen Nazi gespielt», sagt Kier. Er habe es etwa abgelehnt, den Nazi-Verbrecher Josef Mengele, berüchtigter Lagerarzt im Vernichtungslager Auschwitz, in einem Fernsehfilm zu porträtieren.

Vom Ruhestand will Kier mit 75 Jahren nichts wissen. «Ich bin ja fit», versichert der Schauspieler. «Ich bin zwar kein Vegetarier, aber ernähre mich ziemlich gesund und bin ein Lucky Man.»

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