Wiesbaden
Fall Susanna F.

Ali B. älter als zuerst angenommen? Neue Erkenntnisse zu mutmaßlichem zweiten Opfer

Ali B. soll die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und umgebracht haben. Inzwischen gibt es Hinweise auf ein weiters mutmaßliches Opfer. Und: Der irakische Flüchtling war zum Tatzeitpunkt vermutlich älter als angegeben. Das könnte erhebliche Folgen haben.
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Der mutmaßliche Mörder der 14-jährigen Susanna, Ali B., war zum Tatzeitpunkt vermutlich älter als angegeben.


Keine Verurteilung nach Jugendstrafrecht möglich?

Die ergebe sich unter Vorbehalt aus Informationen des irakischen Generalkonsulats in Frankfurt am Main, sagte Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn am Dienstag in Wiesbaden. Für Ali B. könnte das bei einem kommenden Gerichtsverfahren bedeuten, dass er nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden kann.

Der irakische Flüchtling wird verdächtigt, die 14-jährige Susanna in Wiesbaden vergewaltigt und getötet zu haben. Nach einer Flucht in den Irak war er am Samstag im Beisein von Bundespolizisten mit dem Flugzeug wieder nach Deutschland gebracht worden. Bei seiner Vernehmung gestand er, das aus Mainz stammende Mädchen umgebracht zu haben, bestritt aber eine Vergewaltigung. Er sitzt in Frankfurt in Untersuchungshaft.


Informationen zum Alter noch unter Vorbehalt

Nach einer mündlichen Auskunft des irakischen Generalkonsulats in Frankfurt sei Ali B. im März 1997 geboren und nicht wie zunächst angenommen im November 1997, sagte der Staatsanwalt. Dem Konsulat lägen entsprechende Ausweisdokumente vor. Da diese Informationen der Staatsanwaltschaft noch nicht schriftlich vorlägen und noch nicht überprüft worden seien, seien sie noch unter Vorbehalt.

Stimmt die Auskunft, wäre der Iraker zum Zeitpunkt der ihm zur Last gelegten Tat bereits 21 Jahre alt gewesen. Dies hätte "für ihn erhebliche Folgen für das Verfahren", sagte der Staatsanwalt. Ali B. könne dann nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. In diesem Fall müsste er mit einer erheblich schwereren Strafe rechnen.


Weiteres Opfer von Ali B.?

Bei den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Mörder sind die Angaben zur Staatsangehörigkeit eines weiteren mutmaßlichen Opfers korrigiert worden.


Eine Elfjährige, die nach eigenen Angaben im März von einem Mann aus Ali B.s Unterkunft vergewaltigt worden war, sei Deutsche, sagte ein Sprecher der Wiesbadener Staatsanwaltschaft am Montagabend. Bislang war angenommen worden, das Mädchen sei ebenfalls ein Flüchtling.

Grundlage waren Äußerungen des Wiesbadener Polizeipräsidenten Stefan Müller vom vergangenen Donnerstag gewesen. Darüber hatten zuerst die "Zeitungen der VRM" berichtet.

 

Müller hatte gesagt, der Name Alis B.s sei auch im Zusammenhang mit der Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens aus der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim gefallen. Das Opfer habe angegeben, von einem Mann namens Ali aus der Unterkunft vergewaltigt worden zu sein. Die Hinweise hätten sich aber nicht erhärten lassen. Es habe keine Gründe für eine Inhaftierung gegeben.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, es gehe um einen nicht bewiesenen Vorwurf. Demnach war der Fall, der sich im März zugetragen haben soll, erst im Mai bekanntgeworden worden. Der Hinweis sei nicht von der Elfjährigen selbst, sondern von den Eltern gekommen. "Die Geschichte krankt bisher daran, dass wir keine Aussage von ihr haben, weil sie keine Angaben macht." Das erschwere die Aufarbeitung massiv.

 

 


Keine Voraussetzungen für Haftbefehl gegen Ali B.

Die Voraussetzungen für einen Haftbefehl für Ali B. seien nicht vorhanden gewesen. Den Polizeipräsidenten nahm der Sprecher in Schutz. Mit Sicherheit habe es sich bei seiner Aussage nicht um Bosheit oder einen Trick gehandelt. "Das würde keinen Sinn machen."

 

 


Staatsanwaltschaft sieht keine Versäumnisse bei Polizei

Trotz der neuen Details und Kritik von Seiten der Mutter von Susanna sieht die Staatsanwaltschaft keine Versäumnisse in der Ermittlungsarbeit der Wiesbadener Polizei. "Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, dass sich die Polizei nicht richtig verhalten hat", sagte Oberstaatsanwältin Christina Gräf am Dienstag in Wiesbaden.

Die Prüfung der Polizeiarbeit sei am Rande auch Gegenstand der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in dem Fall. Sie könne sich aber nur zu der Arbeit der Polizei Wiesbaden und nicht zu Mainz äußern, sagte Gräf.

Ali B. wird verdächtigt, Susanna am Abend des 22. Mai oder in der darauffolgenden Nacht vergewaltigt und umgebracht zu haben. Am Tag darauf meldete die Mutter die Schülerin in ihrem Wohnort Mainz als vermisst. Am 29. Mai sagte eine Bekannte von Susanna der Mutter, dass ihre Tochter tot sei und ihre Leiche an einem Bahngleis in Wiesbaden liege. Am 30. Mai übernahm die Polizei Wiesbaden dann federführend die Ermittlungen von ihren Kollegen aus Mainz. Am 6. Juni wurde Susannas Leiche gefunden. Ali B. war bereits einige Tage zuvor mit seiner Familie in den Irak geflohen.

 

 


Hätte die Leiche schneller gefunden werden können?

Der Fall Susanna sorgt deutschlandweit für Aufsehen, auch Kritik an der Ermittlungsarbeit der Polizei wurde laut. Zu den Fragen gehört unter anderem, ob die Polizei die Leiche schneller hätte finden können, wenn sie direkt umfassender nach dem Mädchen gesucht hätte. Dann hätte unter Umständen die Flucht von Ali B. verhindert werden können, und die Ermittler hätten an der Leiche noch aussagekräftigere Spuren sichern können.

 

Foto: Hasan Bratic/dpa