Wiesbaden
Verhaftung

Fall Susanna F. aus Mainz: Wann wird der Täter ausgeliefert? Kannte das Opfer den Mörder? Die wichtigsten Fragen

Die vermisste 14-jährige Susanna ist tot. Sie wurde missbraucht, umgebracht und in ein Loch geworfen. Ein tatverdächtiger 20-jähriger Iraker war auf der Flucht, jetzt wurde er nach tagelanger Öffentlichkeitsfahndung im Nordirak verhaftet.
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Junge Frauen legen an einer provisorischen Gedenkstätte für die getötete Susanna F. Blumen nieder und entzünden Kerzen. Die 14-jährige wurde Opfer eines Sexualdeliktes. Der mutmaßliche Täter hatte sich in sein Heimatland Irak abgesetzt, wo er mittlerweile festgenommen wurde. Foto: Boris Roessler/dpa
Junge Frauen legen an einer provisorischen Gedenkstätte für die getötete Susanna F. Blumen nieder und entzünden Kerzen. Die 14-jährige wurde Opfer eines Sexualdeliktes. Der mutmaßliche Täter hatte sich in sein Heimatland Irak abgesetzt, wo er mittlerweile festgenommen wurde. Foto: Boris Roessler/dpa
  • Die internationale Fahndung nach Ali B. hat schon nach kurzer Zeit Erfolg: Der 20-Jährige wird im Irak von kurdischen Sicherheitsbehörden gefasst.

  • Der Flüchtling steht im Verdacht, ein junges Mädchen in Wiesbaden vergewaltigt und umgebracht zu haben.

    Der Hauptverdächtige im Mordfall Susanna ist gefasst. Warum die 14-jährige Schülerin aus Mainz vergewaltigt und getötet wurde und wann der Tatverdächtige Iraker Ali B. von den deutschen Behörden vernommen werden kann, ist aber noch unklar. Die Ermittler arbeiten weiter mit Hochdruck an der Aufklärung der grausamen Tat. Die wichtigsten Fragen zum Fall Susanna:


    Wann wird Ali. B. nun nach Deutschland überstellt?



    Das ist eine schwierige Frage - denn ein Auslieferungsabkommen, das einen solchen Fall rechtlich regelt, gibt es nicht zwischen Deutschland und dem Irak. Hinzu kommt: Die Festnahme war in den kurdischen Autonomiegebieten, die eigene Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte haben. Bisher haben sich die irakischen Behörden nicht zu dem Fall geäußert.

    Der Antrag auf eine Auslieferung sei auf den Weg gebracht, sagte eine Sprecherin der Wiesbadener Staatsanwaltschaft. Letztlich entscheide das Auswärtige Amt, ob der Irak um die Auslieferung des Tatverdächtigen gebeten werde. Wie lange das über den diplomatischen Weg geführte Auslieferungsverfahren dauern könnte, lasse sich schwer abschätzen, sagte ein Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. "Mit dem Irak betreten wir da ein Stück weit Neuland. So ein Verfahren kann mehrere Tage, aber auch mehrere Wochen oder gar Monate dauern."
    Ein zweiter Tatverdächtiger, ein 35-jähriger Türke, wurde am Donnerstag wieder freigelassen.


    Besteht nun kein Tatverdacht mehr gegen ihn?



    Der 35-Jährige ist nicht mehr dringend tatverdächtig. Deshalb kam der Mann auch nicht in Untersuchungshaft. Der Flüchtling wird bei den Ermittlern aber weiter als Beschuldigter geführt und es gibt einen Anfangsverdacht, dass er etwas mit dem Verbrechen zu tun haben könnte. Er kann aber genauso gut unschuldig sein. Der Türke ist auf freiem Fuß und könnte theoretisch Deutschland verlassen.


    Durfte der 20 Jahre alte Verdächtige überhaupt ausreisen?



    Nach Angaben der Polizei wurde Ali B. erst nach seiner Flucht zur Fahndung ausgeschrieben - nachdem sich ein 13 Jahre alter Zeuge gemeldet hatte. Ein Haftbefehl hätte die rechtliche Handhabe gegeben, ihn an der Ausreise zu hindern.


