Der Auftakt ist geschafft: Am Montag startete in Sat.1 die neue Reality-Show "Newtopia" und überzeugte an ihrem ersten Tag mit starken Quoten. Über zwei Millionen Menschen schauten zu, als 15 Pioniere ihren Platz in dem künstlichen Dorf einnahmen, und bescherten dem Sender somit auf dem eigentlich undankbaren Sendeplatz um 19 Uhr eine nicht für möglich gehaltene Steigerung des Marktanteils um 174 Prozent.

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Doch diesen ersten Achtungserfolg kann sich vor allem die PR-Abteilung des Münchner Privatsenders auf die Fahnen schreiben. In den letzten Wochen wurde die Werbetrommel für das neue Format so extrem gerührt, dass auch dem letzten Fernseh-Muffel kaum entgangen sein dürfte, dass da etwas Neues und vermeintlich Großes im TV starten wird. Alle großen Tageszeitungen, von der "Bild" über die "Süddeutsche Zeitung" bis hin zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sprangen auf den rollenden Marketing-Zug auf - von den Plakatwerbungen an den Bushaltestellen mal ganz abgesehen.

Echtes Sozialprojekt oder billiges Reality-TV?

Der Sender selbst übertraf sich dabei bei der Ankündigung in Superlativen, sprach vom "größten TV-Experiment aller Zeiten" und wurde nicht müde, den angeblich sozialpolitischen Ansatz nach vorne zu stellen. Nein, nein: Hier gehe es nicht darum, das voyeuristische Bedürfnis des Publikums zu befriedigen, um Quote und damit Werbeeinnahmen zu generieren. Hier gehe es um Utopia, um die ideale Gesellschaft, quasi um Politik. Doch nach der ersten Sendung stellte sich für viele Beobachter gleich zu Beginn ein wenig Resignation ein.

Die Charaktere scheinen erneut bewusst polarisierend ausgewählt worden zu sein. Jedes Klischee wurde offenbar bedient: So gibt es den faulen Obdachlosen mit verfilzten Haaren, der von der Off-Stimme in ein zweifelhaftes Licht gerückt wird, voll von Stereotypen und Vorurteilen. Es gibt die junge Partymaus, die natürlich hauptsächlich Kondome und Alkohol nach "Newtopia" einschleuste und die erste Nacht gleich zum Tage machen möchte. Und es gibt selbstredend auch den etwas einfältig wirkenden Schönling, der nicht auf seine Jogginghose verzichten kann - da er auch im Lager seinen Körper stählen muss. Nur Zufall?

Wahre Anarchie oder vorgezeichnete Charaktere?

Die zwölf verbleibenden Teilnehmer wurden bislang in der Sendung noch nicht sehr intensiv beleuchtet, eins scheint aber sicher: Neben den 25 Hühnern, zwei Kühen und 105 Kameras werden auch sie ihre Nische finden. Die Nische, die ihnen die Redakteure und Macher der Sendung von Beginn an zudachten. Laut Senderangaben gibt es zwar keine Regeln, sondern alles ergründet sich auf einen Anarchismus, der durch die Teilnehmer zum Leben erweckt werden solle. Die Rollen scheinen aber bereits zuvor festgeschrieben, zumindest vom Sender angedacht und auf dem Reißbrett gezeichnet.

Was ist also wirklich neu am Konzept aus dem Hause der Produktionsfirma von John de Mol (59), der den Deutschen auch schon "Big Brother" auf dem Teller servierte? Nicht viel. Es handelt sich vielmehr um eine neue - zugegebener Maßen aufwendig inszenierte - Verpackung von Althergebrachtem. Ein "Big Brother 2.0" mit neuen Ideen, neuem Gewand aber archivierter Grundidee.

Quotenhit oder TV-Desaster?

Ob das TV-Experiment erfolgreich abgeschlossen werden kann, entscheiden aber nicht die Teilnehmer, sondern einzig und allein der Zuschauer. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob "Newtopia" ein grandioser Flop oder zum Quotenhit werden wird.

Deutschland ist im Übrigen nicht das Versuchskaninchen:In den USA setzte der Sender Fox die Show bereits nach acht Wochen wegen katastrophaler Quoten ab. Die "Businessweek" beziffert die Pleite auf 50 Millionen Dollar und nimmt die Show sogar als den ultimativen Beweis für den Tod des Reality-TVs überhaupt. In den Niederlanden, der Heimat von de Mol, funktioniert das Format hingegen. Dort wurde die angepeilte Dauer von einem Jahr sogar übertrumpft. Die Show läuft dort seit Anfang Januar 2014 mit großem Erfolg. Wie entscheidet sich Deutschland?