Bayern wurde von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Die erste Infektion im Freistaat wurde am 27. Januar bestätigt. Am 12. März folgte der erste Todesfall in Zusammenhang mit Covid-19. Fast ein Viertel aller Infektionen in Deutschland wurden in Bayern erfasst (61.158 von 256.850, Stand 11. September 2020). Auch knapp 28 Prozent aller Todesfälle im Zusammenhang mit Corona gab es in Bayern (2644 von 9342). Woran liegt das?

Auch im August und September stiegen die Corona-Zahlen vor allem im Freistaat. Einen Überblick über die Lage in Bayern gibt es hier. Zuletzt hatte Würzburg die kritische Marke von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner überschritten (7-Tage-Inzidenz). Und das, obwohl sich Ministerpräsident Markus Söder in der Krise gerne als Vorreiter im Kampf gegen Corona gegeben hat - und Bayern oftmals einschneidendere Maßnahmen ergriffen hat, als andere Bundesländer. Wie passt das zusammen?

Erste Fälle und die "Superspreader-Location"

Vorweg: Eine einfache Erklärung gibt es nicht. Jedoch könnten mehrere Faktoren dazu geführt haben, dass gerade der Freistaat unter der Corona-Krise zu leiden hatte und hat.

Als Erstes ist dabei an zeitliche Entwicklung zu denken. Ein Rückblick: Schon der deutschlandweit erste Ausbruch von Corona wurde in Bayern festgestellt. Quelle des Erregers war eine Frau aus Schanghai, die den Automobilzulieferer Webasto in Bayern vom 19. bis 22. Januar besuchte und an Firmentreffen teilnahm. Wenige Tage später zeigten erste Mitarbeiter der Firma Symptome. Zu jener Zeit gab es jedoch noch keine klaren Richtlinien zum Umgang mit dem damals neuartigen Virus - was die Verbreitung des Virus begünstigte. Allerdings konnte der Ausbruch dennoch relativ schnell unter Kontrolle gebracht werden - als alleinige Erklärung für die hohen Zahlen in Bayern taugt dieser Vorfall nicht.

Wichtiger könnte die Lage Bayerns in Europa sein. Und dies auf zwei Arten. Zum einen sei an den Corona-Ausbruch im österreichischen Ischgl erinnert. Der Skiort gilt als Epizentrum des Corona-Ausbruchs in ganz Europa. Eine deutsche Studie des "Instituts für Weltwirtschaft (IfW) im Juni bezeichnete den Ort als "Superspreader-Location". Dabei fanden die Forscher heraus, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Corona-Fallzahl in einem Kreis und dessen Entfernung zu Ischgl gibt. Anders ausgedrückt: Je näher ein Gebiet an Ischgl liegt, desto höher waren die Infektionszahlen (durchschnittlich). "Lägen alle deutschen Kreise so weit weg von Ischgl wie der Kreis Vorpommern-Rügen, gäbe es in Deutschland fast 50 Prozent weniger Infektionen mit dem Coronavirus", sagte IfW-Präsident Gabriel Felbermayr damals. Und: Bayern ist bekanntermaßen deutschlandweit das Bundesland, das am nächsten zu Österreich liegt. 

Bevölkerung und Testkapazitäten

Jedoch sollte sich dieser Effekt über die Zeit abschwächen und ausgleichen. Doch warum ist Bayern auch seit Juli, als die Fallzahlen nach dem Rückgang durch den Lockdown langsam wieder anstiegen, immer auf den "Spitzenplätzen" im deutschen Vergleich zu finden? Warum steigen die Zahlen im September in Bayern sprunghaft an?

Bedenken sollte man, dass die absoluten Zahlen nicht vergleichbar sind: Bayern hat nach Nordrhein-Westfalen (knapp 18 Millionen) die meisten Einwohner (etwa 13 Millionen). Klar, dass die absoluten Infektionszahlen in Bayern im Vergleich zu den anderen Bundesländern höher sind: Schließlich hat der Freistaat mehr Einwohner als das Saarland, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Schleswig-Holstein zusammen. Allerdings haben diese Bundesländer zusammen nicht einmal 20.000 Infizierte zu verzeichnen - und Bayern eben 61.158. Der Verweis auf die Größe des Bundeslandes allein kann also auch keine Erklärung liefern.

Auch ein anderes Argument steht auf schwachen Füßen: So wird seitens der Politik gerne drauf verwiesen, dass Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern seine Testkapazitäten deutlich ausgebaut hat. Seit Wochen wurden in Bayern mit die meisten Test pro 100.000 Einwohner durchgeführt. Mitte August lag Bayern laut einem Bericht des BR bei der Zahl der Tests auf Platz 2 nach Berlin. Im Umkehrschluss heißt dies aber auch, dass die Zahl der Tests nicht deutlich höher lag, als in anderen Bundesländern. Außerdem verwies das Robert-Koch-Institut darauf, dass die erhöhte Zahl der Tests nicht allein für den Anstieg der Fälle verantwortlich sein kann.

Risiko Urlaub: Reiserückkehrer als Hauptursache?

Was bleibt ist also auch hier wieder die Lage Bayerns: Der Anstieg in den letzten Tagen und Wochen scheint recht eindeutig mit Reiserückkehrern zusammenzuhängen. Zu den beliebtesten Reisezielen der Bayern gehören traditionell die Mittelmeer-Länder - allen voran Italien und die Balkan-Staaten. Also genau jene Länder, die auch zuletzt verstärkt mit wachsenden Corona-Zahlen zu kämpfen hatten. 

Hinzu kommt die zeitliche Komponente: Die bayerischen Sommerferien liegen im Ländervergleich recht spät: Viele Franken und Bayern waren noch bis Ende vergangener Woche im Urlaub - während in anderen Bundesländern bereits der Schulbetrieb wieder aufgenommen worden war. Dass also gerade jetzt die Zahl der Fälle in Bayern steigt, sollte nicht verwundern. Und: Auch in den Urlaubsländern Italien, Spanien oder auch Frankreich stieg die Zahl der Corona-Fälle in den letzten Tagen und Wochen stark an. Die Gefahr, sich bei einem Urlaub Ende August anzustecken, war also deutlich höher als bei einem Urlaub Mitte Juli.