    Warum konnte die irakische Familie ohne Probleme ausreisen, obwohl die Namen auf den Flugtickets nicht mit denen auf den Ausweispapieren übereinstimmten?



    Bei der Ausreise aus dem Schengen-Raum - in diesem Fall zunächst in die Türkei - überprüft die Bundespolizei die Ausweise der Reisenden. Die waren ohne Beanstandung. Es gab aber keinen Abgleich mit den Bordkarten. Ein solcher Vergleich kann nach Angaben einer Sprecherin des Bundesverbands der Luftverkehrswirtschaft am Check-In vorgenommen werden, wenn es für das Zielland entsprechende Vorgaben gibt. Im Fall der Türkei war das aber nicht vorgeschrieben.


    Woher hatte die Familie des Tatverdächtigen, die als Flüchtlinge in Deutschland lebten, das Geld, acht Flugtickets zu buchen und auszureisen?



    Das ist unklar und die Behörden ermitteln. "Sie müssen Geld gehabt haben, um die Tickets zu bezahlen", sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.


    Und wie kam die Familie an die diplomatischen Passierscheine?



    Dieser Frage gehen auch die Ermittler noch nach. Noch ist unklar, wann, von wem und auf welcher Grundlage diese Laissez-passer-Papiere auf Arabisch ausgestellt wurden.


    Warum wurde der 20-Jährige nicht abgeschoben, obwohl sein Asylantrag bereits Anfang 2017 abgelehnt wurde und er polizeilich aufgefallen war?



    Nach dem abgelehnten Asylantrag legte ein Anwalt für den 20-Jährigen Rechtsmittel gegen die Abschiebung ein. Seitdem ist ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden anhängig und die Abschiebung damit gestoppt.


    War Susanna ein Zufallsopfer oder steckt eine Beziehungstat hinter dem Mord?



    Susanna kannte den Bruder von Ali B. und hätte sich den Ermittlern zufolge auch eine Beziehung mit ihm vorstellen können. Deshalb hielt sich die 14-Jährige öfter in der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden auf und kannte auch den mutmaßlichen Täter. Ali B.'s. Bruder soll die Gefühle des jungen Mädchens aber offenbar nicht erwidert haben. Das Mädchen war jüdischen Glaubens. Es gebe aber keine Hinweise, dass die Religion bei der Tat eine Rolle gespielt habe, hieß es von der Staatsanwaltschaft.


    Warum hat die Polizei erst viele Tage nach Verschwinden des Mädchens eine intensive Suche eingeleitet?



    Wenn Jugendliche verschwinden, versucht die Polizei auch die privaten Hintergründe der Teenager in die Ermittlungen mit einfließen zu lassen, die 14-Jährige hatte etwa mehrfach die Schule geschwänzt. Die Suche in dem schwer zugänglichen Gelände und das mit Reisig überdeckte Erdloch machte es den Ermittlern auch mit Hubschrauber- und Hundeeinsatz sehr schwer, die Leiche zu finden.

    Bereits mehr als eine Woche vor dem Finden der Leiche schrieb aber eine Bekannte der Tochter eine Mitteilung an die Mutter, nach der Susanna tot sei und an einem Bahngleis liege. Die Beamten konnten die Hinweisgeberin zunächst nicht befragen, weil sie im Urlaub war. Warum die Frau nicht im Urlaub befragt werden konnte ist noch unklar. Es bleibt auch die Frage offen, warum vom ersten Hinweis zu ihrem Tod bis zum Finden der Leiche mehr als eine Woche verging.


    Was können die Obduktion der Leiche und die Auswertung der DNA-Spuren noch bringen?

     

    Die Behörden erhoffen sich davon weitere Klarheit über Susannas Tod und Beweise für einen möglichen Täter. Da wird aber die lange Zeit zwischen Tod und Auffinden des Körpers zum Problem. Durch die lange Liegedauer ist es nach Angaben der Staatsanwaltschaft unklar, ob DNA-Spuren noch aussagekräftig sind.



    Wie reagieren die Menschen im Raum Mainz und Wiesbaden auf den Fall?


