Die Lage ist ernst. Mehr noch: Sie ist existenzgefährdend. Das ist die Botschaft, die Tattoo-Studios in Bayern mit einem am 18. April 2021 veröffentlichten Video verbreiten. Insgesamt 44 Tätowierer und Tätowiererinnen machten in dem rund sechs Minuten langen Statement ihrem Frust Luft. Dabei blieben sie stets sachlich und argumentierten nachvollziehbar. 

Grund des Appells: Die Tattoo- und Piercing-Studios dürfen seit dem 1. November 2020 ihre Läden nicht mehr öffnen. Bayern ist dabei das einzige Bundesland, das an diesem Verbot bis heute festhält. Zum großen Bedauern der Inhaber und Inhaberinnen, die mit der Körperkunst ihren Lebensunterhalt verdienen. 

Tattoo-Studios seit fast einem halben Jahr in Bayern geschlossen

Dabei gebe es einen entsprechenden Fahrplan, der in den anderen 15 Bundesländern bereits gelte, so die Tätowierer. „Anfang März beschloss die Bund-Länder-Konferenz, die restlichen – also alle – körpernahen Dienstleistungen in Deutschland zu öffnen“, sagte David Bachinger von, „Color vor Sinners“ aus Weissenhorn. Tom‘s Tattoo aus Ottobrun ergänzte: „15 von 16 Bundesländern setzten dies konsequent um. Bayern ließ als einziges Bundesland die Tätowierer geschlossen.“

Für den Initiator der Video-Aktion, Thomas Fechner von Tempel-Tattoo, grenzte die anschließende Äußerung von Ministerpräsident Markus Söder Ende März, es müsse „in Deutschland einheitliche Regeln geben“ an puren Hohn. Gehe doch Bayern als einziges Bundesland bei den sogenannten „körpernahen Dienstleistungen“ einen Sonderweg. Noch kurioser mutet diese Vorgehensweise an, wenn man die Stellungnahme des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie gegenüber des Bundesverbandes Tattoo sieht. In dieser versichert das Ministerium, es sei „der festen Überzeugung, dass eine Öffnung der Tattoo-Studios unter strengen Hygienevorschriften möglich ist, ohne ein erneutes exponentielles Wachstum der Fallzahlen zu riskieren.“

Nur wann genau dies der Fall sein wird, dazu schweigt sich das Staatsministerium zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus. Ebenso, wie zu der provokativen Feststellung der Inhaberinnen von Juvana-Tattoostudio und „Gabby & Robby“ von "Owl’s den Tattoos": „Die Schwarzarbeit in den Wohnzimmern boomt. Die sozialen Netzwerke sind voll mit unzähligen Beispielen. Wie da wohl die Hygiene und Kontaktnachverfolgung ist?“
Dennoch versichert ein Sprecher in einer Stellungnahme, er werde sich „weiterhin entschieden für bald mögliche Lockerungen in diesem Bereich“ einsetzen.

"Hygiene schon immer essenzieller Bestandteil der Arbeit", so die Inhaber der Tattoo-Studios

Darüber hinaus solle auch das Interesse des Bundesverbandes Tattoo und der Aspekt der Gleichbehandlung berücksichtigt werden. Für die Körperkünstler ist die Sonderbehandlung insbesondere deshalb nicht nachvollziehbar, weil Hygiene „schon immer einen essenziellen Bestandteil“ ihrer Arbeit darstelle. Denn Kunden vor übertragbaren Krankheiten zu schützen, gehöre schon seit jeher zur Arbeit eines Tätowierers. 

„Dinge wie Desinfektion, das Tragen von Masken und Handschuhen und Kontaktnachverfolgung gehören nicht erst seit Corona zu unserem Hygienestandard“ mahnte Raimund von „Inferno Ink“.
Deshalb erkannte auch der Verwaltungsgerichtshof in Bayern, dass hier „möglicherweise eine Ungleichbehandlung“ vorliege. Nur: Aufgrund der vorherrschenden Pandemie hat dieser die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung nicht umgehend aufgehoben. Zu groß war das Risiko. 

Und so blieb diese Ungleichbehandlung bestehen. Denn Stand heute, 22. April, sind in Bayern die körpernahen Dienstleistungen wie Kosmetikbetriebe geöffnet. Nur eben die Tätowierer nicht. Auch nicht mit einem negativen Corona-Test. Warum? Das wissen die Inhaber auch nicht so genau.