Für Michelle (Christiane Paul) ist Lügen zum Reflex geworden - selbst ihr Freund weiß nicht, wer sie wirklich ist. Als ihr Lügengebäude kurz vor dem Einsturz steht, macht sie sich aus dem Staub - und trifft zufällig auf ihre alte WG-Genossin Doro (Jule Ronstedt), die verzweifelt versucht, ihre Ehe zu retten. Zusammen müssen die beiden Freundinnen lernen, sich endlich der Wahrheit zu stellen.

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"Die Sache mit der Wahrheit" (21. November, 20:15 Uhr im Ersten) läuft im Rahmen der ARD-Themenwoche zur Toleranz. Toleranz müssen Michelle und Doro nicht nur den Menschen in ihrem Leben entgegenbringen, sondern vor allem auch sich selbst. Doch mit der Toleranz ist es bekanntlich ebenfalls so eine Sache. Wie die Hauptdarstellerin Christiane Paul (40) mit Intoleranz und Lügen umgeht, erzählte sie spot on news im Interview.

Frau Paul, wann haben Sie zuletzt gelogen?

Christiane Paul: Daran erinnere ich mich nicht einmal mehr. Ehrlich gesagt, bin ich eine ganz schlechte Lügnerin. Mir sieht man das sofort an. Ich will nicht behaupten, dass ich reinen Herzens bin. Wir alle lügen schließlich, jeden Tag. Das ist Teil unserer Überlebensstrategie und manchmal notwendig, um andere nicht zu verletzen und vor den Kopf zu stoßen. Die eine oder andere, sagen wir mal veränderte Wahrheit, kommt mir bestimmt auch über die Lippen. Aber ich bin niemand, der strategisch lügt.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie belogen werden?

Paul: Das Problem ist, dass man gegen Lügen erst einmal nichts machen kann, solange man nichts davon weiß. Wenn ich herausfinde, dass jemand lügt, sehe ich für mich tatsächlich wenige Möglichkeiten, dem Verständnis entgegenzubringen. Wobei das sicherlich vom Ausmaß der Lüge abhängt.

Wie gehen Sie mit jemandem um, der generell unehrlich ist?

Paul: Für mich ist ein Mensch, der lügt, überhaupt nicht zu tolerieren, weil so kein Vertrauensverhältnis entstehen kann. Ich begreife mein Leben als große Wahrhaftigkeit dessen, was passiert. Das ist für mich das Spannende am Leben. Ich lebe gern in der Realität, und zwar mit allem, was dazugehört, die anstrengenden oder unangenehmen Seiten genauso wie die schönen. Lügen sind damit nicht vereinbar und deswegen für mich nicht tolerierbar.

Manche Menschen lügen auch, um einen zu schützen.

Paul: Wenn der andere denkt, ich halte die Wahrheit nicht aus, dann muss ich eben mein Verhalten ändern. Ich finde, man kann über alles reden. Wenn ich aber von meinem Gegenüber angelogen werde und das nicht weiß, bekomme ich erst gar keine Chance, real mit ihm zu interagieren, und das finde ich unfair. Das passt nicht in mein Lebenskonzept. Ich habe lieber die Karten auf dem Tisch.

Als Doro ihren Sohn verdächtigt, schwul zu sein, reagiert sie zunächst sehr aufgebracht. Können Sie das nachvollziehen?

Paul: Ich kann nachvollziehen, dass man erst einmal erschrocken ist. Jede Mutter wünscht sich schließlich, Enkelkinder zu kriegen und hat die Vorstellung, dass ihr Kind der heterosexuellen Neigung folgt. Aber ich denke, für eine Mutter bleibt ihr Kind immer ihr Kind, und dass diese Liebe nie weggeht.

Was würde Ihnen durch den Kopf gehen, wenn Ihr Sohn Ihnen eines Tages erzählen würde, dass er homosexuell ist?

Paul: Es ist unmöglich, sich in solche hypothetischen Situationen zu versetzen. Ich möchte vor allem, dass er glücklich ist. Das ist alles, was mich interessiert. Ich wünsche mir, dass er gefestigt und froh durch sein Leben geht, wie immer es auch aussehen mag.

