Eine Art öffentlich-rechtliches "Dschungelcamp" oder Aufklärungsarbeit in leicht zugänglichem Format? Die ZDF-Doku "Auf der Flucht - Ein Experiment" polarisiert. Und zwar so stark, dass sogar die Erstausstrahlung auf ZDFneo in den Medien und auf Facebook für teils extreme Reaktionen sorgt: "Widerlich" und "menschenverachtend" sind nur einige der Adjektive, die in Artikeln und Posts fallen - "überzeugend" finden einige das "Experiment" aber auch. Auch das ZDF steht zu der Reihe: Diese solle unter anderem "die Gefahren aufzeigen", denen sich Flüchtlinge auf der Flucht aussetzen, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur spot on news.

Eine der bekannteren Teilnehmerinnen in der Doku ist Mirja Du Mont - zusammen mit ihrem Mann Sky Du Mont hat sie 2009 diesen Beziehungsratgeber veröffentlicht

Das Konzept der Sendung ist eigentlich auch schnell erzählt. Zwei Teams à drei Prominente begeben sich von Deutschland aus auf eine anstrengende Reise: Sie sollen den Weg von Flüchtlingen in die Gegenrichtung beschreiten. Von Auffanglagern in Deutschland, Italien und Griechenland über Schlepperboote bis ins Ausgangsland der Asylsuchenden. Dabei begegnen sie allerhand Betroffenen und erschütternden Verhältnissen. Sie stehen aber - das ist die Crux - als Hauptbezugspunkt für den Zuschauer mit ihren Streits, persönlichen Krisen und Reaktionen ständig im Mittelpunkt. Dazu werden sie, ganz show-like, von dramatischer Musik, Stimmen aus dem Off und dem beinahe als Spielleiter auftretenden ZDF-Korrespondenten Daniel Gerlach begleitet.

In der ersten Episode gab es gleich das volle, stark durchmischte Programm: Darunter Einblicke in das Leben im deutschen Flüchtlingslager Friedland, Begegnungen mit früheren Asylsuchenden in Deutschland. Aber zum Beispiel auch einen kleinen, leicht zickigen Streit zwischen zwei "Kandidaten": Dem NPD-Aussteiger Kevin Müller und der Streetworkerin Songül Cetinkaya: Wenn dieser Gewalt legitimiert habe, solle das "auch hundertfach" zu ihm zurückkommen, fauchte Cetinkaya - da wollte Müller das Experiment gleich abbrechen. Das ist natürlich ein Streit, der exemplarisch für gesellschaftliche Konflikte steht. Klingt aber auch stark nach den inszenierten kleinen Zickereien aus den Dschungelcamps und Casting-Shows der privaten Sender.

Also: Unwürdige Mischung aus ernstem Thema und platten Reality-Show-Mechanismen - oder einfach nur ein kluger Weg, um eine brennende gesellschaftliche Frage für alle Zuseher zugänglich zu machen? Die Reaktionen klaffen ganz weit auseinander.

Die "Welt" sieht zum Beispiel "die Grenzen des Erträglichen überschritten" und schreibt von einer "zynischen Quotenjagd". Der Branchendienst "Meedia" moniert, es seien "Klischees gecastet" worden. Und auf Facebook ringt ein User gar mit der Frage, wie er "seinem abgrundtiefen Ekel gegenüber diesem widerlichen Format Ausdruck verleihen soll". Ein anderer stellt die entscheidende Frage: "Sind wir wirklich schon so weit, einen nach ,Prominenz' zusammengewürfelten Haufen von Dumpfbacken auf Menschen loslassen, die täglich um ihr Überleben kämpfen? Ist der Nachrichtenwert solch eines politisch wichtigen Themas nicht hoch genug?"

Das ist der Knackpunkt. Die Online-Ausgabe der "Frankfurter Rundschau" analysiert zum Beispiel wohlwollend, das ZDF habe eben versucht "einem Publikum, das eher selten zu hochgeistiger Lektüre greift" gesellschaftsrelevante Inhalte zu vermitteln. Und das "im vorliegenden Fall überzeugend". Klar, dass auch der Sender selbst das ähnlich sieht: Das kontrovers diskutierte Thema werde "durch die Reise der Protagonisten nachvollziehbar gemacht", wies eine Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur spot on news die Vorwürfe zurück.

Wer sich selbst einen Eindruck von der umstrittenen Doku machen will, hat dazu noch ausreichend Gelegenheit: Die erste der vier Episoden ist bereits in der Mediathek von ZDFneo abrufbar. Jeweils donnerstags um 22.15 Uhr folgen bei dem Sender die nächsten drei Folgen. Und am 4. und 5. September zeigt das ZDF um 23.45 Uhr jeweils einen Zusammenschnitt der Sendungen.