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Gesellschaft

Bis dass der Tod uns scheidet: Wie es um die Ehe in Deutschland bestellt ist

Die Zahl der Scheidungen in Deutschland geht zurück. Und die Ehen halten länger. Das klingt gut. Doch die Statistik ist nur die halbe Wahrheit.
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Die Hochzeit ist für viele der schönste Tag des Lebens - und die Ehe ist wieder "in". Foto: dpa/Archiv
Die Hochzeit ist für viele der schönste Tag des Lebens - und die Ehe ist wieder "in". Foto: dpa/Archiv
Seit 2003, als mit 213 975 Ehescheidungen ein neuer Höhepunkt erreicht wurde, gehen die Scheidungszahlen in Deutschland kontinuierlich zurück. 2016 wurden noch 162 397 Ehen geschieden. Dennoch scheitert immer noch jede dritte Ehe. Es handelt sich lediglich um einen Rückgang auf hohem Niveau.

Zudem leben immer mehr Paare ohne Trauschein zusammen. Fast drei Millionen sind es inzwischen. Heute unvorstellbar: Noch bis 1970 konnten in der Bundesrepublik Vermieter bestraft werden, die eine Wohnung an Unverheiratete vermieteten. Doch was selbst bis in die frühen 80er hinein einst als "wilde Ehe" verpönt wurde, ist längst Normalität geworden. Trennen sich diese, dann gehen sie natürlich nicht in die Statistik ein. Wer nicht verheiratet ist, kann nicht geschieden werden.

Was die Statistiker zudem nicht erfassen können, sind die Paare, die getrennt leben, sich aber - aus welchen Gründen auch immer - nicht scheiden lassen. Oder diejenigen, die zwar noch zusammenleben, aber schon längst kein Paar mehr sind, sondern ein gut funktionierendes Kinderbetreuungsteam.

"Oft wird den Kindern zuliebe mit der Scheidung gewartet", erläutert Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung der Universität Bamberg. Dies könnte auch der Grund sein, warum die durchschnittliche Ehedauer, die Anfang der 90er Jahre noch bei 11,5 Jahren lag, mittlerweile auf 15 Jahre gestiegen ist. Nicht außer Acht gelassen werden sollte ferner, dass in unserem Land viele Menschen mit einem kulturellen und religiösen Hintergrund leben, in dem eine Trennung auch heute noch unvorstellbar ist - insbesondere, dass eine Frau diesen Schritt geht.


Suche nach der Schuld

Es ist noch gar nicht so lange her, dass auch die deutsche Gesellschaft von einer solchen Haltung geprägt war. Bis vor 30 Jahren war die Trennung einer Ehe nur bei Feststellung der Schuld eines Ehepartners oder beider Ehepartner möglich. Wem die alleinige Schuld zugesprochen wurde, der hatte keine Chance, das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder zu erhalten. Schuldhaft geschiedene Frauen konnten auch keinen Unterhalt einfordern.

Um einen Schuldspruch zu vermeiden, wurde vor Gericht gelogen, getrickst und verleumdet. Inzwischen, da ein Drittel der Ehen scheitern, sind Trennung und Scheidung gesellschaftliche Normalität. Alleinerziehende, Patchwork, Lebensgemeinschaften - in Jahrzehnten sind die Familienmodelle vielfältiger geworden. Die gesellschaftliche Akzeptanz dafür wächst, das zeigt die Diskussion um die "Ehe für alle" oder das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Ehen. Was vor Jahren noch auf erheblichen Widerstand stieß, findet heute selbst in konservativen Kreisen zumindest keine völlige Ablehnung mehr.

Hingegen hält die katholische Kirche an der Ehe auf Lebenszeit fest. Weil die kirchliche Ehe ein Sakrament ist und damit als heilig gilt, ist sie nach Ansicht der Amtskirche unauflösbar. Daher lehnt sie Scheidungen bis heute strikt ab und verweigert Geschiedenen die Eucharistie. Längst lassen sich aber weder gläubige Christen und manchmal weder katholische Religionslehrer noch Priester vom Katechismus davon abhalten, dem Ruf ihrer Herzen zu folgen. Katholiken lassen sich, das zeigt die Statistik, insgesamt nicht weniger häufig scheiden als Protestanten.


Immer aufwändigere Hochzeiten

Gleichzeitig mit dem Rückgang der Scheidungszahlen nimmt seit einigen Jahren die Zahl der Eheschließungen wieder zu. Erstmals seit 15 Jahren gaben 2015 wieder über 400 000 Menschen dem Partner das Ja-Wort. Heiraten ist wieder "in". Es hat sich sogar eine regelrechte Hochzeitsbranche entwickelt, die gut davon lebt.

Denn der "Bund fürs Leben" wird immer aufwändiger zelebriert: In einem Jahr die standesamtliche, im Jahr darauf die kirchliche Hochzeit, vorneweg zuweilen noch die Verlobung, jedes Mal eine romantische Reise, dazwischen minutiöse Planungen für die Feierlichkeiten. Aus dem "Honeymoon" sind inzwischen jahrelange Inszenierungen des beiderseitigen Glücks geworden.

Heute käme niemand auf die Idee, jemanden zu heiraten, dem er sich nicht eng verbunden fühlt. Doch der Anspruch, die beiden Partner sollen sich das ganze Leben lang lieben, achten und ehren sollen, steht in der modernen Gesellschaft in einem ständigen Spannungsverhältnis zu einem anderen gesellschaftlichen Ideal, nämlich dem der lebenslangen persönlichen Selbstverwirklichung. Als glücklich gilt der, der seine Wünsche verwirklichen kann. Dieser Hedonismus gerät aber leicht in Konflikt mit den Erfordernissen von Beruf, Partner und - falls vorhanden - Kindern. Die Paare, die es schaffen, alle Hürden zu umschiffen, können stolz sein. Doch auch ihnen bleibt - bei natürlichem Lebenslauf - letztlich das lebenslange Glück verwehrt. Denn am Ende scheidet sie der Tod.
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