    Susanna wohnte in Mainz, dort sind nun eine Serie von Demonstrationen, Mahnwachen und Trauerkundgebungen geplant: Sie richten sich sowohl gegen illegale Einwanderung als auch gegen Ausländerhass und Rassismus. Im wenige Kilometer entfernten Wiesbaden, wo die ehemalige Flüchtlingsunterkunft des Tatverdächtigen liegt und die Leiche der 14-Jährigen in einem Waldgebiet im Stadtteil Erbenheim gefunden wurde, waren zunächst keine Kundgebungen geplant.


    Den ganzen Fall der ermordeten 14-jährigen Susanna aus Mainz lesen sie hier:

    Der im Zusammenhang mit dem Mord an der 14-jährigen Susanna F. gesuchte Tatverdächtige ist im Irak gefasst worden. Das teilte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Freitag zum Abschluss der Innenministerkonferenz im sachsen-anhaltischen Quedlinburg mit. Der 20 Jahre alte irakische Staatsbürger Ali B. sei in der Nacht zum Freitag gegen zwei Uhr durch kurdische Sicherheitsbehörden im Nordirak festgenommen worden.

    Seehofer dankte den Sicherheitskräften für die Festnahme, die auf Bitte der deutschen Bundespolizei erfolgt sei. Der Bundesinnenminister betonte: "Dieser Erfolg ist Ergebnis der guten Zusammenarbeit zwischen den kurdischen Sicherheitsbehörden im Irak und der deutschen Bundespolizei."

    Nach der Festnahme des Tatverdächtigen im Fall Susanna im Irak hofft die Wiesbadener Staatsanwaltschaft auf eine Auslieferung des 20-Jährigen. Das könnte aber kompliziert werden. "Wir haben wenig Erfahrung, wie sich der Irak in so einer Lage verhält", sagte eine Sprecherin der in dem Fall verantwortlichen Staatsanwaltschaft am Freitag.


    Originalmeldung: 14-jährige Susanna F. vergewaltigt und getötet

    Die seit zwei Wochen vermisste 14-jährige Susanna ist in Wiesbaden vergewaltigt und getötet worden. Ein Tatverdächtiger ist auf der Flucht. Ein weiterer Mann, der zunächst verdächtig war, wurde am Donnerstag wieder frei gelassen.

    Die Ermittler fahnden nun nach einem 20 Jahre alten irakischen Flüchtling. Ali B. wird im Irak vermutet. Ihre Leiche war dann in einem Erdloch in einem schwer zugänglichen Gelände bei Wiesbaden gefunden worden.


    Ein zunächst festgenommener Tatverdächtiger ist wieder frei

    Gegen den zunächst festgenommenen 35-Jährigen besteht nach neuesten Ermittlungserkenntnissen kein dringender Tatverdacht mehr, wie Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn am Donnerstagabend in Frankfurt sagte. Der Asylbewerber mit türkischer Staatsangehörigkeit habe das Justizgebäude bereits wieder verlassen und könne sich frei bewegen. Weitere Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler nun durch die Obduktion der Leiche der 14-Jährigen und der Auswertung von DNA-Spuren.

    Zunächst waren die Ermittler davon ausgegangen, dass zwei Männer Susanna in Wiesbaden vergewaltigt und ermordet haben und nahmen den Flüchtling fest. Der andere Verdächtige sei vermutlich am vergangenen Donnerstag mit seiner gesamten Familie überhastet abgereist. Der 20-Jährige war bereits mehrfach polizeilich aufgefallen. Er war auch mit der Vergewaltigung eines Kindes in Verbindung gebracht worden.


    Susanna wurde erwürgt oder erdrosselt

    Die Schülerin wurde erwürgt oder erdrosselt. Es habe eine "Gewalteinwirkung" auf den Hals gegeben, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt Achim Toma, ohne weitere Details zu nennen. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Mädchen ermordet wurde, um die Vergewaltigung zu vertuschen.

    Die 14-jährige Susanna war am 22. Mai von ihrer Mutter als vermisst gemeldet worden. Sie war mit Freunden in der Wiesbadener Innenstadt unterwegs gewesen und abends nicht wie abgesprochen nach Hause zurückgekehrt. Laut Obduktion der Leiche soll sich die Tat bereits am Abend ihres Verschwindens ereignet haben.


