In der Luft liegt der Geruch von Emaille, ein Roboter zischt, lautlos schweben die mit Laser verschweißten Blechkästen davon. Alle zwölf Sekunden läuft im Electrolux-Werk in Rothenburg ob der Tauber ein Backofen vom Band. Sie werden unter 26 verschiedenen Marken verkauft; eine davon ist AEG. Der einstmals große deutsche Industriekonzern existiert heute nur noch als Name - wenn auch als Name mit langer Tradition. Die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) wurde vor 125 Jahren gegründet.

Sie entstand im Mai 1887 aus einem Vorläuferunternehmen des Firmengründers Emil Rathenau, der sich zunächst den damals neuen Glühlampen verschrieben hatte. Doch schnell erweitert sich die Produktpalette, AEG stellt Dampf- und Dynamomaschinen, Elektromotoren, Autos, Pumpen, Kabel und Gebläse her. Schon bald kommt der Bau kompletter Straßenbahnsysteme sowie Kraftwerke hinzu. Der Einstieg in die drahtlose Telegrafie mündet in die Gründung der Telefunken.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges ist AEG nach Angaben des Historikers und früheren Mitarbeiters Peter Strunk "das unbestritten größte deutsche Unternehmen der Elektroindustrie, größer noch als Siemens". Doch obwohl sich die Rüstungsproduktion als neues Zugpferd erweist, ist AEG nach dem Krieg finanziell empfindlich geschwächt. In der schweren Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg rutscht der Konzern in die roten Zahlen und entlässt innerhalb von fünf Jahren 40.500 Mitarbeiter.


Von Rüstungsaufträgen profitiert



Im Zweiten Weltkrieg profitiert AEG erneut von Rüstungsaufträgen. Die Mitarbeiterzahl schnellt wieder nach oben, von 55.000 auf 102.000. Der Konzern übernimmt laut Firmenchronist Strunk in den besetzten Gebieten Osteuropas zahlreiche Betriebe und setzt auch KZ-Häftlinge ein.

Das Kriegsende trifft AEG umso härter: Drei Viertel der Substanz gehen durch Enteignung oder Kompensations-Demontagen verloren. Dennoch gelingt es dem Unternehmen mit enormen Wachstumsraten, seinen Weltruf in relativ kurzer Zeit wiederherzustellen. Vor allem das Hausgerätegeschäft erlebt einen rasanten Aufschwung: AEG bringt mit dem "Lavamat" den ersten Waschvollautomaten auf den Markt, auch Kühlschränke und Konsumgüter wie Haartrockner finden im Nachkriegsdeutschland reißenden Absatz.

Ebenfalls in den 50ern führt AEG den Werbeslogan "Aus Erfahrung Gut" ein, der im Volksmund schon bald verspottet wird. Sprüche wie "Ausgepackt - Eingeschaltet - Geht nicht" machen spätestens dann die Runde, als Führungsprobleme und Finanzchaos offensichtlich werden. Anfang der 70er zahlt der Konzern zum letzten Mal eine Dividende, bevor die Ölkrise die Nachfrage zusammenbrechen lässt, AEG mit dem Bau von Kernkraftwerken ein Fiasko erleidet und der Ausstieg aus dem Computergeschäft einen herben Verlust an technologischer Kompetenz nach sich zieht.


Balance am Abgrund



Das Unternehmen balanciert jahrelang am Abgrund. 1982 meldet die Konzernleitung beim Amtsgericht Vergleich an, der Ausverkauf zukunftsträchtiger Unternehmensteile beginnt. 1985 steigt Daimler-Benz bei AEG ein. In den kommenden Jahren geht der Elektrikriese immer weiter in dem Autohersteller auf, bis es 1996 zur Verschmelzung und Streichung aus dem Handelsregister kommt. Die AEG als solche gibt es nicht mehr, dennoch tragen mehrere Dutzend Unternehmen weiter AEG im Namen.

Am bekanntesten ist die Hausgerätesparte, die mitsamt der Markenrechte an Electrolux verkauft wird. Als die Schweden nach der Schließung des Hausgerätewerks in Kassel 2005 auch das Aus für das Nürnberger Werk verkünden, bricht ein Sturm der Entrüstung los. Wochenlang streiken die Arbeiter bei eisigen Temperaturen und erstreiten imposante 150 Millionen Euro für einen Sozialtarifvertrag. Die Verlagerung der Produktion ins billigere Ausland können sie allerdings nicht verhindern. Die Electrolux-Deutschlandzentrale bleibt jedoch in Nürnberg.


Verhaltene Solidarität



Im nur 70 Kilometer entfernten Rothenburger Werk ist die Solidarität damals verhalten - die Mitarbeiter fürchten um ihre eigenen Arbeitsplätze. Am Ende überlebt ihr Werk als einziges in Deutschland. Auch heute noch steht Werksleiter Johann Reindl unter Druck. "Wir haben eine Effizienzsteigerung jährlich von sechs bis sieben Prozent", berichtet der Manager, der inzwischen auch zum Co-Geschäftsführer von Electrolux Deutschland aufgestiegen ist. Er ist damit nicht nur für die mehr als 1100 Arbeiter seines Werkes verantwortlich, sondern auch für die übrigen 900 deutschen Electrolux-Mitarbeiter in Vertrieb, Kundendienst und Logistik.

Reindls hoch automatisiertes Werk in Rothenburg kann innerhalb von acht Tagen 1300 unterschiedliche Produkte herstellen, zwei Millionen Geräte sollen es in diesem Jahr werden. "Wir brauchen den Einsatz moderner Fertigungstechniken, wir brauchen unsere Kernkompetenzen Schnelligkeit und Flexibilität", schildert Reindl. Nur so komme man der "idealen Fabrik" immer näher - und nur so könne man im harten Kostenwettbewerb die Produktion in Deutschland halten.