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Stuttgart
Urteil

Tödlicher Angriff mit Samuraischwert in Stuttgart: Jetzt ist das Urteil gefallen

Vor den Augen der Tochter und zahlreicher Zeugen sticht der Mann seinen 31-Jährigen Ex-Mitbewohner mit einem Samuraischwert nieder. Rund ein Jahr später ist das Urteil im Prozess gegen ihn gefallen. Viele Fragen bleiben aber weiterhin offen.
 
Urteil im Prozess um Mord mit Samuraischwert
Nach der tödlichen Attacke mit einem Samuraischwert mitten auf einer Straße in Stuttgart vor etwa einem Jahr wurde an diesem Montag das Urteil im Mordprozess verkündet. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Ein 31-Jähriger sticht vor den Augen der Tochter und zahlreicher Zeugen seinen Ex-Mitbewohner mit einem Samuraischwert nieder. Jetzt wurde der Mann verurteilt:

Der Vater kommt mit seiner elfjährigen Tochter nach Hause, doch die Türschwelle zu seiner Wohnung wird er nie wieder überschreiten. Vor dem Hauseingang wartet sein ehemaliger Mitbewohner. Er attackiert den Mann mit einem 73 Zentimeter langen Samuraischwert. Die Tochter flieht. Die Anwohner filmen die schockierende Tat, das Video wird später im Netz verbreitet. Der Mann sticht wie von Sinnen auf das wehrlos am Boden liegende Opfer ein.

Täter zu 14 Jahren Haft verurteilt

Rund ein Jahr später hat das Stuttgarter Landgericht am Montag (27. Juli 2020) den Täter zu 14 Jahren Haft verurteilt. Zudem ordnete der Richter eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an. Für das Gericht gilt als erwiesen, dass der Jordanier die Tochter des Opfers bemerkt hatte und sich auch der vielen Menschen ringsherum bewusst war, bevor er schließlich mit "absolutem Vernichtungswillen" das Schwert erhob. Doch die Kammer kommt auch zu dem Ergebnis, dass der Täter zum Zeitpunkt des Angriffs nur eingeschränkt Herr seiner Sinne war.

Bis heute stellt sich die Frage, was den Schwertmörder zu der Tat getrieben hat. Das Gericht tut sich auch nach neun Verhandlungstagen mit dem Motiv schwer. Die große Frage nach dem Warum ist nur teilweise beantwortet. Dass der Mann die Tat verübt hat, war von Anfang an klar - auch wegen eines Geständnisses des Angeklagten kurz nach dem Verbrechen und der Videos der Zeugen.

Am Tattag, dem 31. Juli 2019, kauft der 31-jährige Täter in der Stuttgarter Innenstadt ein Samuraischwert für 149 Euro, dann fährt er in die Hochhaussiedlung im Stadtteil Fasanenhof, wartet eine Stunde mit dem verpackten Schwert vor dem Haus auf sein Opfer. Am frühen Abend passt er den Mann mit seiner Tochter ab und zieht die Waffe.

"Hinrichtung" dauert zwei Minuten

Fortwährend sticht er auf den schwer verletzten Mann ein, der sich noch in das Auto einer Zeugin retten will, aber vom Täter aufgehalten wird. Die "Hinrichtung", wie der Richter die Tat beschrieb, dauert zwei Minuten. "Das war Dahinmetzeln, wie man es sich nicht vorstellen kann."

Wenig später lässt der Täter vom sterbenden Mann ab und flieht - kurz darauf nimmt die Polizei ihn fest. Als er vom Tod des Opfers hört, sagt er "Gott sei Dank", wie ein Polizist später schildert. Vor Gericht schwieg der Angeklagte zu den Ereignissen. Die Kriminalpolizei gab nach der Tat einen persönlichen Grund als Auslöser an. Nach eigener Aussage bei der Vernehmung soll er vom Opfer missbraucht worden sein. Dem Gutachter offenbarte er, dass das Opfer ihm Drogen eingeflößt habe, um ihm ein Geheimnis zu entlocken. Laut Staatsanwaltschaft hatte er sich dies eingebildet. Auch der Richter hält die Anschuldigungen für unrealistisch.

Weitestgehend hätten Opfer und Täter ein gutes Verhältnis gehabt, sagte der Richter. Nach seiner Einreise nach Deutschland hatte der Jordanier, der sich erst als Syrer ausgegeben hatte, in Brandenburg mit einer Frau zusammengelebt. Nach dem Ende der Beziehung zog er 2018 in die Wohnung mit seinem späteren Opfer. Dort blieb er bis zum Frühjahr 2019. 

Gutachter stuft Täter vermindert schuldfähig ein

Nach Überzeugung des Gerichts kam es dann zu einer Wesensveränderung. Vor der Tat, erzählte der Angeklagte dem Gutachter, habe er göttliche Träume gehabt. In der Haft sprach er immer wieder von religiösen Eingebungen. Aber auch Zeugen und Verwandten soll er vor der Tat gesagt haben, dass er der "Messias" sei. 

Ein Bekannter berichtete im Prozess davon, dass der 31-Jährige darüber gesprochen habe, wie er den Mond in zwei Stücken gesehen habe und aus dem Himmel heraus jemand mit ihm spreche. Der Gutachter stufte den Angeklagten wegen Wahnvorstellungen als vermindert schuldfähig ein. So unklar das Motiv ist, so sehr gingen die Plädoyers der Beteiligten auseinander. Während die Anklagevertreterin 13 Jahre Haft wegen Mordes und die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung forderte, plädierten Nebenkläger auf die härteste mögliche Strafe: lebenslange Haft und das Feststellen der besonderen Schwere der Schuld. Damit wäre der Mann nicht vorzeitig freigekommen. Die Verteidigung sprach sich bei den Plädoyers für einen Freispruch und die Unterbringung in einer Psychiatrie aus. "Der attackierte Mann war das tragische Opfer eines Wahns", sagte einer der beiden Verteidiger.