Mit Ludwig van Beethovens IX. Sinfonie das alte Jahr zu beenden und in das neue hinüberzuleiten - zumal in das Beethoven-Jahr 2020 - ist auch in Bamberg eine gute Tradition. Und trotzdem war in diesem Jahr manches anders.

Alleine schon das seltene Phänomen einer Frau am Dirigentenpult! Man vergisst gerne, dass die Französin Nathalie Stutzmann zunächst Dirigieren bei Jorma Panula in Helsinki studierte. Ihre Gesangsausbildung, die ihr internationale Aufmerksamkeit brachte, was ihr Dirigieren lange in den Hintergrund drängte, begann sie erst einiges später. Man durfte gespannt sein auf ihren Zugang zu dem großen Monolithen der Musikgeschichte. Und man konnte mit einem Schmunzeln feststellen - weil die Feststellung natürlich nicht korrekt ist: wie eine dirigierende Frau. Denn man konnte wieder einmal feststellen, dass Dirigentinnen - auch den wenigen, die schon in Bamberg waren - musikalisches Pathos, das auch auf sie selbst strahlt, gerne vermeiden. Das ist eher Männersache.

Ihr ging es erkennbar um die Inhalte. Sie dachte die Sinfonie vom Ende her, stellte - ebenso überraschend wie plausibel - die Frage an den Anfang: Warum fordert der Bass mitten im vierten Satz die Freunde plötzlich auf, "nicht diese Töne" zu singen. Sie machte mit bestechender Klarheit deutlich, dass die Sinfonie ein hochgradig auf Konflikt gebürstetes Werk ist. Sie ließ in den ersten beiden Sätzen keine Konfrontation aus, glättete oder überspielte nichts, ließ die harmonischen Brücke und den Kampf der Themen gegeneinander aus sich heraus wirken. Sie gab jeder Stimme in dieser Auseinandersetzung ihre Position und Funktion (ein Kompliment an die Kontrabässe!). So kämpferisch, so vital und farbig, so spannend hört man Beethovens Neunte wirklich nur selten. Und auch der langsame Adagio-Satz, der die Konflikte beruhigen soll, behielt im Hintergrund eine lauernde Nervosität.

Mit dem leisen Scheinschluss nach dem "Götterfunken-Thema" im vierten Satz hätte eigentlich Schluss sein können. Die Musik hätte ihren Frieden gefunden. Aber Beethoven brauchte noch eine Begründung, damit er seinen Schiller unterbringen konnte. Und so flackerten die Konflikte wieder auf in einer Vehemenz, die Nathalie Stutzmann auf die Spitze trieb, bis dem Solobassisten der Kragen platzen konnte: "Oh Freunde ...!". Jetzt konnte das Finale seinen Lauf nehmen.

Nathalie Stutzmann stand ein sehr gut abgestimmtes Solistenquartett zur Verfügung mit der Sopranistin Siobhan Stagg, der Altistin Jenniferr Johnston, dem Tenor Robin Tritschler und dem Bassisten Leon Košavic (der zu Beginn noch mit dem Stimmsitz rang). Der Symphonische Chor Bamberg, der seinen ersten großsinfonischen Auftritt hatte, sang sehr präsent und mit klaren Konturen, sogar in der schwierigen Chorfuge am Ende. Vor allem die Männer packten an, was dazu führte, dass manchmal einzelne Stimmen herausstachen. Bei den Sopranen war noch ein höchst verständliches, aber völlig unnötiges Muffensausen zu spüren. Denn Beethoven verlangt bei manchen Einsätzen gehaltene Tonhöhen, die er vielleicht abgemindert hätte, wenn er sie noch hätte hören können.