Gut eineinhalb Wochen vor dem Münchner Bürgerentscheid über die dritte Flughafen-Startbahn spitzt sich der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des Projekts zu. Die Grünen beklagten am Dienstag, dass der Airport von den Betreibern und von den Befürwortern unzutreffenderweise als Jobmotor bezeichnet werde - was aber nicht stimme. Unterstützung bekamen die Grünen dabei vom Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen. Die Flughafengesellschaft, CSU-Landtagsfraktionschef Georg Schmid und Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) widersprachen vehement. Heubisch attackierte die Grünen dabei als "Fortschrittsverweigerer".

Thießen, der im Auftrag der Landtags-Grünen mögliche Auswirkungen des Flughafens auf den Arbeitsmarkt in der Region untersucht hatte, betonte, Flughäfen seien keine Jobmotoren. "Flughäfen schaffen netto keine Arbeitsplätze, sie verdrängen nur andere. Flughäfen sind nicht die Motoren, die eine Region nach oben ziehen." Der Wissenschaftler verwies auf eine von ihm vorgenommene empirische Auswertung von Daten aus den vergangenen 20 Jahren. Danach gebe es beispielsweise insgesamt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Flugverkehrs und der Zahl der Erwerbstätigen in der Region.

Zahl der Flughafen-Mitarbeiter habe sich verdoppelt


Die Flughafengesellschaft (FMG) konterte, die These, dass von Flughäfen keine Beschäftigungswirkung ausgehe, könne "nur als absurd bezeichnet werden". Seit dem Eröffnungsjahr 1992 sei die Zahl der Beschäftigten von 12.000 auf 30.000 gestiegen. "Für das Jahr 2025 wird nach der aktuellen Prognose im Falle einer Realisierung der dritten Start- und Landebahn ein Anstieg der Beschäftigtenzahl am Flughafen um circa 11.000 auf rund 41.000 erwartet", hieß es weiter.

Auch Schmid betonte, dass der Flughafen sehr wohl ein Jobmotor sei. "Er schafft krisensichere Arbeitsplätze, die nicht verlagert werden können. Heute arbeiten bereits rund 30.000 Beschäftigte rund um den Flughafen, durch die dritte Startbahn könnten allein am Flughafen rund 11.000 neue Arbeitsplätze entstehen." Allein ein neu in München stationierter Airbus A380 schaffe 400 neue Arbeitsplätze.

Stärkeres Wachstum als erwartet


Schmid betonte: "Für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes ist die dritte Startbahn dringend notwendig. Der Münchner Flughafen ist an den Grenzen seiner Kapazität angelangt." Heute starteten und landeten dreimal so viele Passagiere am Flughafen wie bei der Eröffnung 1992 prognostiziert. "Wenn man sich die 20-jährige Geschichte des Flughafens ansieht, ist festzustellen, dass die Prognosen der Flughafengegner regelmäßig daneben lagen." Der Airport sei oft stärker gewachsen als von den Betreibern prognostiziert.

Heubisch betonte ebenfalls, der Zusammenhang zwischen dem Ausbau des Flughafens und der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region sei eindeutig nachgewiesen. "Auch wenn die Grünen nun endlich jemanden gefunden haben, der den bekannten Gutachten und Prognosen widerspricht." Heute habe die Flughafen-Region die niedrigste Arbeitslosigkeit in Deutschland und sei ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von Wirtschaft und Wohlstand im Großraum München.

Grüne: Prognosen sind zu hochgegriffen


Der Grünen-Umweltexperte Christian Magerl kritisierte dagegen erneut, dass die Prognosen des Flughafens zur Zahl der Flugbewegungen zu hoch gegriffen seien. So sei die Zahl der Flugbewegungen zwischen 2005 und 2011 lediglich um 2,8 Prozent gestiegen, und zwar insgesamt - und dabei seien einst 2,9 Prozent pro Jahr prognostiziert worden. In den ersten 21 Wochen dieses Jahrs sei die Zahl der Flugbewegungen sogar um 3,4 Prozent zurückgegangen. "Es gibt keine Rechtfertigung für die dritte Start- und Landebahn", sagte der Grünen-Politiker.
Die Bürger der Landeshauptstadt - die neben dem Bund und dem Freistaat an der Flughafengesellschaft beteiligt ist - entscheiden am übernächsten Sonntag (17. Juni) über das Projekt. Wenn sich genügend Wahlberechtigte beteiligen und gegen den Bau votieren, ist das Projekt gestoppt. Andernfalls läuft das Verfahren weiter. Unter anderem werden dann auch noch die Gerichte das Wort haben. dpa