Karlsruhe (Baden)
BGH prüft Urteil

"Unfassbares Verbrechen" - Pärchen vergewaltigt Chinesin und quält sie zu Tode - Rolle der Frau wurde nochmals untersucht

Eine abscheuliche Tat, die 2016 weit über Dessau hinaus erschüttert hat: Ein junges Paar misshandelt und vergewaltigt eine 25-Jährige. Der BGH prüfte jetzt noch einmal das Urteil nach dem Sexualmord. Denn vor allem die angeklagte Frau gibt Rätsel auf.
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ine chinesische Studentin legt Blumen am Bild der ermordeten Mitstudentin während einer Gedenkfeier nieder. Foto: Peter Endig/dpa
ine chinesische Studentin legt Blumen am Bild der ermordeten Mitstudentin während einer Gedenkfeier nieder. Foto: Peter Endig/dpa
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Nach dem Sexualmord an einer chinesischen Studentin 2016 in Dessau-Roßlau ist das Urteil gegen den mutmaßlichen Haupttäter rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof (BGH/Karlsruhe) verwarf die Revision des Mannes in dem deutschlandweit Aufsehen erregenden Fall als unbegründet, wie ein Sprecher des Landgerichts am Montag sagte.

Er bestätigte damit Medienberichte. Das Landgericht Dessau-Roßlau hatte den Angeklagten im August 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt und die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Laut Straube ist das die Höchststrafe. Die mitangeklagte Ex-Freundin des Mannes wurde nach Jugendstrafrecht zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Worum ging es in dem Fall? Eine Studentin aus China unterbricht ihre Joggingrunde, um beim Tragen schwerer Kartons mit anzupacken. Aber die junge Frau, die sie in Dessau angesprochen hat, lockt sie mit ihrem Freund in eine Falle. Die 25-Jährige wird brutal vergewaltigt, stirbt unter Qualen.

Bei der Urteilsverkündung gegen das deutsche Paar spricht die Richterin von einem "unfassbaren Verbrechen". Hat das Landgericht die Rolle der weiblichen Angeklagten richtig bewertet? Darüber verhandelte am Donnerstag der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Die Anwälte der Eltern der Ermordeten forderten eine höhere Strafe gegen die Ex-Freundin des mutmaßlichen Haupttäters. Als Nebenkläger wollen sie mit ihrer Revision erreichen, dass die junge Frau ebenfalls wegen Mordes verurteilt wird.

Was war geschehen?

Am 11. Mai 2016 hält eine Überwachungskamera fest, wie die Frau, damals wie ihr Freund 20 Jahre alt, die Chinesin auf der Straße abpasst, in ein Haus lotst. Das Foto, das später bei der Trauerfeier an die Architekturstudentin erinnert, zeigt eine zierliche Frau mit schüchternem Lächeln und kindlichen Zügen. Gegen den 1,95 Meter großen und mehr als 100 Kilogramm schweren Angeklagten, der nach Überzeugung der Dessauer Richter im Treppenhaus wartet, hat sie keine Chance.

Ihm geht es um Sex, Sex zu dritt mit einer fremden Frau, so viel scheint sicher. Die Studentin, die kaum Deutsch spricht, wird zum Zufallsopfer. Laut Staatsanwaltschaft ist sie für die beiden nur ein "Objekt zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse". In einer leeren Wohnung wird die Frau misshandelt und vergewaltigt.

Was für ein Paar tut so etwas? Gutachter beschreiben im Prozess vor dem Landgericht Dessau-Roßlau zwei gestörte Persönlichkeiten. Er gefühlskalt, dominant und sadistisch, ohne Reue. Sie durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit traumatisiert, von Verlustängsten und Minderwertigkeitskomplexen beherrscht, sehr jung mehrfache Mutter.

Qualen über Stunden

Emotionen zeigen beide nicht, als die Staatsanwältin Ende 2016 zum Prozessauftakt die Verletzungen verliest, die ihr Opfer erlitt. Risse, Blutungen, Brüche. "Es muss viele Schläge und Tritte gegen das Opfer gegeben haben mit enormer Gewalt", sagen die Rechtsmediziner. "Die Qualen müssen über Stunden gegangen sein."

Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Mord. Aber die Rolle der Freundin erscheint in einem anderen Licht, als sie vor Gericht ihr Schweigen bricht. Ihr Partner habe ihr beim Sex Dinge aufgezwungen, die sie nicht wollte, sie geschlagen, bedroht und erniedrigt. Es sei seine Idee gewesen, die Frau anzusprechen, so ihre Darstellung. Die Brutalität sei von ihm ausgegangen, sie habe ihn nicht stoppen können. Inzwischen ist das Paar getrennt.

Die Staatsanwaltschaft war in ihrer Anklage davon ausgegangen, dass die schlimmen Verletzungen bei der Vergewaltigung entstanden. Später hätten die beiden die Sterbende draußen in einem Gebüsch abgelegt.

Gericht glaubte der Ex-Freundin

Das Gericht glaubt der Ex-Freundin einen anderen Hergang: Demnach ließ sie ihren Partner mit dem äußerlich noch nicht verletzten Opfer einige Zeit allein - in dem Glauben, er werde die Frau gehen lassen.

Was dann passiert sein soll, ist schwer erträglich. Nach den Feststellungen des Landgerichts würgt der Mann sein Opfer minutenlang, um es zum Schweigen zu bringen, versucht, es in einem Wassereimer zu ertränken, schlägt den Kopf auf den Boden. Als die Leiche zwei Tage später bei einer großen Suche gefunden wird, ist sie so zugerichtet, dass zunächst keine Identifizierung möglich ist.

Im August 2017 verhängen die Dessauer Richter gegen den Polizistensohn wegen Mordes und schwerer Vergewaltigung die Höchststrafe: lebenslange Haft bei besonderer Schwere der Schuld. Die Ex-Freundin wird nach Jugendstrafrecht zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis wegen sexueller Nötigung verurteilt. Ihre reuige Haltung berücksichtigend hatte die Staatsanwaltschaft acht Jahre gefordert.

Trotzdem bleiben Fragen: Weshalb machte sie mit? Warum half sie dem Opfer nicht, rief nicht die Polizei? Noch ist die Verurteilung der Frau nicht rechtskräftig, alle Seiten haben Revision eingelegt. Die Staatsanwaltschaft und die Eltern der Chinesin als Nebenkläger wollen erreichen, dass auch sie für den Mord zur Verantwortung gezogen wird. Auch der Ex-Freund hat seine Verurteilung angefochten. Damit will sich der 4. Strafsenat gesondert befassen.