Nun ist also zumindest einer der flüchtigen Sexualstraftäter endlich gefasst. Der Fall der seit über drei Wochen flüchtigen Christoph J. und Karl-Heinz L. erregt deutschlandweit die Gemüter - wieder einmal. Denn dass zwei potenziell gefährliche Straftäter aus der Psychiatrie entflohen sind, ist sehr schlimm. Doch mehr als diese einfache Tatsache, beschäftigt die Menschen etwas anderes: Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Und vor allem: Warum darf ein Mann, der wie der 40-jährige J. einem 15-jährigen Mädchen Gewalt angetan hat, überhaupt auf Freigang?

Recht auf Resozialisierung

Schnell wird dann die Forderung laut, Sexualstraftäter ganz einfach für immer wegzusperren. Überkommene Beißreflexe werden aktiviert, jede abweichende Stimme wird niedergeschrien. Und nicht nur das - Jeder, der einen differenzierteren Umgang mit dem Problem fordert, macht sich der Sympathie für die Täter verdächtig.

Dabei geht es eigentlich um etwas ganz Anderes: Man muss nicht erst das deutsche Strafgesetzbuch hervorkramen, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass jeder Mensch neben der richtigen und wichtigen Bestrafung auch die Chance verdient, seine Straftat einzusehen und zu bereuen. Jeder verdient die Möglichkeit der Resozialisierung. Dazu gehört eben auch die Perspektive, irgendwann wieder Teil der Gesellschaft sein zu können. Das sollte insbesondere für Täter gelten, die psychisch krank sind.

20 Jahre musste Christoph J. seit seiner Einweisung 1995 auf seine Bewährungsprobe warten. 20 Jahre sind länger als die durchschnittliche Haftdauer von zu Lebenslang verurteilten Verbrechern in Deutschland.

Zwar lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass Christoph J. seine Chance vertan hat. Doch wer daraus schließen will, dass man alle Sexualstraftätern für immer wegsperren sollte, vergisst eben jenen fundamentalen Wert unserer Gesellschaft, dessen Fehlen Tätern wie Christoph J. oft unterstellt wird: die Menschlichkeit.