Das spanische Königreich sei ein touristischer Magnet, der immer mehr Menschen anziehe, freute sich dieser Tage der konservative Regierungschef Mariano Rajoy. "Spanien besucht man nicht nur, sondern nach Spanien will man immer wieder zurückkehren." Und diese Spanien-Liebe, die von Rajoy beschworen wird, sorgt derzeit für immer neue Touristen-Rekorde. Aber auch für zunehmende Spannungen.

In den ersten sechs Monaten des Jahres wuchs die Zahl der internationalen Urlauber schon wieder zweistellig, und zwar gegenüber dem Vorjahr um nahezu zwölf Prozent. Wenn dieser spektakuläre Trend bis Dezember anhält, könnten - der offiziellen Schätzung zufolge - bis Ende Dezember 84 Millionen internationale Urlauber das spanische Sonnenreich besucht haben.

Ein sagenhafter Boom, mit dem Spanien seine Stellung als europäische Tourismusmacht kräftig ausbaut. Und mit dem die Iberer es bald schaffen könnten, zum Konkurrenten Frankreich aufzuschließen. Frankreich war bisher das meistbesuchte Land der Welt, sein Tourismus wächst aber nach den Terroranschlägen in Paris und Nizza nicht mehr wie früher.


Begrenzte Aufnahmefähigkeit

Spanien, das in den letzten Jahren vom Terror verschont blieb und deswegen derzeit als vergleichsweise friedliches Ziel gilt, platzt derweil aus allen Nähten. Hotels wie private Unterkünfte sind diesen Sommer ausgebucht. Daran hat auch der üppige Anstieg der Zimmer- und Apartmentpreise wenig geändert. Doch der Ansturm schafft zugleich immer mehr Probleme und sorgt für das Gefühl, dass Spaniens Aufnahmefähigkeit langsam an seine Grenzen stößt.


Handtuchkrieg an den Stränden

An den Stränden der touristischen Hochburgen an der Costa Brava, auf Mallorca und Teneriffa aalen sich jetzt so viele Sonnenanbeter, dass sie kaum den Arm ausstrecken können, ohne nicht den Nachbarn zu berühren. Liegen an den Pools und Playas sind hart umkämpft und nur für Frühaufsteher zu haben; Hoteliers und Strandwächter klagen über "Handtuchkriege" zwischen den Feriengästen, um ein freies Plätzchen an der Sonne zu ergattern. Mancherorts demonstrieren Einheimische schon gegen den Massentourismus. An Fassaden in etlichen Touristenhochburgen tauchten diesen Sommer erneut, wie schon im Vorjahr, urlauberfeindliche Parolen auf. "Tourist go home" prangt etwa auf einigen Wänden in den Altstädten Barcelonas, Valencias und San Sebastians. In Palma de Mallorca, wo immer mehr Wohnraum in Ferienapartments verwandelt wird, liest man derweil an Fassaden den Spruch "Stop Airbnb".

Die Spannungen scheinen sich zu verschärfen. Den schon länger zu hörenden Protesten von Bürgerinitiativen verschaffte nun eine kleine Radikalengruppe mit aggressiven Aktionen neue Aufmerksamkeit: Mitglieder einer radikalen linken Jugendorganisation namens Arran stürmten jüngst ein Restaurant am Hafen Palmas und riefen im voll besetzten Speisesaal Parolen wie "Der Tourismus tötet Mallorca". Im nicht weniger brodelnden Barcelona stoppten vermummte Extremisten derselben Gruppe einen Touristenbus und zerstachen dessen Reifen.

Doch auch die zunehmenden Berichte über eine wachsende Tourismus-Phobie in den Urlaubshochburgen konnten den Spanienboom bisher nicht bremsen: Trotz Brexit sind es vor allem die Briten, welche ins Land kommen und mit annähernd 25 Prozent der Auslandsgäste das größte Urlauberheer in Spanien stellen. Gefolgt von den Deutschen, die mit etwa 15 Prozent das zweitstärkste Besucherkontingent stellen, an dritter Stelle liegen die Franzosen.


Ein Land der Kellner?

Bemerkenswert ist dabei, dass jede dieser großen Besuchernationen ein anderes Lieblingsziel auserkoren hat: Die britischen Urlauber beherrschen die Kanarischen Inseln, die Deutschen zieht es vor allem auf die Balearen mit Mallorca, die Franzosen tummeln sich am liebsten auf der anderen Seite der Pyrenäengrenze an der Costa Brava und Costa Dorada.
Für Spaniens Konjunktur ist dieser Andrang ein Segen. Auf dem immer noch schwierigen Arbeitsmarkt sorgen die Urlaubermassen für Beschäftigungschancen - obwohl die spanische Arbeitslosenquote mit 17 Prozent immer noch sehr hoch ist. Angesichts der Tatsache, dass die meisten neuen Arbeitsplätze im Tourismussektor geschaffen werden, sprechen spanische Medien immer öfter davon, dass Spanien zunehmend "ein Land der Kellner" werde.

Von Ralph Schulze