Für seine Rolle in "Die Bubi Scholz Story" wurde Benno Fürmann ("Der blinde Fleck") 1999 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet - der Durchbruch. Es folgten viele tolle Filme und nahezu ebenso viel Anerkennung. Auch das TV-Drama "Keine Entkommen" (24. März, 20.15 Uhr, ZDF), in dem der 42-jährige Berliner am kommenden Montag gemeinsam mit Anja Kling zu sehen ist, macht da keine Ausnahme.

Zusammen mit Nina Hoss (Darstellung) und Christian Petzold (Buch/Regie) bekam Benno Fürmann für "Wolfsburg" 2005 den Grimme-Preis - die DVD können Sie hier bestellen

Anna (Kling) wird ohne jeden Grund von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Erst hat es den Anschein, dass sich die Mutter zweier Kinder schnell erholt. Doch das sind nur die äußeren Wunden, der innere Heilungsprozess hinkt meilenweit hinterher. Auch Ehemann Micha (Fürmann) fühlt sich zunehmend hilflos. Was Benno Fürmann über Gewalt, Gerechtigkeit und Ohnmacht denkt, hat er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt. Verraten hat er aber auch, vom wem er täglich ein Privatkonzert bekommt.

Nur Schule, Hausaufgaben und spielen sind nicht genug, die heutigen Kinder werden sehr gefördert. Wie bekommen Sie ein gesundes Maß hin?

Benno Fürmann: Indem ich nur zwei Dinge vorgegeben habe: Weil meine Tochter ein hübsches Mädchen ist, trainiert sie regelmäßig einen Kampfsport. Denn die meisten Menschen sind nett, aber eben nicht alle. Außerdem habe ich mir noch gewünscht, dass sie ein Instrument lernt. Ansonsten darf sie sich ihre Freizeitaktivitäten vollkommen selbst aussuchen.

Und ist der Wunsch mit dem Instrument in Erfüllung gegangen?

Fürmann: Ja, wunderbar! Sie spielt Klavier und ich bekomme quasi jeden Nachmittag ein kleines Privatkonzert. Wenn sie es nach einer gewissen Zeit immer noch nicht wirklich gemocht hätte, hätte ich mich natürlich geschlagen gegeben. Aber manchmal muss man die Kinder einfach ein bisschen durch diese schwierigere Anfangsphase hindurchtragen als Vater oder Mutter. Dass man gerade am Anfang immer wieder mal keine Lust hat, kenne ich auch von mir. Und in Bezug auf ein Instrument hätte ich mir im Nachhinein gewünscht, dass irgendjemand mehr dahinterher gewesen wäre.

Der Film beginnt mit dem Match eines Hockey-Vereins. Können Sie mit Ihrem Job in einem normalen Verein sein?

Fürmann: Ja. Am Anfang sind die Leute manchmal schon ein bisschen aufgeregt, aber das legt sich dann. Spätestens wenn man zum Beispiel nach einer Tour auf der gleichen Berghütte sitzt, ist es nicht mehr relevant, was man beruflich macht. Da zählt dann nur noch, dass man die Anstrengung zusammen durchgezogen hat.

Das Ehepaar (Anja Kling/Benno Fürmann) im Film ist sehr verliebt, obwohl es sogar schon einen Sohn im Teeniealter hat. Wie schafft man es denn, nach so langer Zeit noch so verliebt zu sein?

Fürmann: Wenn Sie die Antwort darauf haben, schicken Sie sie mir bitte. Tatsächlich kenne ich aber Paare in meinem Familien- und Bekanntenkreis mit ähnlich alten Kindern wie im Film, die in dem Bereich echte Vorbilder für mich sind. Es sind wenige, aber es gibt sie.

Und was ist deren Geheimnis?

Fürmann: Ich glaube, es fängt mit der richtigen Partnerwahl an. Nicht jeder passt zusammen, bloß weil man verliebt ist. Neben der vielen Beziehungsarbeit gehört einfach unheimlich viel Glück dazu, dass die Mentalitäten einigermaßen kompatibel sind.

Im Film gibt es in der Notaufnahme ein böses Erwachen für die ganze Familie. Können Sie sich vorstellen, wie Sie mit einer solchen Ohnmacht umgehen würden?

Fürmann: Ich glaube, ich reagiere unter Druck ganz gut. Bei mir ist es eher der Tunnelblick als das Blackout.

Kennen Sie die Situation, wenn pöbelnde Jugendliche auf einen zukommen?

Fürmann: Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Zuletzt, als ich selber noch ein Jugendlicher war. Problematisch ist aber, dass viele junge Menschen durch Medien, Film und Computerspiele eher desensibilisiert werden, anstatt ein Gefühl dafür zu bekommen, dass sie für ihr Handeln verantwortlich sind. Unser Film zeigt vor allem die Wunden, die Gewalt nicht nur körperlich hinterlässt. Die zarte Seele heilt nicht so schnell wie Haut und Knochen.

An einer Stelle im Film wird einer der jugendlichen Schläger als "Psychopath" bezeichnet. Ist das passend?

Fürmann: Ich glaube nicht, dass wir hier von abnormalen Psychen reden. Vielmehr geht es um etwas, das in der Mitte unserer Gesellschaft stattfindet. Gewalt hat es schon immer gegeben und ob die jetzt mehr oder weniger oder gar drastischer wird, dafür gibt es keine echten Belege. Es wird einfach mehr darüber nachgedacht, geschrieben und berichtet. In jedem Fall sollte es uns aber alarmieren.

Inwiefern?

Fürmann: In Zeiten, in denen Familie und Gesellschaft als Werte und Normen nicht mehr so viel bedeuten, ist es schon leichter, sich zu verlaufen. Den erhobenen Zeigefinger vom Großvater gibt es längst nicht mehr. Wir sind also alle dazu aufgerufen, ein größeres Miteinander zu leben. Für jemanden, der Liebe aus dem Elternhaus nicht kennt und Respekt vor dem Gegenüber nicht vorgelebt bekommen hat, ist es zum Schlagen nicht mehr weit.

Was der Film auch sehr eindringlich zeigt, ist die Tatsache, dass es echte Gerechtigkeit nach einem solchen Vorfall nicht geben kann: Die Frau und ihre Familie sind für den Rest ihres Lebens gezeichnet.

Fürmann: Seelische Wunden heilt auch das härteste Strafmaß nicht. Gewalt reißt Wunden und Menschen fühlen sich vergewaltigt, nicht mehr sicher, und das ist das Schreckliche. Deshalb darf man Gewalt nie unterschätzen. Opfer müssen begleitet werden, psychologisch zum einen und mit hoffentlich viel Liebe aus dem privaten Umfeld zum anderen. Das mit der Gerechtigkeit kenne ich auch aus meinem privaten Umfeld. Wichtig finde ich vor allem zwei Fragen: Wie sieht Gerechtigkeit für das Opfer aus? Und: Was ist aus gesellschaftlicher Sicht der richtige Umgang mit dem Täter, so dass er nach der hoffentlich gerechten Strafe zurück in die Gesellschaft finden kann und nicht als Berufskrimineller endet?

Was halten Sie von Therapien?

Fürmann: Die finde ich sehr wichtig. Aber wenn jemand einen anderen Menschen zu Brei schlägt und der Täter bekommt dreimal die Woche eine Gesprächstherapie aufgebrummt und sonst keine Strafen, dann finde ich das nicht in Ordnung. Denn das Opfer hat auf diese Weise keine Chance, Gerechtigkeit zu erfahren.