Laden...
Kulmbach
Politik

Björn Höcke spaltet Kulmbach

Ausnahmezustand in Kulmbach. Vor der Halle demonstrierte am Freitagabend die gesellschaftliche Mehrheit. Drinnen attestierte der umstrittene AfD-Politiker Björn Höcke seinen Anhängern "Mut" und "Zivilcourage".
Artikel drucken Artikel einbetten
Björn Höcke in der Halle, ...
Björn Höcke in der Halle, ...
+1 Bild

Wer zu Björn Höcke wollte, musste sich zuerst noch als "Nazi, Nazi" schmähen lassen. Aber nein, er fühle sich von den Demonstranten nicht angesprochen, sagte ein Mann am Eingang der Kulmbacher Dr.-Stammbergerhalle. Er wolle sich heute Abend ein Bild von Höcke machen, das müsse doch erlaubt sein: "Aber von Meinungsfreiheit haben die da drüben wohl noch nix gehört."

"Die da drüben" auf dem Eku-Platz demonstrierten mit Fahnen, Plakaten und Gesängen gegen den Besuch des umstrittenen AfD-Politikers. Auf knapp 1000 schätzte die Polizei ihre Zahl. Vorne am Absperrgitter ein Mann und seine Frau. Beide tief in ihren Sechzigern, beide weiß Gott keine Profis im zivilgesellschaftlichen Widerstand: "Das letzte Mal auf einer Demo waren wir wegen Hartz IV", sagte die Frau. "Jetzt haben wir wieder Angst um das Land", sagte ihr Mann. Alles Nazis also, die an ihnen vorbei zu Höcke laufen? Nein, nicht alle, sagte der Mann: "Aber Höcke, der schon."

Brüder im Geiste

Drinnen in der mit 300 Menschen schnell bis auf den letzten Platz besetzten Halle: mehr Männer als Frauen, mehr Alte als Junge, mehr Funktionsjacken als Sakkos.

Höcke zu Besuch in Kulmbach, das ist besonders nach der unerhörten Begebenheit im Thüringer Landtag ein Coup für den AfD-Kreisvorsitzenden Georg Hock: "Wir haben Höcke wohl exklusiv in Bayern." Hock und Höcke: Sie kennen einander, sie schätzen einander. Beide sind Brüder im Geiste, als Unterzeichner der "Erfurter Erklärung" gehören sie dem völkischen "Flügel" an. Dass die Einladung des AfD-Rechtsauslegers im Kampf um das Kulmbacher Rathaus bürgerliche Wähler verschrecken könnte, glaubt Hock nicht. Für ihn ist bereits die Frage falsch gestellt: "Höcke ist doch ein bürgerlicher Politiker."

In Wahrheit dürfte Hock nichts so sehr fürchten wie den Tag, an dem kein Gegendemonstrant mehr eine AfD-Veranstaltung säumt. Instinktsicher nutzte Hock deshalb auch den emotionalen Ausbruch einer im Saal sitzenden AfD-Gegnerin, um die Gegner für ihre mutmaßlich Intoleranz zu geißeln.

Die AfD will ein Kult des heroischen Außenseitertums sein. "Mut zur Wahrheit" prangte auf einem Plakat über der Bühne. Ungezählte Male sprachen Höcke und seine Vorredner vom Kampf für die "Meinungsfreiheit" und vom "Mut" und der "Zivilcourage", die es koste, sich zur AfD zu bekennen.

Mit den vom Band eingespielten "Born to be wild" und "Another brick in the wall" vereinnahmte die AfD am Freitag sogar zwei Hymnen der antiautoritären Linken für ihre eigene Selbststilisierung. Die Revolutionäre und Unangepassten, das sind jetzt wir: Das ist das Versprechen der AfD an ihre Anhänger.

Das in den Worten Höckes "regenbogenfarbige One-World-Establishment", das sind alle anderen: die Demonstranten, draußen auf dem Eku-Platz. Die Medien, die sich zu Propaganda-Agenturen der Kanzlerin erniedrigt hätten. Die politische Konkurrenz, die er auch in Kulmbach als "Altparteien" verlachte.

Und die anderen, das sind in den Augen Höckes in besonderem Maße auch die beiden Kirchen. Zwischen 19.33 und 19.45 Uhr läuteten am Freitag in der Kulmbacher Innenstadt die Kirchenglocken, was als Jahreszahlen gedacht an den Beginn und das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern sollte.

Angriffe auf die Amtskirchen

Für diese Form der historischen Einordnung rächte sich Höcke mit "Hieben gegen die Amtskirchen". Ihnen unterstellt Höcke einen "Pakt mit dem Zeitgeist". Er denunzierte sie als profitgesteuerte Nutznießer der Flüchtlingskrise: "Was braucht man schon eine Autoindustrie, wenn man eine florierende Asylindustrie hat?"

Eine gute Stunde lang sprach Höcke in Kulmbach. Er lieferte, was die meisten in der Halle für Klartext eines besorgten Patrioten halten dürften und mit den Demonstranten auf dem Eku-Platz auch politische Gegner und zahlreiche Historiker für die verbale Aggression eines völkischen Nationalisten.

Angriffe gegen die Person der Kanzlerin im Allgemeinen und ihre Flüchtlings- respektive Energiepolitik im Besonderen variierte Höcke mit Spottreden auf Greta Thunberg und hämische Grüße an die "anwesenden Verfassungsschützer". Diese überwachen laut Medienberichten Höcke inzwischen auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln.

In gut 60 Minuten wiederholte Höcke im Grunde nur das, was mit den AfD-Frauen Linda Amon, Birgit Bessin sowie dem Kulmbacher OB-Kandidat Hagen Hartmann seine Vorredner so oder so ähnlich bereits ausgesprochen hatten.

Dass sie so klangen wie - rhetorisch gleichwohl minderbegabte - Klone, muss als Indiz von Höckes innerparteilicher Bedeutung gewertet werden.

Höcke in der Schleusenzeit

Wenn Höcke von Deutschland sprach, dann in grellen Schlaglichtern wie "Irrenhaus", "Kartell", "Idioten" und "Putsch". Das Land wähnt er in einer Schleusenzeit. So nennt die Trauerforschung jene Spanne zwischen dem Tod eines Menschen und seiner Bestattung.

"Schleusenzeit (für Björn Höcke)" heißt auch ein Essay, den der rechte Publizist Götz Kubitschek 2016 veröffentlicht hat. Von drei Politikertypen ist darin die Rede, die in der Schleusenzeit um die Herrschaft ringen. Nur der dritte Typus wolle "eine echte Alternative formulieren und durchsetzen". Worin diese liegen könnte, schreibt Kubitschek nicht. Aber nur dem dritten Typus sei das "Establishment (...) herzlich egal". So und nicht anders sieht sich Höcke selbst. So und nicht anders sehen ihn auch seine Anhänger. Mit "Höcke, Höcke"-Rufen hatten ihn die Besucher in Kulmbach begrüßt, mit "Höcke, Höcke"-Rufen verabschiedeten sie ihn.

Als sie die Halle verließen, harrten ihrer vielleicht noch 20 Demonstranten. "Ihr könnt nach Hause gehen", riefen sie. Dass taten die Höcke-Gäste. Unbehelligt, an höflichen Polizisten vorbei. Entgegen anders lautenden Gerüchten war die Meinungsfreiheit an diesem nasskalten Abend vollkommen intakt.