    Tatverdächtiger Iraker ist wohl in Heimat geflohen

    Der tatverdächtige Iraker sei vermutlich am vergangenen Donnerstag abgereist, berichtete der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller. Die Familie aus Vater, Mutter und sechs Kindern habe zuletzt zusammen in einer Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden gelebt. Sie sei nach bisherigen Erkenntnissen von Düsseldorf aus nach Istanbul und von dort aus weiter ins irakische Erbil geflogen.

    Auf den Flugtickets seien andere Namen angegeben gewesen als auf den ebenfalls am Flughafen vorgelegten Aufenthaltspapieren für Deutschland, sagte Müller. Die Gruppe habe aber auch sogenannte Laissez-passer-Dokumente - eine Art Passierschein - in arabischer Sprache mit Passbildern dabei gehabt, die von der irakischen Botschaft ausgestellt worden seien. Am Flughafen seien nach den bisherigen Erkenntnissen die Passfotos, aber nicht die Namen abgeglichen worden.

    Botschaften zum Beispiel können solche Passersatzpapiere ausstellen, wenn der Reisepass abhanden gekommen oder nicht mehr gültig ist. Ein zur Ausreise verpflichteter abgelehnter Asylbewerber kann Deutschland mit dem Papier schnell und unbürokratisch verlassen. Es berechtigt zur einmaligen Einreise und ist wenige Tage gültig. Laissez-passer kommt aus dem Französischen und bedeutet "Bitte durchlassen!".


    Ali B. bereits polizeilich bekannt

    Der 20-Jährige war in diesem Jahr bereits mehrfach polizeilich aufgefallen. Neben Pöbeleien und Prügeleien soll sein Name auch im Zusammenhang mit der Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens aus der Flüchtlingsunterkunft gefallen sein, erklärte der Polizeipräsident. Die Hinweise hätten sich aber nicht erhärten können. Es habe daher keine Gründe für eine Inhaftierung gegeben.

    Susanna soll sich öfter in der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim aufgehalten haben und den Bruder des tatverdächtigen Irakers näher gekannt haben, sagte der Polizeipräsident. Der Asylantrag des 20-Jährigen war Ende 2016 abgelehnt worden. Da ein Rechtsanwalt dagegen eine Klage eingereicht habe, laufe das Verfahren noch.

    Der entscheidende Hinweis auf die mutmaßlichen Täter kam von einem 13-jährigen Jungen, der ebenfalls in der Flüchtlingsunterkunft wohnte. Zuvor hatte die Polizei tagelang nach dem vermissten Mädchen gesucht. Der Zeuge hatten den Ermittlern berichtet, Ali B. habe ihm von der Tat persönlich erzählt.


    Mutter hofft auf harte Konsequenzen

    Der Zentralrat der Juden zeigte sich tief betroffen über das Verbrechen. "Susanna und ihre Mutter waren bzw. sind Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Mainz", hieß es in einer Mitteilung. "Wir erwarten von den Strafverfolgungsbehörden eine rasche und umfassende Aufklärung sowie harte Konsequenzen für den oder die Täter. Alle voreiligen Schlüsse oder gar Ressentiments verbieten sich jedoch."

    Auch der hessische Innenminister Peter Beuth reagierte mit tiefer Betroffenheit auf das Gewaltverbrechen. "Unsere Gedanken sind im Moment bei den Angehörigen, unsere Anteilnahme", sagte der CDU-Politiker. "Wir werden alles daran setzen, dass wir den Täter finden und einer gerechten Strafe zuführen können." Beuth warnte davor, den Fall schon politisch zu diskutieren. Die Politik sei gut beraten, jetzt erstmal die Ermittler ihre Arbeit machen zu lassen, sagte er.

    Auch die Ortsvorsteherin des Mainzer Stadtteils, in dem Susanna wohnte, drückte ihr Mitgefühl aus. Vor dem Wohngebäude der Familie hätte Anwohner Kerzen aufgestellt und Blumen abgelegt. "Die Familie war bekannt." Das Verbrechen habe viele Menschen vor Ort geschockt. "Es ist schrecklich."