München
Prozess

Versuchter Mord an 88 Frauen und Mädchen: Unterfranke gab sich als Arzt aus

Ein Mann aus dem Raum Würzburg muss sich für lebensgefährliche Stromschläge vor Gericht verantworten. Er verleitete junge Frauen dazu, dass sie sich dieses selbst gaben - angeblich aus Forschungszwecken.
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Ein Mann aus dem Raum Würzburg muss sich vor Gericht verantworten, weil er Frauen zu Stromschlägen verleitete. Symbolfoto: Starpics/Adobe Stock
Ein Mann aus dem Raum Würzburg muss sich vor Gericht verantworten, weil er Frauen zu Stromschlägen verleitete. Symbolfoto: Starpics/Adobe Stock

Ein Fremder gibt im Internet lebensgefährliche Stromschläge in Auftrag, verspricht Geld - und die angeblichen Probandinnen machen mit. Am Landgericht München II startete an diesem Dienstag (9.30 Uhr) ein Aufsehen erregender Prozess: Ein 30 Jahre alter Mann ist wegen versuchten Mordes an 88 Frauen und Mädchen angeklagt. Er soll sie mittels des Kommunikationsprogramms Skype dazu gebracht haben, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen.

Angeblicher Arzt überredet zu Stromschlägen: Er verfolgte Taten live im Internet

Es geht um Dutzende Fälle, in denen die Frauen sich nach Anweisung des falschen Arztes Stromstöße selbst zufügten. Die zuständige Staatsanwaltschaft München II spricht von einem "ungewöhnlichen Fall" und das Gericht schloss die Öffentlichkeit direkt zum Prozessauftakt für eine mögliche Einlassung des Angeklagten, Zeugenaussagen der minderjährigen Opfer sowie die Schlussplädoyers aus. Es folgte damit einem Antrag der Verteidigung. Der Vorsitzende Richter begründete den Ausschluss damit, dass es um das "Sexualleben" des Angeklagten und "intime Wünsche" gehe. Ein Fetisch soll das mutmaßliche Motiv des Angeklagten sein. Es soll ihn sexuell erregt haben, wenn eine Frau durch einen Stromschlag Schmerzen erleidet.

Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord hatte der heute 30 Jahre alte Mann aus dem Raum Würzburg von 2014 an über das Internet Kontakt zu seinen meist sehr jungen Opfern aufgenommen. Er fand sie, weil sie in Kleinanzeigen nach einem Nebenjob suchten. Und den bot er ihnen an. Laut der zuständigen Ermittlungsgruppe "EG Strom" bei der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck gab der Mann sich als Mediziner einer renommieren Universität aus. Er behauptete, Teilnehmerinnen für eine wissenschaftliche Studie zu suchen und bot dafür Geld. "Lebensgefährliche Bewerbung für einen Nebenjob", schrieb die Polizei, als der Fall im vergangenen Jahr bekannt wurde.

Über Skype, so die Vorwürfe, wies er die Mädchen und jungen Frauen an, Apparate zu bauen, um sich selbst lebensgefährliche Elektroschocks mit 230 Volt zuzufügen. Sie schnitten Stromkabel ab und hielten sie an ihre Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe, steckten Nägel in Steckdosen oder fassten an Elektrozäune. Er soll dafür jeweils Geld geboten haben - mal 200, mal 450 Euro, sogar 1500 oder 3000 Euro. In manchen Fällen sollen sogar die Eltern der Mädchen bei den angeblichen wissenschaftlichen Versuchen geholfen haben. Ein Vater, so heißt es in der Anklage, versetzte seiner Tochter demnach mehrfach Stromschläge mit einem Elektroschockgerät.

Diese Videochats zeichnete er auf - um sie sich immer wieder ansehen zu können. Spätestens von 2014 an soll der IT- Fachmann, der mit Brille und schwarzem Kapuzenpullover zu seinem Prozess erscheint, Frauen und Mädchen kontaktiert haben, die auf Portalen nach einem Nebenjob suchten . Sein jüngstes Opfer war laut Anklage erst 13 Jahre alt. Auf die Spur des IT-Fachmanns aus dem Landkreis Würzburg kamen die Ermittler, nachdem ein 16 Jahre altes Opfer des Mannes Anzeige erstattet hatte. Im Februar 2018 wurde er festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Stromschläge als Teil einer Forschung: 120 Opfer aus ganz Deutschland

120 Opfer aus ganz Deutschland sollen laut Polizei auf ihn hereingefallen sein. Dass nur 88 Fälle davon nun angeklagt sind, liegt nach Angaben der Staatsanwaltschaft daran, dass "in den weiteren untersuchten Fällen (...) eine Strafbarkeit nicht gegeben oder nicht nachweisbar" sei.

Bei der Auswertung der sichergestellten Datenträger fanden sich nach Polizeiangaben mehr als 200 Videoaufzeichnungen, die der Festgenommene von seinen angeblichen Probanden angefertigt hatte. Laut Polizei hatte der Mann bei den Verhören im vergangenen Jahr ein "Teilgeständnis" abgelegt. Auch die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass er sich zu den Vorwürfen geäußert hat, ließ aber offen, wie.

Nun muss sich der 30-Jährige wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, Missbrauch von Berufsbezeichnungen und anderen Delikten vor dem Landgericht München II verantworten. Laut einem Bericht der Würzburger "Main Post" geht die Verteidigung dagegen davon aus, dass der Angeklagte psychisch krank ist und das Asperger-Syndrom hat. Die Zeitung zitiert den Verteidiger Klaus Spiegel. Es habe sich demnach um den "Versuch eines Kranken gehandelt, mit der Umwelt zu kommunizieren". Zur Verteidigererklärung mussten die Zuhörer den Gerichtssaal verlassen. Für den Prozess gegen den gebürtigen Würzburger sind zunächst 15 Verhandlungstage bis zum Januar angesetzt.