Der Etat des Kultusministeriums wurde jetzt im Nachtragshaushalt aufgestockt: um knapp 165 Millionen von 9,78 auf 9,95 Milliarden Euro.

Über Lehrermangel wird häufig geklagt - wie viele werden neu eingestellt?

Bernd Sibler: Wir haben im Nachtragshaushalt 1082 zusätzliche Stellen fürs nächste Jahr bekommen, und dann haben wir noch 480 aus dem regulären Stammhaushalt. Wir ersetzen im nächsten Schuljahr alle frei werdenden Stellen und geben über 1000 zusätzliche neu ins System, um den demografischen Wandel auszugleichen. Ziele sind, die kleinen Schulstrukturen vor Ort zu erhalten, eine Verbesserung der Qualität verwirklichen; ferner: weniger Unterrichtsausfall, eine flexible Grundschule und der Ausbau der Inklusion. Die rund 1550 Stellen sind echte Stellen, keine Mittel, sondern dauerhaft durchfinanzierte Stellen für Jahrzehnte - so lang halt ein Lehrer Lehrer ist. Keiner kann ernsthaft behaupten, dass in Bayern die Zahl der Lehrer zu gering ist. Das heißt nicht, dass wir nicht noch weitere Lehrkräfte gut gebrauchen können.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat vergangenes Jahr die Zahl von 20.000 fehlenden Lehrern veröffentlicht und gerade fordert der Philologenverband mehr Lehrer, weil vergangenes Jahr an den Gymnasien vier Prozent des Unterrichts ersatzlos ausgefallen sind.
Wie sich eine so gespenstische Zahl von 20.000 berechnet, kann ich nicht nachvollziehen. Auch der Unterrichtsausfall am Gymnasium liegt nur bei 2,9 Prozent. Im Jahr des doppelten Abiturjahrgangs - also in einer echten Sondersituation - hatten wir tatsächlich 3,9 Prozent ersatzlos ausfallenden Unterricht. Um den ersatzlosen Unterrichtsausfall an allen Schularten zu reduzieren, haben wir im Nachtragshaushalt allein 500 zusätzliche Stellen als mobile Reserve vorgesehen. Wir steigern die Lehrerzahlen kontinuierlich. Vor fünf Jahren hatten wir in den staatlichen Schulen 1,5 Millionen Schüler bei 83.000 Lehrerplanstellen. Heute haben wir etwa 1,4 Millionen Schüler bei 87.000 Lehrerplanstellen.

Wieviele Lehrer fehlen aus Ihrer Sicht?
Das bayerische Schulsystem hat eine sehr gute Qualität. Es wurde kontinuierlich ausgebaut: Ganztagsschulen, Betreuungsmaßnahmen - beim Thema Chancengerechtigkeit müssen wir weiterarbeiten, und dafür brauchen wir weitere Lehrkräfte. Trotz sinkender Schülerzahlen. Den scheinbaren Gegensatz müssen wir als Bildungspolitiker den Finanzpolitikern erklären.

Wieviele fehlen?
Es gibt keine konkrete Rechnung. Das hängt von verschiedenen Szenarien ab. Wenn Sie die gebundene Ganztagsschule exorbitant ausbauen wollen, dann brauchen Sie mehr Stellen. Wenn Sie eigenverantwortliche Schulleitungen auf den Weg bringen wollen, brauchen Sie zusätzliche Lehrkräfte. Wir müssen Schwerpunkte setzen. Der erste Punkt ist, dass wir die flexible Grundschule ausbauen wollen. Das Modell sieht vor, dass ein Schüler die Klassen 1 und 2 in einem, zwei oder in drei Jahren durchlaufen kann, um die entsprechenden Kenntnisse zu erwerben. Dafür haben wir zum nächsten Schuljahr 60 weitere Standorte vorgesehen. Die Zahl der benötigten Lehrer hängt davon ab, wie dynamisch diese Entwicklungen werden, aber wir stecken richtig viel Geld in die Schulen. Im Nachtragshaushalt haben wir rund 500 Stellen zur Abwendung des Unterrichtsausfalls vorgesehen, 250 für die Förderschulen und 60 allein dafür, die ganz kleinen Grundschulen mit 26 Schülern erhalten zu können.

Was können fränkische Schulen von Kronach bis Bad Kissingen dabei erwarten?
Die 60 Planstellen verteilen sich auf etwa 20 Landkreise. Die große Zahl steht, aber die exakte Verteilung über die Schulamtsbezirke ist noch nicht getroffen.

Eltern haben oft das Gefühl, dass Kinder zu früh eingeschult werden oder der Übertritt ans Gymnasium erschwert wird, um die kleinen Grundschulen zu erhalten.
Wenn es so wäre, wäre es grundfalsch. Punkt.

Was sollen Eltern tun, wenn sie dennoch diesen Eindruck haben?
Wenn es beim Einstieg ist: mit den Schulleitern, den Lehrern, eventuell auch mit dem Schulamt sprechen. Es wäre unverantwortlich, wenn die Entscheidung nicht nach pädagogischen Maßstäben getroffen würde und das Ziel nur darin bestünde, eine Klasse zu teilen. Ich will nicht ausschließen, dass es so etwas im Einzelfall einmal geben kann. Aber das ist nicht der Normalfall. Auch die Übertrittsquote ist in den vergangenen zehn Jahren von 32 auf 40 Prozent gestiegen.

Was will man eigentlich? Die Übertrittsquote erhöhen? Oder, dass die Eltern die Mittelschule besser akzeptieren?
Ich will nicht zwingend eine höhere Übertrittsquote ans Gymnasium. Ich will, dass diejenigen aufs Gymnasium gehen, für die diese Schulart richtig ist, und dass diejenigen, die an der Mittelschule gut gefördert werden, dort hingehen.

Wenn diese Diskussion bei Ihrem Sohn anstünde - würden Sie nicht auch versuchen, ihn zum Beispiel mit Nachhilfe so weit zu bringen, dass er es ans Gymnasium schafft?
Wie sehr man sein Kind fördern und fordern darf, hängt ganz vom Kind ab. Es gäbe zwischen den genannten Schularten ja noch eine: nämlich die Realschule. Die Welt geht jedenfalls nicht unter, wenn man nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium wechseln kann. Und die Mittelschule wird auch besser wahrgenommen als die Hauptschule. Die meisten wünschen sich trotzdem nicht, dass ihr Kind auf die Mittelschule kommt. Aber die Diskussion in der vierten Klasse ist sehr einseitig. Wer motiviert ist, kann jederzeit nach einem Abschluss an einer Mittelschule andere Abschlüsse nachholen. Das System ist sehr durchlässig. Qualität und Aufstiegsgerechtigkeit sind unsere Ziele. Dazu haben wir Programme zur individuellen Förderung der Schüler, denn Durchlässigkeit und Förderung bedingen einander.