Wie er letztendlich glücklich wird, ist also egal?

Paul: Natürlich hat man gewisse Vorstellungen für seine Kinder, und das geht mir nicht anders. Das ist auch erst einmal nichts Falsches. Aber von denen muss man sich irgendwann befreien. Das ist schwierig, weil man davon ausgeht, dass das, was für einen selbst gut ist, auch für die eigenen Kinder gut ist. Aber so einfach ist das eben nicht. Und Homosexualität ist eine Sache, die Eltern möglicherweise missfallen könnte. Das Wichtigste ist, dass man seinen Kindern die Kraft und den Mut mitgibt, ihr eigenes Leben zu leben.

Wie sieht es mit Toleranz im Alltag aus? Entdecken Sie auch manchmal Vorurteile bei sich selbst?

Paul: Das kommt bestimmt vor. Man urteilt ja innerhalb von Sekunden. Ich versuche aber immer, dennoch offen zu bleiben, meine Neugier zu behalten und mir die Person genauer anzuschauen, mit der ich da in Interaktion trete, um zu sehen, ob ich mit meinem ersten Urteil nicht doch falsch liege.

Was machen Sie, wenn Sie eine Person vor sich haben, die nur intolerante und diskriminierende Äußerungen von sich gibt?

Paul: Ich höre immer erst mal zu. Mich interessieren zunächst die Argumente. Und wenn ich nicht der Meinung des anderen bin, dann argumentiere ich dagegen. Dann gibt's eine Diskussion.

Sie würden das auch mit Rassisten tun? Bringt das überhaupt etwas?

Paul: Es ist zumindest eine Möglichkeit, zu reden und zuzuhören, was die Argumente sind und wo die Probleme liegen - denn Ausländerfeindlichkeit hat ja einen Ursprung. Sei es Angst, Missgunst, Arbeitslosigkeit oder keine beruflichen Chancen zu sehen. Dass das dann in eine Richtung geht, die nicht akzeptabel ist, ist vollkommen klar, denn es werden die Falschen für die Probleme verantwortlich gemacht. Oft lässt sich diese Form der Ablehnung durch Argumente kaum regulieren. Aber zumindest sollte man sich anhören, was überhaupt das Problem ist, und diese Probleme ernst nehmen.

Ausländerhass ist also nicht aus der Welt zu schaffen, wenn man das, was dahinter steckt, nicht angeht?

Paul: Natürlich ist es zugleich wichtig, Regularien zu finden, um Ausländer vor Übergriffen und Gewalt zu schützen. Man muss dem Problem sicherlich auf mehreren Ebenen begegnen und ihm politisch, kulturell und gesellschaftlich entgegenwirken. Ausländerhass und Nationalismus liegen ja sehr nah beieinander. Es kann ja erst mal ganz normal sein zu sagen, "Hier ist mein Kulturkreis, und der grenzt sich von den anderen ab". Ein Problem entsteht dann, wenn das etwas Extremes bekommt oder Gewalt im Spiel ist - sei sie verbal oder körperlich. Es muss immer ein Miteinander sein und kein Gegeneinander.

Sie sind auch Ärztin, üben den Beruf aber nicht mehr aus. Weshalb haben Sie sich gegen den Arztberuf und für die Schauspielerei entschieden?

Paul: Das kann ich ganz schwer in Worte fassen. Die Schauspielerei ist etwas, was mich fordert und in dem ich glaube, das geben zu können, was ich geben will. Es war eine schwierige Entscheidung, denn beide Berufe waren sehr stark mit Leidenschaft besetzt. Aber ich bin froh, dass ich sie damals so gefällt habe.

Sie haben es also nicht bereut?

Paul: Nein. Ich bereue sowieso nichts. Ich glaube, dass die Dinge so passieren, wie sie passieren müssen. Der Weg, den man geht, ist der richtige. Deswegen war es damals die richtige Entscheidung und fertig (lacht).