So wird der "Tatort" am Sonntag

Ein Milliardenflop wird für Wotan Wilke Möhring alias Thorsten Falke zur Spielwiese für seinen ersten Einsatz bei der Bundespolizei. "Kaltstart" ist ein trister "Tatort", der die Zuschauer am Ende etwas ratlos zurücklässt. Trotzdem ist der Film sehenswert.

Artikel drucken Artikel einbetten
So wird der "Tatort" am Sonntag
Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) findet in seinem Freund und Kollegen Jan Katz (r., Sebastian Schipper) einen Zuhörer und Ratgeber. Foto: NDR/Boris Laewen

Der Mann legt ein beeindruckendes Tempo vor: Zwei Fälle hat Wotan Wilke Möhring erst im "Tatort" absolviert. Nun wird er zum ersten Bundespolizei-Ermittler der Reihe. In "Kaltstart" verschlägt es Kommissar Thorsten Falke und seine Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) nach Wilhelmshaven. Schauplatz ist der JadeWeserPort, also jener umstrittene Tiefwasserhafen, der rund eine Milliarde Euro (davon 650 Millionen aus Steuergeldern) kostete und ein Jahr nach der Eröffnung 2012 bereits einen Großteil seiner 350 Hafenarbeiter mangels Auslastung in Kurzarbeit schicken musste. Wo große Not herrscht, gibt es erfahrungsgemäß immer Menschen, die diese Situation ausnutzen. Aus Arbeitslosigkeit und Verzweiflung lässt sich Profit schlagen. Guter Stoff für einen sehenswerten "Tatort".

Sehen Sie Wotan Wilke Möhring als Kriminalkommissar Benjamin Lietz in der Serie "Stralsund"

Bei einer Gasexplosion in der Nähe eines Containerterminals kommen ein Menschenhändler und zwei Polizisten ums Leben. Darunter auch Rita, eine alte Liebe von Falke. Im Umfeld des Terminals waren einige Personen von dem toten Schleuser abhängig: der Spediteur Dreyer (Andreas Patton), der Lademeister Martinsen (Jochen Nickel) und der undurchsichtige Sicherheitsmann Jertz (André Hennicke). Falke und Lorenz, die gegen den Menschenhändlerring ermitteln, stehen vor einer Mauer des Schweigens.

Unter den neuen Kommissaren gehört Thorsten Falke definitiv zu den interessantesten Charakteren. Der Ex-Punk Möhring spielt diesen "Tatort"-Cowboy wunderbar melancholisch, gleichzeitig aber auch unnahbar und mit einem nicht verhandelbarem Gerechtigkeitssinn. Wo Unrecht geschieht, muss er helfen. Davon profitieren hier vor allem die traumatisierten Flüchtlinge, die in Falke einen Vertrauten finden. Sein Privatleben wird nicht ausgewalzt, es bleibt bei Andeutungen. Der Tod seiner Kollegin und ehemaligen Affäre trifft ihn, doch Falke leidet still. Nur in Stresssituation platzt es aus ihm heraus, worunter vor allem seine Kollegen zu leiden haben. "Kaltstart" ist ein düsterer Fall und der von Anfang an präsenten tristen Grundstimmung bleibt Regisseur Marvin Kren über 90 Minuten treu. Der riesige aber menschenleere Containerhafen ist dafür über weite Strecken die passende Kulisse.

Thematisch verknüpft der Film Menschenhandel, Waffenschieberei und die zunehmende digitale Überwachung des Individuums. Letzteres wirkt bisweilen zwar etwas überambitioniert, aber ein bisschen Science-Fiction schadet dem "Tatort" auch nicht. Immer wieder sieht man die Protagonisten in grauen Bildern aus der Perspektive einer geheimnisvollen Drohne. Wer hinter dieser umfassenden Spionage genau steckt, bleibt bis zum Schluss unklar.

Überhaupt verlangt der Film - und vor allem das Ende - vom Zuschauer eine Bereitschaft für alternative Erzählformen. Wer die nicht mitbringt, wird vermutlich nicht richtig glücklich mit "Kaltstart". Zudem wird es zwischen dem hektischen Beginn und dem furiosen Finale bisweilen etwas zu melancholisch und ruhig. Das war es aber auch schon mit Kritikpunkten. Insgesamt überzeugt die NDR-Produktion mit interessanten und glaubwürdigen Hauptdarstellern, einem sozialkritischen Thema und einer gelungenen Inszenierung.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren