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Gewalt

Messer als tödliche Waffen: Warum gibt es immer mehr Messerangriffe in Deutschland?

Die Berichte über tödliche Attacken mit Messern häufen sich in den letzten Monaten. Was ist der Grund für die vielen Messerangriffe?
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Beschlagnahmte Waffen, darunter verschiedene Messer, liegen im Polizeipräsidium Köln auf dem Tisch. Warum haben immer mehr Jugendliche ein Messer dabei? Steigt die Zahl der Messerangriffe in Deutschland tatsächlich? Symbolfoto: Oliver Berg/dpa
Beschlagnahmte Waffen, darunter verschiedene Messer, liegen im Polizeipräsidium Köln auf dem Tisch. Warum haben immer mehr Jugendliche ein Messer dabei? Steigt die Zahl der Messerangriffe in Deutschland tatsächlich? Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

In Deutschland sterben wenige Menschen durch Schusswaffen. Vor allem, weil kaum jemand Pistolen und Gewehre bei sich trägt. Messer sind weiter verbreitet. Bei manchen jungen Männern gelten sie als Statussymbol. Ist das ein Grund für die vielen Messerangriffe? Eine aktuelle YouGov-Umfrage zeigt: Junge Leute laufen nach Meinung jedes zweiten Erwachsenen Gefahr, in Deutschland Opfer einer Messerattacke zu werden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert höhere Strafen - zumindest die Einführung einer Mindeststrafe von einem Jahr Freiheitsentzug für Messerangriffe.

Gefühlt ist es eine lange Serie von Taten, die eines gemeinsam haben: die eingesetzte Waffe. Sie ist billig, unauffällig - und lebensgefährlich. Angriffe mit Messern enden oft mit schweren Verletzungen oder dem Tod des Opfers. Die Berichte über Gewalttaten, bei denen ein Täter mit einem Messer zustach, häuften sich im vergangenen Jahr und in den ersten Monaten des Jahres 2018 - auch wenn unklar ist, ob es tatsächlich eine Zunahme gibt. Oft sind die Täter junge Menschen, meist Männer.


Deutschland: Zahlreiche Messerangriffe in den letzten Wochen
 

Vor wenigen Tagen ersticht ein junger Mann in Schwabach seinen Kontrahenten im Streit. Vor einer Woche wird eine 24-jährige Frau in Burgwedel bei Hannover nach einem Streit im Supermarkt niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Ein verdächtiger 17 Jahre alter Syrer sitzt in Untersuchungshaft. In Bochum soll ein 16-jähriger syrischer Schüler einen 15-Jährigen mit einem Messer schwer verletzt haben. Am 12. März wird eine 17-Jährige in ihrer Wohnung in Flensburg mit mehreren Messerstichen getötet, ihr 18-jähriger afghanischer Freund festgenommen.

Ebenfalls im März ersticht in Berlin ein 15-jähriger Deutscher seine ein Jahr jüngere Mitschülerin in ihrer Wohnung. Im westfälischen Lünen wird im Januar ein 14-jähriger Schüler von seinem ein Jahr älteren deutschen Mitschüler mit einem Messer getötet. Im pfälzischen Kandel stirbt Ende Dezember eine 15-Jährige, nachdem ihr Ex-Freund, ein Flüchtling aus Afghanistan, mit einem Messer zustach.
Polizeigewerkschaften, manche Polizeibehörden, Richter und Politiker schlagen seit Jahren immer wieder Alarm. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht "offenbar zunehmende Messerangriffe hierzulande". Der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow spricht von einer "Verunsicherung der Bürger" und fordert: "Ein aussagekräftiges Lagebild wäre angesichts der jüngsten schockierenden Taten (...) dringend notwendig."


"Jugendliche heute häufiger als früher ein Messer dabei"
 

Malchow erzählt, Streifenpolizisten berichteten ihm und seinen Kollegen, dass gerade junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren immer öfter ein Messer dabei hätten. "Es gibt eine Gruppe, die Konflikten nicht aus dem Weg geht und sagt: Das mache ich zur Not auch mit dem Messer", sagt Malchow. In Problemstadtteilen spiele das eine größere Rolle als in bürgerlichen Gegenden. Ob möglicherweise junge Männer aus eingewanderten Familien eine größere Rolle spielten, wisse er nicht. "Aber unabhängig davon muss klar sein: Es geht hier nicht um Männlichkeitsrituale, sondern um Straftaten."

Der Bielefelder Jugendrichter Carsten Nabel sagte im vergangenen Jahr der "Neuen Westfälischen": "Möglicherweise haben Jugendliche heute häufiger als früher ein Messer dabei, das dann auch aus nichtigen Anlässen eingesetzt wird. Das kommt meiner Ansicht nach - bei aller Vorsicht - heute häufiger vor."


Messer sind billig, unauffällig, lebensgefährlich
 

Messer sind überall zu kaufen und leicht zu verstecken. Küchenmesser gibt es für ein paar Euro im Haushaltsladen. Beliebter bei jungen Männern sind Klappmesser, die in jede Hosentasche passen und im Internet oder Waffengeschäften angeboten werden. Der Laden "Soldier of Fortune" in Berlin-Neukölln wirbt mit dem Satz: "Der kalte Stahl hat eine faszinierende Wirkung auf viele Menschen." Neben Schreckschuss- und Gaspistolen, Macheten und Schwertern werden Hunderte Jagdmesser, Wurfmesser, Taschenmesser und Klappmesser angeboten - das billigste Modell kostet 2,50 Euro.


Gibt es wirklich mehr Messerangriffe in Deutschland?
 

Zahlreiche einzelne Messerangriffe und eine große Verbreitung der Waffen ergeben aber noch keinen statistischen Trend. Anders als Schusswaffen werden Messer als Tatwaffe in den meisten Statistiken der Polizei in den Bundesländern und beim Bundeskriminalamt (BKA) nicht erfasst. Eine Ausnahme ist die Berliner Kriminalpolizei. Seit 2008 führt sie das "Tatmittel Messer" bei den Delikten Mord, Totschlag, Sexualtaten, Raub sowie gefährliche und schwere Körperverletzung in der jährlichen Kriminalstatistik auf.

Die Zahlen zeigen aber keineswegs eine deutliche Zunahme. 2008 gab es knapp 2500 in Berlin erfasste Taten, bei denen ein Messer eine Rolle spielte. In den nächsten Jahren waren es mal rund 2400 Taten, dann stieg die Zahl auf 2700 und sank wieder auf ungefähr 2600 Taten. 2017 wurden 2737 Fälle erfasst. Nicht in allen Fällen stach ein Täter zu, oft ging es auch um Drohungen mit einem Messer.

Andere Bundesländer reagierten jetzt. Niedersachsen will den Einsatz von Stichwaffen bei Verbrechen schnell in die Kriminalstatistik aufnehmen. Nordrhein-Westfalen hat das für 2019 angekündigt.


Gesetze: Messer-Verbote gibt es seit 2003
 

Die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung durch junge Männer mit Messern ist allerdings kein neues Thema. Schon 2003 wurden sogenannte Butterflymesser und Springmesser, bei denen die verborgene Klinge herausklappt oder -springt, verboten. Seit 2008 ist es nicht mehr erlaubt, Messer in der Öffentlichkeit bei sich zu tragen, die man mit einer Hand ausklappen kann (Einhandmesser) oder die eine feste Klinge mit mehr als zwölf Zentimetern Länge haben. Ausnahmen gelten für Angler, Grillfreunde und Köche.

Gesetze sind allerdings das eine, das Durchsetzen das andere. Gerade junge Männer, die zu Imponiergehabe neigen, lassen sich von einem Verbot bestimmter Messer kaum abschrecken. Abgesehen davon fallen eben ganz normale Klappmesser unter keine Beschränkung. Eine tödliche Waffe sind sie trotzdem.


Diese tödlichen Messerattacken sorgten für Schlagzeilen

 

  • Kandel, Dezember 2017: Ein Mädchen (15) wird in einem Drogeriemarkt in dem rheinland-pfälzischen Ort erstochen. Ihr angeblich gleichaltriger Ex-Freund kommt unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Ein Gutachter stellt fest, dass der afghanische Flüchtling wahrscheinlich etwa 20 Jahre alt ist.
  • Lünen, Januar 2018: Ein 14-Jähriger wird an einer Gesamtschule am Rande des Ruhrgebiets mit Messerstichen in den Hals getötet. Der ein Jahr ältere mutmaßliche Täter soll sich durch Blicke provoziert gefühlt haben. Beide sind Deutsche. Der 15-Jährige kommt wegen Mordverdachts in U-Haft.
  • Dortmund, Februar 2018: Eine 15-Jährige erleidet bei einem Streit mit einer 16-Jährigen auf einem Parkdeck so schwere Stichwunden, dass sie stirbt. Die Tatwaffe soll ein Butterfly-Messer gewesen sein. Die Deutschen sollen sich gut gekannt haben, die Verdächtige kommt in U-Haft.
  • Berlin, März 2018: Eine Verabredung zweier Jugendlicher im Ortsteil Alt-Hohenschönhausen endet tödlich: Ein 15-Jähriger ersticht seine ein Jahr jüngere Mitschülerin in ihrer Wohnung. Die Mutter findet die Tochter, sie kann nicht gerettet werden. Der verdächtige Deutsche gesteht die Tat, die Staatsanwaltschaft erlässt Haftbefehl.
  • Flensburg, März 2018: Eine 17-Jährige wird in ihrer Wohnung mit mehreren Messerstichen getötet, ihr 18-jähriger Freund festgenommen. Der aus Afghanistan stammende Asylbewerber kommt wegen Verdachts auf Totschlag in Untersuchungshaft. Beide wurden vom Jugendamt betreut.


    Deutsche Polizeigewerkschaft fordert höhere Strafen
     

    Angesichts wiederholter Messerattacken fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG), gezielte Stiche gegen andere Menschen als versuchtes Tötungsdelikt einzustufen und nicht nur als gefährliche Körperverletzung. "Damit kann sofortige Untersuchungshaft angeordnet werden und im Falle, dass die Tat von einem Flüchtling ausging, auch eine konsequente Abschiebung erfolgen", teilte die DPolG auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Hier müsse die neue Justizministerin Katarina Barley (SPD) tätig werden.


    DPolG fordert: "Mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe"
     

    Aus Sicht der DPolG sollten Attacken mit Messern und ähnlichen Gegenständen ein Verbrechenstatbestand mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe sein. Aktuell würden Messerstiche "immer noch als gefährliche Körperverletzung gewertet". Dafür gebe es zwar eine Höchststrafe, aber eben keine Mindeststrafe. Erst wenn jemand getötet wurde, werde die Tat als Totschlag oder Mord bewertet. "Und das ist falsch, denn es ist purer Zufall, ob nach einem Messerstich jemand tot ist oder nicht."


    Messer-Straftaten bundesweit erfassen
     

    Die DPolG macht sich zudem - ebenso wie die konkurrierende Gewerkschaft der Polizei (GdP) - dafür stark, mit Messern begangene Straftaten bundesweit zu erfassen, um ein besseres Lagebild zu erhalten. Die GdP spricht von "offenbar" zunehmenden Messerattacken in Deutschland, einen Beleg dafür gibt es mangels bundesweiter Statistik aber nicht. In den vergangenen Monaten kam es in Deutschland mehrfach zu tödlichen Messerattacken unter Jugendlichen oder jungen Erwachsenen.
    "Messer sind leicht verfügbar, schnell zu besorgen und leicht zu transportieren und werden insbesondere von jungen Männern gebraucht", erläuterte die DPolG. "Es genügt die kleinste Auseinandersetzung, da wird das Messer schon gezückt." Die DPolG sprach davon, dass die Zahl junger männlicher Migranten unter den Messerangreifern "auffallend" sei.


    YouGov-Umfrage: Hohes Risiko für Jugendliche, Opfer einer Messerattacke zu werden
     

    Junge Leute laufen nach Meinung jedes zweiten Erwachsenen Gefahr, in Deutschland Opfer einer Messerattacke zu werden. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hervor. Demnach gehen 50 Prozent der Befragten im Alter von mindestens 18 Jahren davon aus, dass junge Menschen ein hohes oder sogar sehr hohes Risiko haben, mit dem Messer angegriffen zu werden. Dagegen stehen 41 Prozent, die dieses Risiko als gering oder sehr gering einschätzen.
    Ob die Einschätzungen der Befragten angesichts der tatsächlichen Entwicklung gerechtfertigt sind, lässt sich aktuell kaum sagen. Anders als zum Gebrauch von Schusswaffen gibt es zum Einsatz von Messern keine bundesweite Statistik. Nach Beobachtung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) haben Angriffe mit dem Messer "offenbar" zugenommen. Solche Attacken kamen in jüngster Zeit wiederholt in die Schlagzeilen, oft waren Jugendliche oder junge Erwachsene sowohl unter den Opfern als auch unter den Tatverdächtigen.


    "Im Durchschnitt sieben Messerattacken an einem Tag"
     

    Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen will ab 2019 Gewalttaten mit Messern statistisch erfassen. Auch Niedersachsen will künftig den Einsatz von Stichwaffen in die Kriminalstatistik aufnehmen. Für die Bundeshauptstadt Berlin liegen bereits Zahlen vor: Im vergangenen Jahr wurden hier nach Senatsangaben 2737 Fälle mit Messern als Tatmittel erfasst. Die DPolG spricht daher von "im Durchschnitt sieben Messerattacken an einem Tag".

    Bei den 2737 Fällen in Berlin handelte es sich um Straftaten gegen das Leben (etwa Mord und Totschlag) sowie um Sexual- und Rohheitsdelikte (etwa Körperverletzung und Raub). Nicht in jedem Fall handelte es sich um eine Messerattacke im engeren Sinne, sondern die Zahl umfasst auch Drohungen. In den letzten zehn Jahren schwankte diese Zahl ungefähr zwischen 2400 und 2700. In den Jahren 2015 und 2016 waren es jeweils rund 2600 Fälle mit Messern als Tatmittel.


    "Es genügt die kleinste Auseinandersetzung"
     

    Bei 1828 der 2737 Taten im vergangenen Jahr konnten Verdächtige ermittelt werden. Darunter waren in 560 Fällen Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende, wie es von der Berliner Innenverwaltung heißt. Die DPolG sagt, Messer würden "insbesondere von jungen Männern gebraucht". "Es genügt die kleinste Auseinandersetzung, da wird das Messer schon gezückt." Sie seien "leicht verfügbar, schnell zu besorgen und leicht zu transportieren".


    Polizei: "Es gibt keinen Grund, Waffen mitzuführen"
     

    Die Dortmunder Polizei mahnte kürzlich in einem unter anderem bei Facebook verbreiteten Appell an Eltern, mit Kindern über das Thema zu sprechen. "Es gibt keinen Grund, Waffen mitzuführen, weder in der Schule, noch in der Freizeit!", hieß es in dem Schreiben. Anlass waren zwei tödliche Attacken in Dortmund und im benachbarten Lünen. In Lünen soll ein 15-jähriger Deutscher einen ein Jahr jüngeren Mitschüler erstochen haben, und in Dortmund kam nach dem Tod einer 15-Jährigen ein 16-jähriges deutsches Mädchen in U-Haft.

    Großes Entsetzen gab es außerdem, als tödliche Messerattacken bekannt wurden, die nach Erkenntnissen der Ermittler von jungen Flüchtlingen ausgingen - so in Kandel (Rheinland-Pfalz) und in Flensburg (Schleswig-Holstein), in beiden Fällen waren Mädchen die Opfer.


    Polizeigewerkschaft: "Dann sind sie hinterher alle bewaffnet"
     

    Ob unter Messerangreifern in Deutschland überdurchschnittlich viele Migranten vertreten sind, lässt sich mangels Statistik ebenso schwer beantworten wie die Frage, ob solche Attacken bundesweit tatsächlich zugenommen haben. Von der DPolG heißt es: "Die Zahl junger männlicher Migranten unter den Angreifern mit einem Messer ist auffallend." So brächten junge Araber aus ihrer Heimat die Vorstellung mit, dass es weder ungewöhnlich noch schlimm sei, ein Messer bei sich zu haben. "Der eine Jugendliche guckt es sich beim anderen ab und dann sind sie hinterher alle bewaffnet."

    Die DPolG fordert, "dass gezielte Messerstiche gegen einen anderen Menschen als versuchtes Tötungsdelikt eingestuft werden und nicht nur als gefährliche Körperverletzung". Damit könne sofortige Untersuchungshaft angeordnet werden und bei Flüchtlingen "eine konsequente Abschiebung erfolgen". Die Konkurrenz-Gewerkschaft GdP hält sich bei der Frage nach Strafverschärfungen oder nach weitergehenden Verboten bedeckt. GdP-Chef Malchow macht sich für eine Grundsatzdebatte stark: "Wir müssen die Frage stellen, warum sich gerade oft junge Menschen mit einem Messer bewaffnen. (...) Dort müssen wir ansetzen."


    Messerverbote: Lassen sich Messer kontrollieren?
     

    Wie aus der YouGov-Umfrage im Auftrag der dpa hervorgeht, sind fast vier von fünf Befragten skeptisch, ob sich Verbote bestimmter Messertypen überhaupt kontrollieren lassen. 78 Prozent von ihnen sagten, die Kontrollmöglichkeiten seien gering oder sogar sehr gering. Nur insgesamt 12 Prozent gingen von hohen oder sehr hohen Möglichkeiten aus, Messerverbote zu kontrollieren. Die übrigen Befragten machten keine Angaben oder antworteten mit "weiß nicht".